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Freiheit und Entfremdung der Gesundheit als Ursache von Depression ?

Ich bin kein Philosoph und das Denken über Freiheit und Geist sollte man vielleicht daher wirklich besser nicht Ärzten oder Psychotherapeuten überlassen.

Aber in den vergangenen Tagen hat es mich irgendwie schon nachdenklich gemacht, wenn der Friedensnobelpreis an die Schülerin Malala Yousafzai und an Kailash Satyarthi an Aktivisten für ein Recht auf Bildung bzw. Gleichberechtigung  verliehen wird. Natürlich ist Pakistan schön weit weg. Das Recht auf Bildung soll und muss auch für Mädchen in Entwicklungsländern gelten. Und von den bösen Islamisten eingehalten werden. Mit UNS hat das ja nichts zu tun, oder ? Schön weit weg.

In Spiegel-Online las ich da vom Nobel-Komitee

Kinder müssten die Möglichkeit haben, zur Schule zu gehen, und müssten vor Ausbeutung geschützt werden,

Wir feiern dann das Jubiläum der Deutschen Einheit und freuen uns über die gewonnene Freiheit. Was immer das dann sein mag bzw. für den Einzelnen bedeutet. Ich habe dadurch meine Frau aus Sachsen überhaupt kennenlernen  können oder beispielsweise jetzt in Sachsen-Anhalt arbeiten können. Für andere Menschen mag es weniger schöne Konsequenzen gegeben haben. Brüche bzw. ständige Neuanfänge in den Lebensläufen kennzeichnen beispielsweise hier „im Osten“ häufig die Biographien meiner Patientinnen und Patienten. Sie gehören nicht immer zu den Gewinnern der Freiheit, obwohl man sie vielleicht als „freier“ bezeichnen würde bzw. welche Folgen diese Freiheit für den Einzelnen hat(te. Freier fühlen tun sie sich häufig nicht. Was keine politische Bewertung von Systemen oder Diktaturen ist. Sondern ein Gefühl von Unfreiheit bei doch so anscheinend vorherrschender Freiheit und Überfluss. Wobei eben auch Überfluss bei vielen leider eben gar nicht festzustellen ist,…

Die Frage, die man sich dann aber nicht stellt ist, wie denn dieses berechtigt hoch gefeierte Recht bzw. die Verfügbarkeit von Freiheit und Bildung bei uns vor der eigenen Haustür dann gelebt wird. Kinderarmut in Deutschland ist kein Randphänomen mehr, es ist gelebte Realität.  Selbst wenn die Kinder zur Schule gehen, so verlassen 20 Prozent die Schule ohne Schulabschluss. Und in Interviews wissen immer weniger Leute selbst die banalsten kulturellen Zusammenhänge. Ein Beispiel gefällig : „Warum feiern wir Weihnachten ?“ wird nicht gewusst. Bildung ist dann etwas für die Anderen. Oder soll zu Hause statt in der Schule durch die Eltern übernommen werden.
Und selbst für die „Mittelschicht“ wird es immer schwieriger, ein Einkommen zu erwirtschaften, dass ein Auskommen ohne ständigen Stress und Angst ermöglicht.

Gerne reden und schreiben wir von Missständen von Diktaturen, Armut und sonstigen Katastrophen und übersehen, dass es vor der eigenen Haustür immer ungesünder und ungerechter wird.

Angeblich, damit so was wie der Sozialstaat bzw. Freiheit bzw. das Solidarsystem wie Krankenversicherung oder Rentenversicherung  geschützt wird. Aber mit welchen Konsequenzen ? Tja, die Sachzwänge seien halt so.

Freiheit ist mehr ein philosophischer Begriff. Und dann geht es bis (oder vor) zu Hegel zurück, der sich damit auseinander setzte. Freiheit hat aber ganz viel mit jedem von uns individuell zu tun. Eigentlich nur. Freiheit ist sehr individuell. Das grosse Ganze ist das letztlich egal, bzw. viel zu abstrakt, um auf mich oder dich zu wirken.

Freiheit bedeutet , dass man auf sich selber zurückgeworfen ist. So wie ich Freiheit erleben möchte, so muss ich selber anderen Menschen Freiheit zusprechen bzw. ihnen Freiräume lassen.

Zuallererst geht es aber um die Freiheit des Einzelnen. Damit meine ich nicht Egoismus. Damit meine ich, dass man eben allein dafür verantwortlich ist und bleibt, wie und wo man sich frei fühlt und frei verhält. Und dann natürlich die Grenzen der Anderen respektvoll einhält. Taktvoll ist.

Freiheit bedeutet, dass man Grenzen hat und Grenzen einhält. Das nennt man dann bei Kindern Erziehung

Wobei es natürlich grosse individuelle und damit subjektive Unterschiede gibt, was man als taktvoll erlebt, bzw. wo die persönlichen Grenzen der Freiheit überschritten sind. Das muss man wahrnehmen und auch notfalls offen äußern können, sich also abgrenzen oder zurückziehen können. Selbst-regulieren halt. Das wäre dann Gesundheit. Wobei dabei auch die Möglichkeit für eine weitere freie Entwicklung bzw. Entfaltung gemeint ist. Oder wie ich gerne gegenüber meinen Patientinnen sage : Artgerechte Haltung sollte nicht nur für die Schweine oder Weihnachtsgänse gelten, sondern auch für uns Menschen. Freiheit hat also viel mit der Fähigkeit zu tun, auf Stressoren reagieren zu können und zu dürfen.

Merkwürdigerweise ist der Aufschrei bei Missachten der Schweinerechte gross. Wobei dann schnell mit juristischen Winkelzügen aus einem Haltungsverbot gegen eine natürliche Person (hier der Züchter) eine Ordnungswidrigkeit mit erneuten Strafzahlungen für die Gesellschaft (und gleichzeitiger Abzugsfähigkeit bzw. Ausgleich über irgendwelche EU-Mittel) wird und die Haltung dann der „juristischen Person“ (= Betrieb) weiter erlaubt werden wird. Ich bin sehr für Tierschutz, aber manchmal frage ich mich, warum der Aufschrei da soviel lauter ist als bei Missachtung von selbstverständlichen Haltungsbedingungen für uns Menschen ?
Viele Schweine haben inzwischen mehr Bewegungsfreiheit im Leben als Menschen. Dafür leben sie kürzer und enden als Schnitzel. Und die Menschen ziehen dann als Konsequenz vor, Veganer zu werden. Sie schränken sich weiter ein, um die Grenzen von Anderen (Tieren) zu achten.

Wenn es um die Freiheit bzw. Freiheitsgrade des Einzelnen geht, sollen wir aber schweigen. Sonst fürchten wir (metaphorisch gesprochen) auch auf der Schlachtbank geopfert zu werden.

 

Entfremdung ist dann ein Zustand, bei dem ein natürlicher (bzw. sich selbst regulierender) Prozess von Beziehungen zwischen Menschen bzw. zwischen Mensch und Natur aufgehoben, verkehrt oder zerstört wird. Entfremdung ist damit so was wie Dissoziation bzw. Zergliederung und Zerteilung, bzw. ein Aufheben von natürlichem Anstand bzw. Wahrnehmung und Einhalten von Bedürfnissen wie Schlaf, Hunger, Sexualität oder Erholung und Ausgleichsmöglichkeiten. Aber eben auch von individuellen Bedürfnissen nach Abstand und Nähe, der Einhaltung von individuellen Arbeits-Tempo oder eben einem „entschleunigteren“ Lebensstil. Und wir leben mit immer mehr Menschen zusammen, die damit nicht mehr klarkommen können. Auf die wir dann aber auch wiederum Rücksicht nehmen müssen, weil sie ja damit nicht klarkommen. Wir sind ja anständig und sensibel.

Das ist nun nicht erst seit der Erfindung von Fliessbändern in der Automobilindustrie so. Damit wird es wieder sehr politisch bzw. gesellschaftlich relevant. Entfremdung ist das Aufheben bzw. Verunmöglichen von Selbstregulation über Freiheitsgrade bzw. eine selbst-getaktete bzw. selbst eingeteilte Lebenswirklichkeit.

Wenn man so will, ist also im medizinischen bzw. psychotherapeutischen Sinne Entfremdung das Gegenteil von Achtsamkeit. Entfremdung ist aber eben auch so ein Phänomen wie Mobbing oder Burnout und muss doch früher oder später in Depressionen münden.

Hierzu ein Beispiel einer unserer Patientinnen :

Sie kam zu mir, nachdem es bei uns in der Kunsttherapie zu einem Konflikt mit Mitpatientinnen kam und sie dann erregt und verletzt die Gruppe verlassen habe.

Sie erzählte mir, dass sie besonders unter Schlafstörungen leide. Sie schlafe zwar aus Erschöpfung abends ein, wache dann aber in der Nacht früh wieder auf und könne nicht einschlafen. Sie habe Kopfschmerzen, Tinnitus und leide unter unerklärlichen Durchfällen, die ihre Bewegungsfreiheit im Alltag zusätzlich einschränkten. Zudem leide sie unter Depressionen. Es würde von Tag zu Tag schlimmer und sei nicht mehr aushaltbar. Sie müsse sich von den anderen Menschen zurückziehen und könne kaum noch das Haus verlassen.

Es müsse anders werden. So sei sie nicht arbeitsfähig und sie sei so ganz und gar verzweifelt, dass man da nichts machen könne.

Wie viele unserer Patientinnen hier in Bad Kösen hat sie bereits zahlreiche Berufe bzw. Tätigkeiten hinter sich, die mit ihrem ursprünglichen Ausbildungsberuf in der damaligen DDR nicht viel zu tun haben. Derzeit arbeitet sie als Altenpflegerin im ambulanten Bereich. Sie ist damit einerseits strikten Taktvorgaben über die zur Verfügung gestellte „Pflegezeit“ ausgeliefert, muss die Fahrtstrecken zwischen den Einsätzen im Sauseschritt bei Schnee und Dunkelheit wie im Sommer meistern und dann eben die zunehmende Vereinsamung, aber auch durch Demenz bzw. Schmerzen und Pflegezustand bedingten Unzufriedenheiten ihrer Klienten aushalten.  Sie habe häufig Wechselschichten, d.h. müsse bis abends spät arbeiten und dann schon früh am nächsten Morgen wieder raus. Das gehe auf die Substanz. Sie habe das vielleicht früher noch etwas besser wegstecken können. Die Arbeit muss ja erledigt werden und immer mehr jüngere Kolleginnen und Kollegen versuchen, diesem Mühlrad zu entkommen. Sie hätten ja Schulkinder und könnten daher nur ganz bestimmte Touren übernehmen. Schon gar nicht morgens. Schliesslich  seien ja die Schulzeiten wie sie sind. Und meine Patientin solle / müsse auf diese Sachzwänge Rücksicht nehmen und dann nehmen, was übrig bleibt. Das gelte dann natürlich auch für die Ferienzeiten.

Ihr Mann wiederum sei als Fernfahrer tätig. Er sei eigentlich nur am Samstag den ganzen Tag da. An diesem Tag müsse dann die Wäsche gemacht und alle möglichen Vorbereitungen für die nächste Woche erledigt werden. Gemeinsame Zeit oder gar Unterstützung habe sie selten. Sie sei es aber auch gar nicht anders gewöhnt.

Schliesslich habe sie noch eine erwachsene Tochter. Die sei auch sehr eingespannt. Seit einigen Monaten habe sie einen unerfüllten Kinderwunsch. Da es mit dem Kinderkriegen nicht geklappt habe, habe sie sich als Ersatz ein Pferd angeschafft. Schon allein, um nicht weiteren Druck auf die Tochter auszuüben, habe sie sich mit in der Pflege des Pferdes beteiligt, obwohl sie ja nicht reite. Schlimmer noch sei aber, dass jetzt gemeinsame Esszeiten mit der Tochter bzw. Kontakte sich nach der freien Zeit des Pferdes richten würde. Das käme ihr auch merkwürdig vor, sie traue sich aber nicht, dies mit ihrer Tochter zu besprechen. Ein Pferd sei ja schliesslich kein Fahrrad, dass man so in die Ecke stellen könne.

Die Patientin selber kennt es aber kaum anders. Bereits in der Kindheit hat sie früh die Verantwortung für ihre jüngere Schwester übernommen, sie häufig in die Krippe gebracht, da die Mutter eben auch berufstätig war. Der Vater sei häufig alkoholisiert und auch auch gewalttätig gewesen. Sie habe viele Spannungen erlebt und habe versucht, die Schwester zu schützen. Sie selber habe dann versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Um nicht noch mehr Angriffsfläche zu liefern. Die Kindheit sei ihr eigentlich überhaupt nicht in schöner Erinnerung. Eigentlich habe sie keine Erinnerung bzw. einen Zugriff auf Gefühle. Sie habe offenbar da eine doppelte Buchhaltung machen müssen. Für ihre Schwester habe sie heile Welt gespielt, in einer Welt, die aber nur vordergründig heile sei.

Sie hätte ja ihre Schwester verraten bzw. schutzlos zurückgelassen und sie könne ja auch nicht Freiheiten ihrer Tochter oder ihres Mannes wegnehmen. Die würden dann nämlich entsprechend erbost bzw. gekränkt reagieren. Und das wolle sie ja auch nicht.

„Es“ muss anders werden. Tja. Wer oder was auch immer „Es“ ist. Es ist nun in ihr Leben getreten und stört dort. Das haben wir ja häufiger. Es mault und quengelt, sorgt für Schlafprobleme bzw. Schlaflosigkeit und jede Menge körperliche Beschwerden. Psychosomatik halt.

Aber die Patientin ist noch gar nicht soweit, dass sie nun Ansatzmöglichkeiten für eine Veränderung bei SICH sieht.

Es soll ja anders werden. Nicht SIE. Oder zumindest sollten die ANDEREN sich ändern oder sich für SIE einsetzen. Ärzte, Therapeuten, ihr Mann. Wer auch immer.

Aber was sollte SIE denn schon gross tun können ?

Tja, welche Ansatzmöglichkeiten für die Wiederherstellung von Freiheit und Gesundheit seht Ihr ?

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