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Familien-Alarm und zuviel sein

Samstag 22 Uhr 10 im Bereitschaftsdienst (vor ein paar Jahren…)

Bericht aus der Klinik…

Ich erhalte einen Anruf von unserer Nachtdienstschwester. Die Eltern von Frau K. seien da, ihre Tochter hätte so merkwürdige Kribbelmissempfindungen und Unruhe. Schliesslich habe sie vor 2 oder 3 Jahren einen Narkosezwischenfall gehabt. Ich solle kommen.

Aha. Gut, es ist mein Job. Ich werde selten um diese Zeit im Wochenenddienst  gerufen, aber wenn ich gerufen werde, ist es wichtig. Auf dem Weg vom Dienstzimmer versuche ich meine Genervtheit über die Uhrzeit abzuschütteln : „Warum sind die nicht eher gekommen, was machen die denn eigentlich um diese Zeit in der Klinik ?“

Mir gehen die Worte meiner Chefin bzw. leitenden Oberärztin durch den Kopf : „Zu Essstörungen muss man ganz besonders liebevoll und freundlich sein“. Und wir behandeln Eltern mindestens so freundlich wie ihre Töchter. Und freundlicher. Gerade dann, wenn sie eigentlich die grössten Nervtöter dieses Universums ind.

….Gelingt nicht immer. Aber der Wille dazu ist da.

Ich treffe eine vergleichsweise ruhige Patientin an, die auf der Liege in unserer Medzinischen Zentrale sitzt. Daneben eine Mutter, der es schon eher peinlich erscheint, dass ich komme. Sie strahlt aber eine grosse Sorge aus. So als ob ihre Tochter gleich einen Krampfanfall erleiden oder aber ohne elterliche Unterstützung sicher den späten Abend nicht ohne gesundheitlichen Schaden überstehen könnte.  Ein Vater, der die Regie übernimmt. Freundlich, aber der gute Mann strahlt eine Anspannung und Impulsivität aus, die es schwer macht, ruhig zu bleiben. Nun bin ich manchmal nach einem langen Arbeits- und Nachtdiensttag auch nicht mehr so locker und flexibel, aber hier scheint irgendwo ein Alarmknopf gedrückt. Virtuell natürlich.

Die Krankenschwester hat die Situation souverän unter Kontrolle. Blutdruck, Puls, ein EKG, Blutzucker und sogar schon eine Blutgasanalyse zur Kontrolle der Blutsalze (Elektrolyte). Alles im grünen Bereich. Ihr Blick spricht Bände. Eigentlich gibt es keinen Grund, dass ich komme.  Meine einzige Aufgabe wäre, den Klingelknopf bei den Eltern auszuschalten. Damit der Alarm ausgehen kann. Und souverän versucht sie Ruhe in die Situation zu bringen. Den Eltern mal einen Kaffee oder Tee anbieten. Wollen sie nicht. Sich setzen. Die Aufregung runterreden. Kontakt und Bindung herstellen. Sie setzt sich fast beiläufig mit auf die Untersuchungsliege und legt ihren Arm um das Mädel. Nur kurz. Aber es signalisiert viel : Hier bist du sicher und willkommen.

Überhaupt : Die Mitarbeiterinnnen in unserer Medizinischen Zentrale (MZ) sind vermutlich die wahren Therapeutinnen der Klinik. Sie haben am meisten Kontakt, geben die häufigsten kurzen Aufmunterer und sie müssen am meisten die miese (dysphorische) Stimmung oder auch mal Wutausbrüche aushalten, wenn es hoch her geht oder aber die Heimweh, Verlassenheitsgefühl und 1000 andere Notlagen auftreten. Nicht zu reden von der Versorgung der Selbstverletzungen, bisweilen ein sehr blutiges Unterfangen. Ein erfahrener Arzt weiss : Ohne die MZ geht nichts, sie ist nicht nur räumlich das eigentliche Herz der Klinik. Herz mal als „Seele“ verstanden.

So ganz klar ist mir nicht, warum ich JETZT eine ärztliche Klärung herbeiführen kann. Ich kenne ja die Patientin noch nicht einmal. Ausser, dass irgendwie eine Aufregung im Spiel ist. Die Spannung ist wie ein herannahendes Gewitter im Raum spürbar.

So wende ich mich zunächst an die Eltern, was sie denn so alarmiere bzw. warum sie an einem Samstag um 22.10 noch in der Klinik bei ihrer Tochter sein müssen.

Eigentlich beisse ich mir da schon innerlich auf die Zunge. Fehler. Natürlich hätte ich sie zunächst dafür unterstützen sollen, dass sie sich so für ihre Tochter einsetzen. Da sind. Ist ja nicht selbstverständlich. Bloss nicht das Gefühl geben, dass sie „schuld“ sind. Das haben sie bestimmt schon 100 mal gehört. Mindestens.

Aber medizinisch gesehen ist halt alles „o.B.“ = ohne auffälligen Befund.

Immerhin ist die Patientin erst zwei Tage im Haus und bei aller Zuwendung für eine erwachsene Tochter ist es doch ein recht ungewöhnlicher Termin für ein solches Notfallgespräch. Zumindest wenn man weiss, dass die Patientin am Vormittag schon wegen dieser Missempfindungen eine Kontrolluntersuchung der Blutsalze bzw. der Blutgasanalyse hatte und dann sowohl vom Früh- wie auch Spätdienst und nicht zuletzt der Nachtschwester gesehen wurde und nach ihrem Befinden gefragt wurde, dazwischen u.a. bei allen 5 oder sogar 6 Mahlzeiten engmaschig betreut wurde und vermutlich kaum eine Minute ohne Begleitung hatte.  Und es derzeit keinen Hinweis darauf gibt, dass sie nun ein neues Medikament oder gar eine Narkose von uns erhalten hat oder noch am Abend erhalten würde.

Die Tochter hat bisher immer noch kein Wort gesagt. Der Impuls zum Rufen des Arztes kommt nicht von ihr. Sollte man jedenfalls meinen. Eigentlich hat man den Eindruck, dass sie sich am liebsten unsichtbar machen würde, dass sie hier „zuviel“ ist. Es ihr auch zuviel ist, was da inzeniert wird. Ich vermute, dass die Mutter „besorgt“ auf Äußerungen ihrer Tochter reagierte und der Vater zum Sprachrohr wird. Aber eine komische Konstellation ist es schon.

Ich versuche zu erklären, dass sowohl Kribbelparästhesien bzw. auch zeitweilige Zuckungen (Tics) nach klinischer Erfahrung viel mit innerer Anspannung bzw. auch häufiger mit Hyperventilation bzw. einer flachen Brustatmung zu tun haben kann.  Eine psychische Belastung durch die neue Situation in der Klinik könne ja schliesslich vorliegen. Ich lasse die Patientin mal tief in den Bauch atmen, dann flach in die Brust. Wieder in den Bauch.

Der Vater legt gesteigerten Wert darauf , dass ein solcher Druck ja nicht von den Eltern ausgehe, sie ja das Beste für ihre Tochter wollten. Ja, ja… Stimmt schon. Und doch : Wenn irgendwo Druck und Spannung im Raum ist, dann durch diese Konstellation.

Die Tochter fühlt sich überflüssig bzw. zu viel in dieser Situation. Aber sie darf es nicht sagen.

Das gelingt dann erst in einem Gespräch am nächsten Morgen. Ich habe noch Dienst und die Eltern sind (noch) nicht da.

Sie will sich „nur“ bei mir entschuldigen. Für den peinlichen Auftritt ihrer Eltern. Sie wäre am liebsten vor Scham im Boden der Klinik versunken.

Ich versuche ihr klar zu machen, dass es um die Validierung ihrer Gefühle geht. Nicht um die ständige Korrektur und Anpassung. Sie darf das fühlen, was sie fühlt. Und sie darf ihre Eltern peinlich fühlen. Eltern in der Pubertät benehmen sich dauernd peinlich.

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Emotionale Resonanz nicht nur bei Anorexia nervosa

Asynchrone Emotionen und Emotionale Resonanz bei Anorexia nervosa

Patientinnen und Patienten mit einer anorektischen Essstörung gelten als ausgesprochen sensible, häufig aber auch ehrgeizige „Vorzeigekinder“. Lange haben sie ihren Eltern scheinbar nur Freude gemacht, früh sich über spezielle Interessen und Begabungen profiliert oder als „Sonnenschein“ der Familie sich für Andere eingesetzt.

Wie kann es sein, dass besonders diese intelligenten und häufig ausgesprochen kreativen und feinfühligen jungen Menschen in eine Essstörung geraten?

Schauen wir uns dabei einmal eine Esssstörung unter dem Blickwinkel Resonanz an. Resonanz meint hier einen vieldeutigen Begriff, etwa

– Rückmeldung oder auch Rückkopplung

– Schwingung(sfähigkeit)

– gegenseitige Beeinflussbarkeit

Eine Essstörung kann man vielleicht weit besser als eine „Fehlübersetzung“ einer inneren emotionalen Notlage in ein Verhalten verstehen, für das die Betroffenen keine bessere Problemlösemöglichkeit zur Verfügung haben. Essgestörtes Verhalten wie ein zunehmend restriktives Essverhalten ist also der – natürlich vergebliche Versuch – auf der Ebene des Essverhaltens eine Kontrolle über eine emotionale Alarmsituation zu gewinnen.

Unsere Patientinnen beschreiben sehr häufig eine Diskrepanz von wahrgenommenen Gefühl und von ihrer Umgebung zurückgemeldeter Bewertung der Situation. Dies kann man auch als asynchrone Gefühle oder emotionale Un-Stimmigkeit beschreiben, die sie in ihrem Umfeld spüren. Dies gilt speziell für negative Emotionen wie Ärger oder Wut, die eben gerade nicht angemessen verarbeitet und in einen Erfahrungshorizont integriert werden können.

Vergleichsweise häufig lassen sich dabei zunächst sehr enge Beziehungsmuster mit einer gegenseitigen Idealisierung und engen Vertrautheit beschreiben.

So intelligent diese Mädchen auch in vielen Bereichen sein können und mögen, so wenig können sie aus diesen negativen emotionalen Erlebnissen dann konstruktive Lernerfahrungen im Sinne einer Reifeentwicklung vollziehen. Anorektische Patientinnen fallen dadurch auf, dass sie übermässig ausgeprägt Rücksicht auf die Gefühle der Eltern bzw. in ihrem emotionalen Bezugssystem nehmen und häufig nur indirekt ihre Bedürfnisse ausdrücken oder sich nach ihrem eigenen emotionalen Empfinden zu richten. Häufig aus der negativen Lebenserfahrung, dass das Ansprechen und Äußern eigener emotionaler Wahrnehmungen und Bedürfnisse in Bezug auf das System Familie invalidisiert oder sogar negativ sanktioniert wird.

Dies schliesst in der Folge keinesfalls aus, dass eine anorektische Patientin ihre Familie kontrolliert und sogar tyrannisiert, um eine Kontrolle über die aversiv erlebten Gefühle bzw. einen Zustand des Konfusion und Unsicherheit zu vermeiden.

ER-LERNT oder ER-SCHRECKT ?

Häufig ist es dann sogar so, dass diese Mädchen (weit seltener ja Jungen) vielmehr aufgrund ihrer emotionalen Reizoffenheit (bis hin zur Hochsensibilität bzw. Fähigkeit zur synästhetischen Wahrnehmung) eine emotionale Irritation und Belastung aufgrund von durchaus emotional richtig wahrgenommenen Irritationen, Spannungen oder Konflikten in ihrem familiären Bezugssystem erleben und sich im Sinne einer übermässigen Fürsorge für Andere für die Wiederherstellung einer emotionalen Stabilität verantwortlich fühlen.

Zudem ist es so, dass die anstehenden entwicklungspsychologischen Aufgabe der Autonomie-Entwicklung als hoch angstbesetzt wahrgenommen wird. Dies kann sich auf eigene emotionale Entwicklungsverzögerungen bzw. Reifungsdefizite (z.B. auch in sexueller Hinsicht), aber auch auf die übernommene Rolle als „Stabilisator“ im Familiensystem beziehen.

Emotionale Resonanz-Störungen

In dieser höchst individuellen emotionalen Notlage im Sinne einer Alarmsituation gelingt es ihnen nur unzureichend, eine als stimmig erlebte EMOTIONALE RESONANZ im Sinne einer ihrer emotionalen Reifeentwicklung und Bedürftigkeit entsprechenden Stabilisierung und Validisierung (= Bestätigung) von ihren Bezugspersonen (= Eltern) zu erhalten. Sie können nicht auf einer emotionalen Wellenlänge kommunizieren. Hierfür kann es sehr unterschiedlich, häufig miteinander verknüpfte Ursachen geben.

Häufig wünschen sie sich eine Reaktion, die sehr (früh-)kindlichen Bedürfnissen entspricht, die sie aber als Teenager oder Erwachsene nicht mehr – oder auch bisher nie – erhalten haben. Sei es, dass ihre Eltern aufgrund eigener emotionaler Störungen dazu nie in der Lage waren und das Kind im Sinne einer emotionalen Deprivation aufwächst.

Trotz eines häufig eher überbehüteten Erziehungsstils im Elternhaus erleben die Patientinnen so subjektiv eine emotionale Verlassenheit und Alleinsein, bzw. Alleingelassenwerden. Dabei stellt sich aber auch die Frage, ob sie überhaupt auf die emotionalen Signale ihrer Bezugspersonen reagieren (können) bzw. ob diese im Sinne einer Kommunikationsstörung auf der falschen Ebene unternommen und damit ohne emotionale Resonanz verpuffen müssen.

Eine anorektische Essstörung wird somit aus einer aufgrund der wahrgenommenen emotionalen Instabilität bzw. Alarmsituation im familiären System resultierten Überbesorgnis, die missverständlich auf Essen bzw. Gewichts(zunahme) und Körperschemastörungen reduziert wird. Nicht das Essen ist nicht (mehr) aushaltbar, vielmehr kann die Wahrnehmung von asynchronen Emotionen bzw eines Daueralarmzustandes nicht mehr ertragen werden.

Die Reaktionen ihrer Bezugspersonen, die naturgemäss durch die dramatische Krankheitsentwicklung bzw. die für sie überraschende Wesensänderung ebenfalls alarmiert sind, erzeugen eine Dynamik, die wesentlich zur weiteren Chronifizierung beitragen kann und so zur weitere Verstrickung in essgestörtes Verhalten führt.