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Adipositas bei Jugendlichen

„Konventionelle verhaltenstherapeutische Gewichtsreduktionsprogramme sind bei Jugendlichen mit extremer Adipositas weitgehend wirkungslos.“. Das ist nicht von mir, sondern vom Kompetenznetz Adipositas.

Nur um richtig verstanden zu werden : Tiefenpsychologische oder analytische Programme werden erst gar nicht validiert, dennoch werden immer noch übergewichtige Kinder zur Spieltherapie verdonnert…

Ich habe mich in den vergangenen Wochen etwas stärker mit dem Thema Adipositas, Ernährungsberatung und auch Adipositas-Chirurgie beschäftigt. U.a. bin ich da auf interessante Ansätze (Ernährungsbaukasten) bzw. Ansätze (z.B. aus Kanada) gestossen, die mich sehr zum Nachdenken gebracht haben.
Dabei zeigt sich, dass viele gängige Meinungen bzw. auch häufig anzutreffende Empfehlungen in der Behandlung von Adipositas letztlich überhaupt nicht wissenschaftlich abgesichert sind, sondern vielmehr wirkungslos und schädlich sind. Es handelt sich eben nicht um Erkenntnisse, sondern um Vorurteile und Mythen.  Die aber noch gängige therapeutische Praxis sein können.

Am Wochenende 21./22.11. hätte man nun in Leipzig die Chance, sich sachkundig über Diabetes und Adipositas zu machen. Neben wissenschaftlichen Symposien findet sich das Who is Who der Diabetes-Pharmafirmen bzw. Anbieter für Diabetikerbedarf mit gesponserten Symposien, die den Teilnehmern meist auch ein Sandwich und ein Tagungsgetränk sichern (oder eben auch nicht mehr). Leider ist es ja gängige Praxis, dass da dann genau die Referenten sprechen und bezahlen lassen, die so unabhängig am Vormittag und Nachmittag über die Standards der Adipositas oder Diabetes-Behandlung berichteten. Ich habe immerhin 9 solcher Symposien von etlichen Firmen gezählt. Natürlich ist es eine fiese Unterstellung zu behaupten, dass die Sponsoren dieser Tagung  eigentlich ein Interesse haben müssten, dass Adipositas nicht oder unsinnig behandelt wird, damit sich eben mehr Absatz für Diabetiker-Bedarf und Medikamente einstellt. Oder stösst nur mir dies in Form von Sodbrennen bitter auf oder verursacht Spannungskopfschmerz , wenn man sich den Veranstaltungsplan anschaut und einem die pink unterlegten Sponsor-Symposien ins Auge stechen ?

Irgendwie ist es ja ein durchgängige Thema der Seelenklempnerei, das das medizinische oder psychotherapeutische Standard-Vorgehen eben nicht (immer) das Gelbe vom Ei ist. Und man vielleicht mal unkonventionell bzw. „anders“ an die Sache herangehen müsste. Wobei ich keinesfalls für mich in Anspruch nehmen, es nun besser als die Experten zu wissen.

Schauen wir mal, was State of the art im Kompetenznetz Adipositas ist :

Bei den Experten  setzt sich so ganz langsam die Erkenntnis durch, dass Adipositas zunimmt und das eben auch zunehmend oder gerade Kinder und Jugendliche schwer betroffen sind. Und trotz jahrelanger Appelle und Bemühungen wollen doch diese Kids einfach nicht abnehmen.

Erwachsene eben auch nicht.

Das sichert auf jeden Fall Forschungsgelder für ein Kompentenznetz Adipositas, auch wenn Adipositas aus Kostengründen nicht in die Chronikerversorgung mit aufgenommen werden soll.

Da heisst es nun in einer Verlautbarung der Experten  : „Nur ein kleiner Teil der Patienten sucht aktiv nach einer Behandlung“.

Das ist nun wirklich überraschend, oder ? Und schon fast  undankbar von den Kindern und und Jugendlichen, wo es doch so viele und so wirkungslose Abnehmprogramme gibt und sich so viele Leute schlaue Gedanken über die Theorie der Adipositas-Behandlung und Prävention machen. Deren Zugangswege aber letztlich weitgehend unbekannt sind. Oder aber von den Kostenträgern eben gar nicht akzeptiert oder bezahlt werden. Statt sich an die eigene Nase zu fassen und Selbstkritik zu üben, sind es die Erschwernisse durch die Patienten bzw. deren Angehörigen, die die miesen Ergebnisse erklären.

Ganz bestimmt weigern sich die Eltern, weil diese ja nun selber fett und bewegungslos auf der Couch verweilen und RTL2 schauen.

“ Es ist unser klinischer Eindruck, dass diese Gruppe auch aufgrund des geringen anfänglichen Interesses und geringer Compliance sehr schwierig zu behandeln ist. “

Klinischer Eindruck ist ja schön und gut. Ich bin sehr dafür. Es widerspricht nur wissenschaftlichen Erkenntnissen der Fachliteratur , dass es der Widerstand bzw. mangelnde Compliance ist, dass die Therapieprogramme Mist sind. Aber es wird weitgehend ein weiter so propagiert.

Sollen die Kinder selber auf die Kompetenznetzwerke zugehen und dort klingeln ? Leider gibt es auf der Homepage keinen Klingelknopf oder Anlaufstellen. Aber eine neue Studie, die nun auf die Suche danach geht, so man diese Kinder denn nun antreffen könnte. Und dann schauen die Forscher den Jugendlichen erstmal 9 Jahre dabei zu, was sie so nicht machen. „Wir werden dadurch Einblick erhalten in den natürlichen Verlauf der extremen Adipositas im Jugendalter. “ Und die Forscher interessieren sich dafür, wer es dann überhaupt bis in den Arbeitsmarkt schafft….
Ganz ehrlich, wäre ich schwer adipös, würde ich jetzt aus Verzweifelung  erstmal zu Burger-King laufen. Nein, besser mit dem Auto fahren, da man als adipöser Mensch natürlich zu viel sitzende Tätigkeiten und zu wenig Bewegung haben soll aus Sicht unserer Forscher.  Wenn die Fast-food-Bude nicht gerade wegen Hygiene-Missstände geschlossen wäre…

Die Wissenschaftler machen das Alter, den Bildungsgrad bzw. die damit verknüpften Rahmenbedingungen dafür verantwortlich, dass diese fetten Kindern sich nicht bewegen und zu den Kompetenzlern kommen.
Aber eben auch : Frustration durch erfolglose Abnehmversuche bzw. völlig ungeeignete Therapieansätze.

„Erfolglose Versuche Gewicht abzunehmen, entweder alleine und/oder mit medizinischer Betreuung, könnten zudem zu Frustration geführt haben.“

Könnten.

Das Kompetenznetz unterstellt mal eben den Jugendlichen bzw. der Zielgruppe eine „ablehnende Haltung“. Also Widerstand oder Vermeidung gegen die tollen Angebote. Steht da mehr oder weniger so drin.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, vielleicht sollte man dann erstmal bei sich selber anfangen zu überlegen, ob dies ein guter Zugangsweg zur Zielgruppe ist ? Und ob es nicht versteckte oder offene eigenene Interessen dafür gibt, dass alles so bleibt, wie es war.

Wer Kinder und Jugendliche mit Adipositas  schon einmal persönlich gesehen oder gar mit ihnen gesprochen hat (und nicht nur in der Akademikerstudie mit Statistikprogrammen die Studien für die nächte Konferenz oder Publikation vorbereitet) weiss, dass Kinder ein sehr feines Gespür dafür haben, wenn sie verarscht bzw. mit völlig unsinnigen und nicht funktionierenden Vorschlägen konfroniert werden, die die Erwachsenen schon selber nicht hinbekommen haben.

Als Konsequenz überlegen sich jetzt die Frauen und Herren Wissenschaftler, dass sie eine neue Studie machen wollen. Eine „JA-Studie“. Dort wird nun weniger auf die Gewichtsabnahme fokussiert, sondern auf Gesundheitsverhalten. Was nun auch nicht so unbedingt gerade 2014 eine neue Erkenntnis ist. Niederschwellige Gruppeninterventionsangebote ….   Wenn Sie denn die Zielgruppe mal mobilisieren könnten.

Hierzu ist die STEREO-Studie gedacht. Ich schätze eigentlich Prof. Hebebrand, aber so richtig überzeugend finde ich das Studiendesign nicht. So richtig erschliesst sich für mich noch nicht, wo denn nun der Unterschied zwischen der Interventions- und der Kontrollgruppe liegen soll. Und wie ich niederschwellig nun unterscheide, ob ich in der Gruppe :
„Soziale Kompetenz, Stressbewältigung, Körperschema, Umgang mit Hänseleien bzw. Ärger, Lebenszufriedenheit, psychisches Wohlbefinden“ behandele, oder  aber

(Kontrollgruppe) : „Ursachen, Folgen und Therapie der Adipositas, Ernährung (Optimix), Essverhalten, Problemlösestrategien, Selbstwert, negative Kognitionen, Bewegung, Sport, Medienkonsum“

Bereits hier werden dann die meisten Jugendlichen aussteigen… Wobei sie ja erst gar nicht in diese niederschwelligen Angebote kommen werden.

Was (auch für mich als bekennender Psychotherapeut) sich immer mehr durchsetzt ist die schmerzvolle Erkenntnis, das bei schwerer Adipositas (nicht nur im Jugendalter) eine möglichst schnelle (bariatische) Adipositas- Operation Mittel der Wahl wäre. Kein anderes Verfahren erreicht so schnell und so dauerhaft eine Gewichtsabnahme bzw. schafft die Voraussetzungen, dass sich nicht noch weitere schwere Komplikationen und Begleiterkrankungen bei dieser Hochrisiko-Gruppe einstellen.

Interessant und bezeichnend für die Sichtweisen der Wissenschaft im Jahre 2014 finde ich aber, dass die Adipositas-Kompetenzler nun nicht etwa eingestehen, dass ihre jahrelangen Bemühungen im besten Fall den Klienten nicht weiter geschadet haben (was man noch nicht einmal belegen könnte). Auf jeden Fall aber nicht genützt haben. Statt dessen kommen sie zu dem Ergebnis, dass die Op-Methoden hinsichtlich Vor- und Nachversorgung mangelhaft wären.
Nicht, weil die Methode schlecht oder nicht indiziert wäre. Sonder weil die Qualitätssicherung mangelhaft wäre.

Ah ja. Da ist wieder eine DIN-Norm nicht aus Sicht der Wissenschaftler erfüllt worden. Eigentlich sind sie nur eingeschnappt und tief beleidigt, dass die stupiden Adipositas- Chirurgen bessere Ergebnisse erreichen als alle Ernährungsberater, Diätgurus und Verhaltenstherapeuten zusammen.

Geben Sie aber nicht zu. Und feiern sich dann selber. Auf nach Leipzig.

Ich werde also nicht nach Leipzig fahren und auf die Taschen und Symposienbeilagen und Sandwiches verzichten müssen. Ich werde nicht zum gesundheitsbewussten Sterne-Abendessen eingeladen werden.

Denn dieser Beitrag ist nicht von Sanofi, Berlin-Chemie, Lilly, Novo Nordisk, Ypsomed GmbH, Abbott, oder Medtronic / Bayer finanziert und unterstützt. Merkwürdig, warum werde ich bloss nicht zu entsprechenden Industrie-Symposien bei ADHS oder anderen Themen eingeladen ? Kann das mir Irgendjemand erklären ?

Mein Vorschlag für die Keynote zur Eröffnung in Leipzig wäre : Jean Phillip Chaput : Widespread misconceptions about obesity (Can Fam Phyiscian 2014; 60:973-6). Mehr dazu in einem späteren Artikel…

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