Schlagwort-Archive: Familiensystem

Familiensysteme nicht nur bei Essstörungen : Eine harte Nuss

Manchmal lassen sich Familiensysteme besser über Figuren, Tiere oder Pflanzen darstellen. Das ist wohl in der analytischen Spieltherapie bzw. auch in vielen systemischen Therapieansätzen bestens bekannt. Das therapeutischen Arbeiten mit Imagination = inneren Bildern hilft Zusammenhänge zu erkennen und zu verändern.

In einer Therapiestunde einer Patientin mit schwerer emotional-instabiler Persönlichkeitsstörung und einer von mir als symbiotisch eingeschätzten dysfunktionalen Beziehung zur (Borderline-Mutter) wird dies wie folgt deutlich.

Es geht mir zunächst darum, dass Frau P immer und immer wieder den telefonischen Kontakt zu ihrer Mutter sucht, der ihr aber nicht gut tut. Ja, eigentlich schon eher als selbstschädigendes Verhalten zu werten ist, da sich in der Folge von Kontakten u.a. Hautwunden an den Händen jeweils deutlich verstärken und auch die bulimische Essstörung stärker wird.

Die Mutter habe aber eine Angststörung, bzw. könne sich allein nicht durchsetzen. Da sich die Schwester der Klientin gerade von der Familie losgesagt habe (nach einem Streit mit dem Vater), benötige die Mutter noch mehr Unterstützung.

Ich lasse Frau P. jetzt das Lebensgefühl ihrer Mutter in ein Bild übersetzen und biete dafür Obst oder Gemüse an. Sie solle sich also in ihre Mutter hinein versetzen und mir das Lebensgefühl beschreiben. Spontan fällt ihr eine braune Kokosnuss ein. Diese sei nach aussen hin „normal“ braun und fest, aber eigentlich überreif. Innerlich sei sie faul bzw. schimmelig und beinhalte eine schwarze, klebrige Flüssigkeit. Diese sei aber für Aussenstehende nicht erkennbar.

Als ich sie frage, welches Gefühl dabei entsteht, wenn sie sich jetzt mit dem Lebensgefühl der Mutter beschäftigt, so übersetzt sie dies spontan als eine Walnuß. Diese sei schwarz und sehr klein. Fast unsichtbar.

Die Kokosnuß und die Walnuß ständen in einer besonderen Abhängigkeitsbeziehung. Zwar habe die Kokosnuß eine harte Schale, aber die Walnuß sei noch widerstandsfähiger bzw. könne in das innere der Kokosnuß schauen. Sie müsse sie stabilisieren. Andererseits sei die Kokosnuß ja grösser und älter und beschützte in gewisser Weise die Walnuß. Beide könnten ohne die andere nicht existieren.

Nun kommen wir zum Vater. Dieser wäre in dem Bild ein grünes Moos. Was sich um die Kokosnuß schmiege, zur Walnuß aber kaum eine räumliche Beziehung habe.

Frau P. schildert, dass es ein parasitäres (symbiotisches) Verhältnis zwischen Moos und Kokosnuß gäbe. Diese beiden Gewächse würden quasi gemeinsam (aber eben nicht allein) Widrigkeiten begegnen.

Die Schwester „hänge als Banane“ an einem anderen Baum. Sie habe derzeit keine räumliche (emotionale) Beziehung. Spielte aber in der Vergangenheit eine wesentliche Rolle. Die Walnuß habe viel auf sich genommen, um die Banane zu schützen.

Nun könnte man natürlich viel in dieses Bild bzw. „Aufstellung“ hinein interpretieren. Abgesehen von den spontanen Schilderungen von Frau P. vermeide ich soweit es geht eigene Analysen, frage eher interessiert nach, wofür das Bild stehen könnte.

Dann leite ich 10 Augenbewegungen von rechts nach links an.

Frau P schildert, dass sich die Kokosnuß und das Moos etwas von einander trennen. Das Moos würde spüren, dass es nicht mehr viel von der Nuß profitieren könne. Das wiederum würde der Kokosnuß widerstreben.

Die Walnuß würde unruhig hin und her rollen.

Der gefällt das wohl so nicht….

Diese Art von Familientherapie würde dann darauf zielen, dass man alle Beteiligten ähnlich einbezieht. Weil es gegenseitige Wechselwirkungen / Ängste und Abhängigkeiten bis hin zur Symbiose gibt.

Denn auch aus einem kleinen Nüsslein möchte bzw. muss eine grosse Nuss werden. Man muss sie nur lassen.

Neuropsychotherapie der Essstörungen

Viele (alle) Patientinnen mit einer Essstörung sind ausgesprochen kreative und leistungsorientierte Patientinnen und Patienten Sie gehören häufig zu den schulisch besten Schülerinnen ihres Jahrgangs. Keine Regel ohne Ausnahme. Ganz klar. Aber häufig haben wir es mit wahren „Hochleistungsgehirnen“ zu tun, was sich auch in der therapeutischen Arbeit häufig als Herausforderung darstellt.

Anders ausgedrückt : Die meisten unserer Patientinnen sind intellektuell nicht dümmer bzw. eher weit schlauer als wir Therapeuten. Sie nehmen sehr sehr viel von ihrer Umgebung wahr und analysieren dies oft treffsicher, sie können dieses Wissen auch prima bei anderen Klientinnen ansprechen und dortige Problembereiche erkennen. Ich habe es wiederholt erlebt, dass die Patientinnen die wahren Expertinnen in Sachen Essstörungen sind. Oder aber auch einfühlsamer bzw. unterstützender sein konnten, als dies unsere Psychotherapeutinnen und -therapeuten je sein konnten. Im Gegensatz zum Psychologen oder Arzt haben sie ja auch viel länger Erfahrung in diesem Gebiet. Ihr Gehirn hat sich durch die ständige Wiederholung und tagtägliche Auseinandersetzung zum Superfachmann in diesem Gebiet gemausert.

Anorexie Störungsmodell aus Sicht der herkömmlichen Psychotherapie

Hier  beschreibt eine Patientin aus meiner früheren Klinik, was Sie (bzw. die leitende Oberärztin Frau Wünsch-Leiteritz) so über Essstörungen wie Anorexie weiss oder denkt. Sie weiss bzw. spürt, dass sie den Anforderungen an Leben bzw. Problemen nicht gewachsen ist. Nicht genügend „erwachsen“ ist. Vorgänge / Familiensysteme nicht so über direktes Verhalten (Sprechen) beeinflussen zu können, wie sie es für erforderlich hält. (Wobei sie sich da möglicherweise eben auch eine Macht bzw. Aufgabe zuspricht, die sie eigentlich gar nicht haben darf / soll / muss).  Es ist anorexie-typisch präzise auf den Punkt. Ich könnte es nicht besser ausdrücken, was man über Kognitionen und Fehleinstellungen zur Anorexie denken und wissen kann/ muss.

Sie können dieses Wissen nur nicht auf sich selber anwenden bzw. durchhalten oder gar das Verhalten so ohne weiteres ändern und diese Änderung beibehalten, wenn sie wieder im Alltag auf sich allein gestellt sind. Und sie können (mit Worten) nicht ausdrücken, in welcher Notlage sie sich eigentlich befinden. Sie fühlen sich missverstanden und im Verlauf der Essstörungserkrankungen machen sie immer mehr Erfahrungen, die sie in Unverständnis bzw. Rückzug treiben.

Cognitive Remediation Therapie bei Anorexie

Die Essstörung ist also ihr Spezialgebiet. Ein Gebiet, dass sie unter Kontrolle haben und das ihnen Macht gibt. Macht über sich selber und Macht über ihre Umgebung.

In den letzten Jahren hat sich bei einigen Therapeuten mit langjähriger Erfahrung in der Rehabilitation psychiatrischer wie psychosomatischer Krankheitsbilder die Erkenntnis durchgesetzt, dass nicht das „WAS“ , sondern das „WIE“ beim Denken beeinträchtigt sein könnte. Also nicht die Inhalte und Überzeugugen, sondern die neuropsychologische Funktion von Hirnvorgängen, die man auch als höhere Handlungsfunktionen oder Exekutivfunktionen bezeichnet. Hierzu muss man also auf eine sogenannte „Meta-Ebene“ gehen und sich einmal die Frage stellen, wie nimmt denn das Gehirn meiner Patientin ihre Welt wahr und wie geht sie damit um. Dann gibt es einen Unterschied zwischen Wissen bzw. Können und Anwenden, also im Alltag tun (oder lassen).

Die amerikanische Neuropsychologin Alice Medalia hat diese Therapieansatz als NEAR (Neuropsychological & Educational Approach to Remediation) in die Fachwelt eingeführt. Ziel dabei  : Verstehe die indviduelle Funktionsweise deines Gehirns, vermittele dies durch Wissensvermittlung an die Betroffenen und ihre Angehörige und lerne damit möglichst angemessen umzugehen. Das wird dann auch als „Cognitive Remediation“ bezeichnet.

Wie orientieren wir uns eigentlich im Leben bei neuen Herausforderungen ?

Schauen wir uns das zunächst an einem Beispiel an, dass nichts mit Essstörungen zu tun hat. Beispielsweise das Erlernen des Autofahrens bei einer 17 jährigen Fahrschülerin.Dabei setzen wir viele scheinbare Selbstverständlichkeiten voraus, die gar nicht so selbstverständlich sind. So benötigen wir zunächst ein gut gewartetes, möglichst voll betanktes Fahrschulauto.  Wäre ja blöd, wenn die erste Fahrstunde nun aufgrund eines von der Fahrschülerin nicht zu verantwortenden technischen Defektes oder aber schlicht Energiemangel = Spritverlust nicht klappt. Vielleicht ist noch wichtig, ob es nun ein Schaltwagen ist oder ein Automatikgetriebe hat. Wir passen noch die Sitzhöhe und die Spiegel an. Mindestens. Dagegen spielen andere Details, etwa die Farbe des Autos oder Schnickschnack der technischen Ausrüstung des Wagens, keine Rolle. Sie lenken eher ab.

Dann kommt es darauf an, wie die Umgebungsverhältnisse sind. Ist die Sicht gut oder gibt es Nebel, Regen oder gar Schnee. Wie sind die Strassenverhältnisse vom Untergrund und natürlich auch, was ist auf der Strasse an Verkehr so los.

Natürlich setzen wir hier weiter gute, möglichst frei befahrbare Strassen voraus. Die meisten Fahrlehrer werden auf einer breiten, möglichst auch für das Erlernen von Anfahren und Abbremsen geeigneten Strecke zurückgreifen. Aber man nimmt, was man bekommt oder hat. Meine erste Fahrstunde war im Feierabendverkehr der Innenstadt in Lüneburg. Es war Stop and Go. Anfahren konnte ich dabei lernen…. Und für das Bremsen hatte der Fahrlehrer immer einen Fuss auf der Bremse. Sicher ist sicher…

Aber weit gekommen sind wir in den ca 50 Min eher nicht. Denn man  benötigt  beim Autofahren ein Ausgangspunkt (Abfahrtsstelle) und ein Ziel. Bei mir war es eben die Fahrschule mitten in der Innenstadt, die wir nach 45 Min ja wieder für den nächsten Fahrschüler erreichen mussten. Das reichte also gerade mal für eine Innenstadtrunde. Heute ist das da alles verkehrsberuhigte Fussgängerzone. Der Fahrschullehrer kennt aber eben (im Gegensatz zum Schüler oder der Schülerin) schon die Verkehrssituation, d.h. er (oder sie) kann vorausschauend planen, wo und wie lange es wohl langgeht. Ausnahmen bestätigen wieder die Regel. Dann kommt es darauf an, wie flexibel man mit der neuen Situation umgehen kann. In einer Fahrschulstunde beispielsweise dadurch, dass man den Fahrtweg verändert je nach individuellem Fortschritt der Schülerin bzw. auch der Verkehrssituation.

Für das Erlernen des Autofahres benötigen wir also in aller Regel eine weitere Person, die es schon kann. Das entscheidende dabei ist aber weniger das technische Wissen um das Autofahren das nun den Fahrlehrer von der Fahrschülerin unterscheidet. Das wurde ja im Theorieunterricht vermittelt. Dieses Wissen muss aber angewendet werden können bzw. eben die dabei stattfindenden komplexen Vorgänge gesteuert werden.

In einer Fahrstunde gibt es immer wieder Alarmsituationen. Aus denen man eigentlich lernen muss / soll. Wichtig ist hier, die Ruhe zu behalten. Und eben dann nicht in Angst und Schrecken zu verfallen.

Und gerade da ist die Auswahl bzw. die Persönlichkeit des Fahrlehrers entscheidend. Reagiert er selber ruhig und besonnen ? Oder versprüht er eine Atmosphäre und Vor-Anspannung, die letztlich die Lust am Fahren schon vor der ersten Bewegung in Richtung Gaspedal verunmöglicht ?

Lernen heisst, Erfahrungen zu integrieren. Also immer mehr und mehr Aufgaben selbstständig zu übernehmen. Leben heisst, aber eben eigene Erfahrungen machen zu dürfen. Und nicht aus den möglichen negativen Vorerfahrungen des Fahrlehrers selber am Fahren gehindert zu werden.

Eine Persönlichkeit entwickeln, heisst eben auch quasi ein neues Betriebssystem zu integrieren. Abschreiben von Betriebssystemen von Mama und Papa. Und dann irgendwann selber losfahren.

Klar, dann kann dieses System wieder zerschossen werden. Desintegriert werden. Gespalten bzw. durch Traumata und Dissoziation in seiner Integrität wieder gestört werden. Es kommt zu Blockaden und Störungen. Dazu komme ich noch.

Teilweise übernimmt dabei der Fahrlehrer also Hirnfunktionen der Fahrschülerin. Er /sie vermittelt aber noch stärker so etwas wie Grundsicherheit.

Gerade in der Pubertät sind bestimmte Hirnfunktionen quasi eine Baustelle. Das bezieht sich aber eben gerade auf die Frontalhirnfunktionen bzw. Exekutivfunktionen, die bei der Essstörung zu Problemen führen. Handlungsplanung und Umsetzung sind noch nicht verautomatisiert, wie es bei einer langjährigen Autofahrerin der Fall wäre. Dafür könnte ich aber heute auch kaum noch genau wiedergeben, welche Handlungen ich wann beim Schalten, Kuppeln etc im Strassenverkehr mache. Der Fahrlehrer übernimmt also Funktionen, die beispielsweise im Frontalhirn des Menschen angesiedelt sind. Also das Planen, das Bremsen (auf psychologisch  „Inhibition“ genannt) bzw. das situationsangemessene Handeln. Irgendwann verautomatisiert dies. Bis man also irgendwann es „von allein“ kann. Und gar nicht mehr darüber nachdenkt.

In dieser Phase ist es wichtig, dass man noch nicht alle Gefahren kennt. Das man quasi in Sicherheit gehalten wird. Derartige Übergänge (Transitionen) sind immer mit Unsicherheit und Anspannung verbunden. Sie zu bewältigen ist eine Entwicklungsaufgabe, die eben häufig bei Essstörungen misslingt.

Und die Umgebung geht (fälschlich) davon aus, dass diese so vordergründig zu vernünftigen und so schlauen Mädels eben gerade in diesem Bereich eine Stärke haben. Mehr machen und aushalten können, als man denkt. Und früher für sich und andere Menschen Verantwortung übernehmen (müssen)

Ermunterung und Unterstützung und eine stabile Grundpersönlichkeit

 

Stellen wir uns jetzt einmal vor, die Fahrschülerin würde zu Beginn der Stunde alle Anweisungen der nächsten 45 min von ihrem Fahrlehrer vorgelesen bekommen, die während der Fahrt entstehen. Klar, sie würde keinen Millimeter weit kommen, da dies ja schon 45 min dauern würde. Diese Anweisungen (Verbalisationen) laufen aber bei uns im Kopf auch als eigene Kommentare des Verhaltens wie Untertitel bei einem fremdsprachigen Film mit.

Diese Selbstverbalisation bestimmt aber die Motivation bzw. auch die Daueranstrengung für das Handeln. In der Pubertät schaltet das Gehirn leider bei negativen Aussagen der Eltern ab. Bzw. kann diese Aussagen nicht wirklich in das Betriebssystem so integrieren, wie es erforderlich ist. Eltern von essgestörten Patientinnen fallen häufig dadurch auf, dass ihre Kommunikation eben durch eine Häufung von Kritik bzw. Vorsicht, Ermahnung und sonstigen latent kritischen Botschaften geprägt ist. Die aber eben entwicklungspsychologisch vom Gehirn ihrer Töchter gar nicht gefiltert bzw. integriert werden können.

Ein guter Fahrlehrer wird also eher aufmunternde, positive Worte finden. Über 75 Prozent davon laufen aber eher ohne Worte, dh. nonverbal. Schlicht und ergreifend, weil noch mehr Anweisungen das Gehirn nur noch mehr durcheinander bringen würde. Hauptziel ist dabei, die Unsicherheit und Angst abzubauen, so dass sich die Fahrschülerin auf das Autofahren konzentrieren kann. Und Lernen funktioniert nur dann, wenn man keine Angst hat. Und wenn der Fahrlehrer keine Angst hat. Aber eben sorgsam und empathisch und echt handelt. Egal wie gut oder dämlich sich die Anfängerin anstellt, ein guter Fahrlehrer umschneichelt das Angstzentrum (Limbisches System = Mandelkern bzw. im Fachchinesisch Amygdala).

Wäre der eigene Vater oder die Mutter der Fahrlehrer, so würde genau der gegenteilige Effekt eintreten. Das eigene limbische System würde ständig aktiviert. Und letztich würde die Tochter irgendwann das Gefühl haben, sie müsste die Sorgen ihres Fahrlehrers „ent-sorgen“. Damit sich Mama oder Papa keine Sorgen mehr machen müssen.

Die Anweisungen sollten dabei so sein, dass sie auch verstanden werden können und umgesetzt werden. Idealerweise so, dass eine blinde Person sie in die Handlung umsetzen kann. Kurz, eindeutig und zielorientiert.

Und genau hier hapert es häufig bei den Familiensystemen bei esssgestörten Klienten. Entweder werden doppeldeutige Botschaften versendet, d.h. es besteht eine latente Doppelmoral. Nach aussen ist alles in Ordnung, im inneren brodelt es. Das mag für neurotypische Menschen nicht auffallend sein. Ein hochsensibles Mädchen spürt es aber ständig.

Es kann aber eben auch sich um „Miss-Verständnisse“ handeln, die auf die Entwicklungsverspätung bzw. – besonderheiten der eigenen Gefühlsregulation und – wahrnehmung zurückzuführen wären. Das Gehirn nimmt also bestimmte Informationen nicht vollständig und sinnerfassend auf. Es interpretiert dann Dinge in Aussagen oder Verhalten ein, die überhaupt nicht so gemeint waren.

Vor einigen Monaten  hörte ich, dass der Modeschöpfer Karl Lagerfeld nicht Auto fährt. Aber 2 Autos (der Luxuskategorie) besitzt. Er lässt Autofahren, was zu seinem verschrobenem Image gehören könnte. Ob die Pressemeldung nun stimmt oder nicht, sei dahingestellt. Wenn es stimmen sollte, dann wäre es für uns aber ein schönes Beispiel : Er  fährt nicht, weil er es aus neuropsychologischen Gründen nicht kann bzw. für sich selbst als zu gefährlich eingeschätzt hat. Angeblich wäre es für sein Gehirn zu langweilig immer geradeaus auf den Verkehr zu achten. Er würde überall und nirgends hinschauen, nur eben nicht auf den fliessenden Verkehr. Was zu Unfällen geführt hätte. Das wiederum hätte ihn verunsichert bzw. zu dem Entschluss geführt, nicht mehr Auto zu fahren. Er kompensiert das durch einen Chauffeur und lässt sich fahren. Er nutzt ein Ersatzgehirn ( bzw. „Body double“ ) für eine neuropsychologische Funktion, die ihm fehlt oder nicht so gut ausgeprägt ist. Dafür kann er andere Dinge offenbar besser, denn sonst könnte er sich ja nicht die Fahrzeuge samt Fahrer leisten.

Worauf ich hier hinaus möchte, ist also hier zunächst der Unterschied zwischen kognitiven Funktionen bzw. Fähigkeiten und akademischem Wissen.

Kognition bzw. Wissen in diesem Sinne bezieht sich also auf ein ganzes Spektrum von Fertigkeiten, die für die Wahrnehmung, Informationsaufnahme, Verständnis und Verarbeitung bzw Umsetzung von Informationen wichtig sind. Informationen sind dabei aber eben nicht nur die Ereignisse, die in unserer Umwelt passieren, sie müssen ja auch mit den Erfahrungen im Leben (Gedächtnis) abgeglichen werden. Wir müssen mit unserer Umwelt kommunizieren. Schliesslich muss dann auch das Wissen bzw die Absicht in ein Handeln umgesetzt werden. Diese spezielle Fähigkeit bezieht sich auf das sogenannte Prospektive Gedächtnis. Also eine Absicht auch wirklich durchzuführen.  Hier geht es also darum, im tagtäglichen „Alltagsbetrieb“ zu funktionieren. Man könnte auch sagen : Hier geht es eher darum, wie das Gehirn Lernen lernt bzw. umsetzt. Weniger um den Inhalt.

Akademisches Wissen wäre beispielsweise das Wissen über Literatur oder Vokabeln, mathematische Kenntnisse oder aber anderes „Schulwissen“. Man kann trotzdem gut in der Schule sein und ein hohes akademisches Potential haben und dennoch Probleme im Bereich der kognitiven Meta-Funktionen der höheren Handlungsfunktionen haben. Gerade dann.

Vermutlich werden wir alle mit etwas unterschiedlichen Stärken oder relativen Schwächen geboren, da diese Grundfertigkeiten eine hohe genetische (vererbte) Komponente aufweisen.

Nun entwickeln sich diese Grundfähigkeiten der Wahrnehmungs- und Handlungsfunktionen im Laufe der Kindheit bzw. Jugend weiter – oder eben auch nicht. Im Alter wiederum ist dann mit einem Nachlassen dieser Fertigkeiten bzw. Flexibilität zu rechnen, die man dann aber häufig eben auch durch Lebenserfahrung bzw. geeignete Lebensbedingungen mehr oder weniger gut ausgleichen kann. Und bei Angst oder Stress sind es genau diese Funktionen, die früh aufgeben bzw. blockieren. Die sich dann aber auch nicht entwickeln.

Bestimmte Dinge bzw. Fertigkeiten kann man aber entweder akzeptieren lernen bzw. geeigneite Hilfsmittel finden oder aber ggf. auch gezielt trainieren.

Das zumindest ist die Grundannahme von entsprechender Therapie- und Trainingsprogrammen.

Aber ist die Essstörung wirklich ein Problem des Wissens oder der Gedanken und innerer Schemata ? Erreicht man mit Worten bzw. sprachgebundener Psychotherapie wirklich das Kernproblem ? Ist Sprache also wirklich ein Spiegelbild der Seele ?

Natürlich spielt es auch eine Rolle, wie nett bzw. ruhig der Fahrlehrer ist. Ob er das Gefühl von emotionaler Sicherheit vermittelt oder aber selber ein Nervenbündel oder Choleriker  ist.

Oder stellen wir uns eine Fahrstunde vor, in der die Mama und der Papa und ein schreiender 2 jähriger Nachzügler-Bruder noch auf dem Rücksitz dabei sind. Auch die eigene Lebensvorgeschichte bzw. Erfahrungen (etwa ein Beinnahe-Unfall der älteren Schwester oder gar ein Todesfall) prägen das Erleben und damit auch die innere Sicherheit, sich auf die Fahrt zu machen.

Leider ist es häufig in Familien mit essgestörten Klientinnen und Klienten so, dass nach aussen Stabilität und hohe Empathie (ja eher zu hoher Einsatz für die Kinder) zu finden ist. Vordergründig ist „alles o.K.“
Leider ist es aber so, dass ein oder mehrere Familienmitglieder selber schon ein sehr instabiles Regulationssystem haben. Und die Patientinnen spüren, dass dies so ist. Sie erhalten aber die Rückmeldung, dass sie sich täuschen. Das alles in Ordnung mit der gespürten Un-Ordnung (bzw. nicht vorhandenen inneren Ordung) und dem Familiensystem ist.

Es kommt dann zur Umkehrung der Verantwortung. Die Tochter bzw. der Sohn übernimmt die Fahrlehrerfunktion und beruhigt bzw. steuert die Mutter. bzw. die Familie.

Die Angst vor dem Leben bzw. Erwachsenwerden kann viele Ursachen haben. Aus meiner  Sicht ist es kein Problem des Wollens oder des Wissens, es ist ein Nicht-Können. Und zwar hauptsächlich deshalb, weil die emotionale Entwicklung bzw. die emotionale Grundaussattung noch nicht passend ist, sich im Fluss des Lebens zu orientieren bzw. mit den emotionalen Stressoren umzugehen.

Das Gehirn ist einfach noch nicht in der Lage, er-Wachsen zu reagieren. Oder die Umgebung ist noch so, dass es zur inneren Spaltung kommen muss. Weil die Wahrnehmung auf der Gefühlsebene und die Aussagen der Eltern auseinander driften. Eine innere Dissoziation / Spaltung erforderlich machen.

Eine ganz andere, sehr interessante und herausforderndende Frage ist es dann, wie man dieses Regulationssystem wieder flexibilisiert. Wieder handlungsfähig machen kann. Aber dazu später mehr…