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Warum man sich in einer Therapie KEINE Ziele setzen sollte

In meinem Blog Seelenklempneei und in meinem therapeutischen Leben stelle ich häufig scheinbar unumstössliche Geflogenheiten der Therapeuten in Frage bzw. auf den Kopf. Heute geht es um das bei allen Coaches oder Psychotherapeuten so beliebte Theme :

Sie müssen sich Ziele setzen.

In jedem Problem-Lösetraining geht es darum. In etwa in der folgenden Reihenfolge

  1. Schreiben Sie ihr Ziel / ihre Ziele auf
  2. Formulieren Sie die Ziele spezifisch und klar (oder SMART)
  3. Sorgen Sie dafür, wie die Zielerreichung auch erkannt bzw. messbar wird
  4. Setzen Sie sich eine Deadline = Endpunkt bzw. eine Timeline = zeitlicher Ablaufplan für die Zielerreichung
  5. Verknüpfen sie die Zielerreichung mit Belohnungen oder aber einer negativen Konsequenz bei Nicht-Erreichen.

Das ist für uns Verhaltenstherapeuten schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass man es gar nicht mehr hinterfragen würde. Zudem ist unsere Gesellschaft ja ziel- und leistungsorientiert.

Heute habe ich aber auf einer Fachtagung von von Reha-Medizinern den schönen Gedanken gehört, dass gerade die ständige Qualitätssicherung bzw. Zieldefinition und Zielforderung in unserer Gesellschaft Krankheit bzw. Störungen erzeugt.

Dort wurde nun nicht hinterfragt, ob man auch therapeutisch nun auf Zieldefinition bzw. zielorientiertes Problemlösetraining verzichten sollte.

Aber aus meiner Sicht spricht viel dagegen, dass man über das Setzen von Zielen zu Erfolgen kommt.

Aus einem sehr einfachen Grund :

In der überwiegenden Zahl der Ereignisse werden die Ziele ja nicht erreicht und damit kein Erfolgserlebnisse sondern Frustration ausgelöst und verstärkt.

Ich versuche mit meinen Patienten auch Therapieziele zu formulieren. Aber eher von der Art :“Wenn Sie die Ziele schon alle erreicht hätten und am Ende der Therapie stehen würden, was wäre JETZT anders“. Dieses andere Gefühl versuche ich dann zu aktivieren (beispielsweise wie die Ameise und der Apfelbaum) bzw. vor Augen zu führen.

Natürlich kann und sollte man ansonsten auch immer wieder das Gefühl verstärken, wie man ein Problem „gelöst“ hat. Also eine positive Wendung im Leben gefunden hat.

Das ist nicht immer identisch mit der Frage, was denn ein Ziel ist. Ziele zu erreichen kann sich doof und gefühllos anfühlen. Aber den richtigen Schritt zu machen, kann ganz entscheidend sein.

Kleine Schritte zu machen, die in Richtung von Veränderung gehen bzw. auch mal in die falsche Richtung sich bewegen und das zu erkennen und zu drehen kann wichtiger als Zielsetzungen sein.

Wie beginne ich ein Gespräch und überstehe Gruppensituationen ?

Wer kennt es nicht : Smalltalk bzw in einer neuen Gruppe „Fremde“ ansprechen bzw. ein Gespräch führen. Ein Gespräch mit einer wildfremden Person beginnen. Für viele Menschen eine fürchterliche Vorstellung. Wie beginne ich also ein Gespräch ? Wie „überlebe“ ich gesellschaftliche Pflichtveranstaltungen ?

Das ist eine Problematik, die ein Grossteil meiner Patientinnen und Patienten betrifft. Und mich letztlich auch. Es mag dabei graduelle Unterschiede geben. Und man muss ja auch nicht immer und mit allen Menschen sich ein Gespräch aufdrängen lassen.

Ich selber bin eher ein introvertierter Mensch bzw. habe einfach in meiner Kindheit und Jugend weniger soziale Kompentenz in diesem Bereich aufgebaut. Im 1:1 Kontakt mit Patienten oder auf einer grösseren Bühne in einem Vortrag ist das kein Problem. Es ist ja auch ein grosser Unterschied in den Umgebungsfaktoren. Ich „rocke“ durchaus mal einen Vortrag oder Workshop und kann da durchaus unterhaltsam sein. Aber Smalltalk ist für mich ….

Besonders ab 10 Leuten bis zu grösseren Veranstaltungen wie das Sommerfest einer Firma, der 75. Geburtstag der Schwiegereltern, einem Gesellschaftsabend oder einer sonstigen Einladung bei „Fremden“ macht sich dann ein ungutes Gefühl breit. Ich möchte da lieber „weg“. Aber ich weiss halt auch, dass dies nicht immer geht. Und vor allem : Vermeiden gilt nicht und macht die Sache nur noch schlimmer. Sagt mir der Verstand. Mein Gefühl sagt das nicht.

Was sagt man denn nun aus Sicht der Psychotherapie zu Sozialer Unsicherheit

In einer Psychotherapie erfragt man daher erstmal genauer, wo bzw. wie sich die Problematik zeigt. Und entscheidet dann gemeinsam mit seiner Klientin oder dem Klienten, ob es sich nun um Schüchternheit, um eine Soziale Angst oder eben um eine übergreifendere Problematik wie eine selbstunsicher-vermeidende Persönlichkeitsstrukturierung / Störung handelt. Wie man das Kind nun nennt, ist an dieser Stelle erstmal zweitrangig.

Bei mir liegt es beispielsweise auch daran, dass meine Reizfilter so gebaut sind, dass es ab einer bestimmten Reizsumme von Lärm, sozialer Anspannung bzw. Durcheinander ungemütlich wird. Anders ausgedrückt : Ich will dann da raus oder noch lieber : Gar nicht erst hin…

Dann gibt es schlicht und ergreifend ein Mangel an Übung. Weil man durch seine soziale Abgeschiedenheit einfach weniger Situationen hatte, wo man soziale Kompetenz abschauen, einüben bzw. verändern konnte.

Aber meinen Patienten sage ich immer : Belastungssituationen sind Übungssituationen….

Sozialer Spam findern den Beginn eines Gesprächs

Soziale Unsicherheit bzw. Vermeidung kann aber auch daran liegen, dass in unserem Gehirn im Arbeitsspeicher derartige Situationen sehr negativ besetzt sind. Und jede neue Situation eben auch wieder so als „negativ“ bzw. gefährlich markiert wird. Ich habe in anderen Beiträgen in der Seelenklempnerei ja schon den Vergleich zu „Cookies“ eines Internetbrowsers gebracht :

Derartige unbehagliche Gruppen – Situationen merkt sich unser Gehirn wie Cookies bzw. Sozialer Spam. Sie werden als „Alarm“ bzw. Gefahr abgespeichert. Und diese Cookies senden uns dann in neuen ähnlichen Situationen eben wieder die alten Bilder, die alten Bewertungen und Gedanken wie unerwünschte Werbung oder Pop-Up-Fenster. Wer will schon mit allen möglichen negativen (Werbe) Botschaften bzw. inneren negativen Bildern und Katastrophisierungsgedanken zugespamt werden ?

Diese Cookies sind aber hoch individuell. Für die übrigen Menschheit sind die Situationen bzw. die Bewertungen der Situationen eben anders. Es muss ja nicht „richtiger“ sein. Anders.

Kein Wunder, dass wir da lieber unsere soziale Ruhe haben wollen und uns vor der Situation drücken.

Sich den Situationen stellen = Das Vermeiden vermeiden

Üblicherweise macht man das in einer Psychotherapie dadurch, dass man die Patienten halt mit ihren Ängsten im realen Leben konfrontiert Das nennt man dann Expositionstherapie (oder Flooding).

Ich selber glaube aber, dass man damit längst nicht alle Kanalratten aus der Vergangenheit = Cookies erwischt.

Schliesslich werden wir uns dann noch mit der Systempflege unserer Spiegelneurone beschäftigen, die für die Wahrnehmung unserer sozialen (einige würden sagen „unsozialen“) Welt zuständig sind.

Last but not least : Sehr viele meiner Patientinnen und Patienten haben das Problem, dass sie „frühe Störungen“ haben. Ihr Grundvertrauen in sowas wie soziale Sicherheit, Halt, Bindung und Beziehungen ist früh zerstört oder gar nicht erst entwickelt worden. Man kann sich das vielleicht wie ein Betriebssystem vorstellen, dass auf sehr basaler Ebene Macken hat bzw. nicht richtig weiterentwickelt werden konnte. Und in dem sich vielleicht Viren und Trojaner befinden, die es zu beseitigen gilt, weil sie uns immer wieder behindern.

In diesen Fällen ist unser inneres soziales Orientierungssystem ganz nachhaltig in Mitleidenschaft gezogen. Oder eben gar nicht vorhanden.

Die 3 Sekunden Regel ein Gespräch zu beginnen

Aber soziale Unsicherheit kann eben dann auch zur Sozialen Angst bzw. Sozialen Phobie führen, so dass dann aus Angst vor Blamage in solchen Situationen die Öffentlichkeit gemieden wird.

Wie machen das nur die Anderen ?

Bei Scott Dinsmore habe ich den englischsprachigen Beitrag zu 32 Tipps zur Teilnahme an Gesellschaften gefunden. Viele der Ratschläge sind wirklich gut anwendbar. Andere vielleicht nicht.

Dabei war die 3 – Sekunden – Regel :

Sinngemäss übersetzt :

Wenn Du Jemanden siehst, mit dem Du eigentlich ein Gespräch führen würdest, hast Du 3 Sekunden Zeit „Hallo“ zu sagen.

Wartest Du länger, wirst Du vom Überdenken bzw. Grübeln davon abgehalten und wirst damit die Gelegenheit verpassen bzw. vermasseln. In aller Regel wird man es dann nicht nochmal versuchen.

Du weisst nicht, was Du sagen sollst ? Ganz egal. Irgendwas ist besser als NICHTS, da es Dich aus dem Zustand der No-Names (Namenslosen) in einem Meer der Gesichter zu einem Individuum mit einer Geschichte macht, die eben Courage zum Hallo-Sagen haben.

Das Problem an einfachen Ratschlägen ist, dass sie so schwer in der Praxis umzusetzen sind. Gerade wenn sich durch das Vermeidungsverhalten bzw. schlechte Erfahrungen (in Form von Mobbing / Stalking) bzw. einer schon entwickelten Sozialen Phobie sich da negative Trampelfade in der Psyche entwickelt haben, sie neue (eigentlich ja alte) Wege schwer einzuschlagen.

Hier werden wir uns also mit der Kognitiven Umstrukturierung bzw. Neubewertung der Sozialen Unsicherheit beschäftigen müssen.

Aber irgendwann muss man sie beginnen. Also dann, warum nicht JETZT ?

Schauen wir uns also mal die Situation aus der Perspektive eines Ausserirdischen an, der unsere „Mutter Erde“ besucht. Vermutlich wird es ihm / ihr / es dann eher so gehen wir Asperger-Autisten, die sich über zahlreiche soziale Gepflogenheiten der Spezies Mensch wundern. Wenn man versucht, diese nun „nachzumachen“, kann dies ganz schön in die Hose gehen.

Über 75 Prozent der „Kommunikation“ läuft also ohne Worte (= Nonverbal). Und längst nicht alle diese Kommunikationsmuster von neurotypischen (angeblich normalen) Menschen, sind als „normal“ zu bezeichnen. Man sollte sich also darüber klar werden, dass es den anderen Menschen auf dieser Gesellschaft in keiner Weise besser geht. Sowas wie „Normalität“ ist also nicht ein „Entweder-Oder“, sondern soziale Unsicherheit, Schüchternheit bzw. Kommunikationsprobleme sind eher graduell verteilt. Und praktisch alle Menschen kennen diese Situationen. Sie bewerten sie halt nur manchmal anders

Welche Tipps zur Kontaktaufnahme mit der Spezies Mensch lassen sich jetzt aus den Ratschlägen von Scott Dinsmore so ableiten ?

Siehe Fremde als Freunde an, die Du bisher noch nicht getroffen hast

Würden uns Ausserirdische als Fremde im Sinne von Feindem ansehen, hätten wir wohl so oder so verloren. Diese (Fehl-)Bewertung hält unser Gehirn aber eben häufig genug davon ab, überhaupt in diese Situationen zu gehen.

Die Hauptsache ist also eine Neubewertung der Situation. Das nenen wir Psychotherapeuten Kognitive Umstrukturierung. Man könnte aber auch mal sagen bzw. schreiben : Nimm mal einen anderen Blickwinkel ein. Und vor allem : Trete mal ein paar Schritte von deinem Problem zurück. Schaue es aus einer anderen Richtung an. Verbeisse dich nicht in die Angst. Dann wird sie nur wie ein Knoten immer fester.

Daher der Vorschlag, die Situation mal aus der Perspektive der Ausserirdischen zu sehen. Also auf die Metaebene zu gehen.

Egal, wie negativ auch die Vorerfahrungen sein mögen. Gehen Sie bitte von einem positiven Neustart aus. Mir ist schon klar : Das ist leichter gesagt als getan. Aber wenn sie alle Anwesenden als Gegner ansehen, die sie nur ausnutzen wollen, werden sie auch nonverbal in der Gestik, Mimik und im Tonfall entsprechende Botschaften aussehen oder aber eben nur auf entsprechende Signale achten, die ihre vorgefasste Meinung zu bestätigen scheinen.

Sie es also alles Fremde (oder gar Feinde), die sich auf dem Event befinden ?

In aller Regel nicht. Es wird schon den ein oder anderen „Bekannten“ geben. Zumindest wird es einen gemeinsamen Anlass (eben die Firmenfeier) oder ein Thema geben, zu dem eingeladen wurde (Der 75. Geburtstag der Schwiegermutter).

Ich weiss : Einige werden jetzt denken, dass dies die Sache ja nur noch schlimmer macht. Immerhin hat man dann einen Ruf zu verlieren bzw. die anderen könnnten merken….

Stop !

Siehe jede Situation als Chance bzw. Übungssituation

Wir Verhaltenstherapeuten lieben es Hausaufgaben zu stellen. Daher jagen wir unsere Patienten halt immer wieder in Situationen, in denen man gegen seine Unsicherheit bzw. Angst angehen soll. Dazu helfen ein paar Grundweisheiten, die man sich nochmal vor Augen führen sollte

Die anderen Teilnehmer der Veranstaltung sind mindestens genauso unsicher wie DU

Eben.

Lächele und sei froh.

…. es könnte schlimmer kommen. Definitv wird es aber besser, wenn man ein Lächeln im Gesicht hat. Es soll sogar helfen, das Lächeln zu üben.

Verstecke Dich nicht hinter Deinem Smartphone oder in der hintersten Ecke

Wer mich kennt, weiss warum ich das schreibe.

Bereite Dich auf die Situationen vor

Vorbereitung ist wichtig. Das bedeutet, dass man sich auf mögliche Gesprächspartner bzw. Themen schon einmal gedanklich und inhaltlich vorbereiten sollte.

Tja, aber worüber sollte ich denn reden, wenn schon Jemand mit mir reden würde ?

Ganz einfach : Suche Dir vertraute Allerweltsthemen. Worüber reden die Leute so ?
•Das Wetter
•Das Fernsehprogramm
•Fußball (o.K., die WM ist vorbei, dafür ist Bundesliga)
•Schauspieler bzw. Kino
•Backen (schau mal in Romys-Kuchenkruemel.blogspot.de)
•Hobbys

Lege dir einen Elevator-Pitch für den Beginn eines Gesprächs zurecht

Als Elevator-Pitch bezeichnet man eine Art Werbung in eigener Sache, die in den Zeitrahmen einer Fahrstuhl-Fahrt passt. Also eine Art Kurzbeschreibung bzw. einige wenige Sätze, die man sich für sich selber über sich selber bereit legt.
Sowas kann man auch ganz gut üben bzw. vorbereiten.

ABC der Kontaktaufnahme

Jeweils 2-3 wahre Sätze / Geschichten jeweils mit dem Anfangsbuchstaben des ABC

Also : A Arbeit = Ich arbeite derzeit als Oberarzt in einer Psychosomatischen Fachklinik. Schwerpunkte sind für mich ….
B = Beziehungen. Wichtiger als die Arbeit ist aber die Ehe und mein Familienleben.
C = Computer. Ich verbringe viel Zeit am Computer. Privat bin ich Mac-Anhänger, aber im Beruf….
D = Delphine. Das sind mit meine Lieblingstiere.
E = Essen Meine Liebslingsspeisen sind…
F = Freizeit In meiner Freizeit verbringe ich Zeit mit den Kids. Gestern waren wir Steinpilze-Finden
G = Geniessen. Richtig Geniessen kann ich die einen Tag an der Nordsee…
H = Humor. Lachen kann ich über Calvin und Hobbes

I = Imagination ist für mich ein ganz wichtiges Thema

J = Jubeln über Fussball kann ich nun nicht so

K = Kösen. Genauer Bad Kösen. Ein Ort, der Entschleunigung.

L = Lüneburg. Meine eigentliche Heimatstadt. Fand ich früher aber langweiliger als es ist.

M = Mittagessen. Zum Mittagessen gab es heute bei uns gefüllte Paprikaschoten mit Kartoffeln

N = Nichtstun finde ich wichtig. Ist aber ganz schön schwer

….

Setze Dir ein Zeitlimit und halte den Mund

Manchmal muss man aber respektieren, dass die Gesprächspartner nicht vollgelabert werden wollen. Dann sollte man auch mal den Mund halten können bzw. ein Nein als ein Nein respektieren.

Hilfreich finde ich persönlich, sich immer wieder klar zu machen, dass man ganz viele neue Chancen bekommt.

Je positiver man dabei denkt und handelt, desto besser.

Daher finde ich es ja auch so wichtig, POSITVE Nachrichten zu sammeln und zu teilen.
Machen Sie also mit bei der Aktion #PPP = Poste Positive Postings

Die neue Armut : Zeitmangel und Zeitwohlstand

  • Zeitmangel ist die einzige Not, die den Menschen nicht zu schmerzen scheint
    (Ernst Reinhardt)

Seit etwa einem Jahr tausche ich Zeit gegen Entfernung von meiner Familie. Ich arbeite ca 280 km entfernt, habe dafür aber einen Freitag als freien Tag gewonnen. Zudem habe ich keine Wochenenddienste mehr, die in aller Regel von Samstag durchgängig bis Montag abends mit an die Klinik fesselten.

Ich tausche also Zeit ein. Ein wenig auch gegen Geld, sehr stark aber gegen Entfernung von meiner Familie. Aber möglicherweise (wahrscheinlich) belaste ich damit das Zeitkonto meiner Frau.

Aber letztlich hat es sich (bisher) durchaus positiv ausgewirkt, dass ich mir mehr Zeitwohlstand leiste.

Aber es ist Grund genug sich darüber Gedanken zu machen, wie man nun Zeit gegen Geld bzw. Freiheit aufwiegen kann.

Passend dazu hörte ich auf der Heimfahrt am Donnerstag ein Interview im Deutschlandfunk mit Prof. Merz von der Leuphana Universität Lüneburg

Multidimensionale Armut : Zeitdefizit und Zeitwohlstand

Es geht um eine multidimensionale Armutsdefinition mit der zusätzlichen Dimension Einkommen und Zeit. In Deutschland zählen 6,8 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Sie gehören zu den „working poor“ obwohl sie 5 h und mehr arbeiten, aber nicht genug Geld damit verdienen können.

Es gibt aber nach Merz und Mitarbeitern eine neue Armutszone, die durch einen Mangel an Freizeit = freie Zeit definiert wird.

Das sind also Menschen, die zwar ein ausreichendes Einkommen haben, denen aber durch Arbeit, Kindererziehung bzw. Kinderbetreuung oder andere Verpflichtungen wie z.B. die Pflege von Angehörigen keine Zeit mehr bleibt. Sie leben in einem ständigen Zeitdruck bzw. Zeitmangel durch Stress.


12,3 Prozent der Deutschen sind in der neun Zeitarmut

Das ist gut doppelt so viel wie nach der herkömmlichen Armutsdefinition, die nun „nur“ die finanzielle Lage berücksichtigt. Hier geht es nicht nur um Zeitmangel bzw. Zeitdruck und Stress. Es geht um einen Index, der eben die verfügbare Zeit und die verfügbare finanzielle Situation berücksichtigt.

Ist Zeit nun Geld ?

Finanzieller Druck mit einem überzogenen Dispo bei der Bank fühlt sich durchaus ähnlich an wie ein überzogenes Zeitkonto bzw. Zeitmangel. Wir sehen es häufig nur nicht so. Wir gehen eine Zeitschuld ein, so wie viele Menschen über eine Kreditkarte halt materielle Güter erwerben, die sie sich nicht leisten können.

Die Lebensqualität bzw. Zufriedenheit wird also in ähnlicher Weise durch einen Mangel an Zeit wie ein Minus auf dem Konto beeinflusst.

Zeitarmut ist nicht so ablesbar wie rote Zahlen auf dem Girokonto. Da ist es schon eine nette Aktion, wenn ein Künstler Banknoten für eine Zeitwährung vorstellt.

Zeitarmut : Die üblichen Verdächtigen für die Armutsgrenze

Zeitmangel lässt sich durch ein höheres Einkommen ausgleichen.
Zumindest ansatzweise. Ein höherer Bildungsabschluss wie das Abitur schützt vor Zeitarmut. Zumindest sind dann „nur“ noch 9,4 Prozent der Akademiker gegenübe 12,6 Prozent der „Normalbevölkerung“ von multidimensionaler Armut (unter Berücksichtigung der Zeitschuld) betroffen. Auch noch viel.

Prof. Merz in Lüneburg forscht überwiegend über „freie Berufe“, d.h. auch oder gerade Selbstständige.

Über 2/3 der Selbstständigen bzw. Freiberufler sind „zeit-arm“.

Sie haben damit weniger als 60 Prozent der Freizeit zur Verfügung, die in der Erhebung von rund 35000 Personen hinsichtlich ihres persönlichen Zeitbudget in den Jahren 2001 / 2002 ermittelt wurden.

29,4 Prozent der Selbstständigen sind also nach dieser Armutsdefinition betroffen.

Das können Einzelhändler, Gastwirte, Ärzte, Rechtsanwälte oder sonstige Freiberufler sein. Die eben weit längere Arbeitszeiten als die durchschnittlich arbeitende Bevölkerung haben. Und dies eben nicht durch Geld ausgleichen können.

Aber man muss nun nicht Unternehmer oder Einzelhändler sein, um unter die neue Armutsgrenze zu fallen

• 19,9 Prozent der Alleinerziehende sind durch die Mehrfachbelastung von Geldverdienen und Zeit für Kinderbetreuung und Erziehungsaufgaben von Zeitarmut nach dieser Definition betroffen
• Kinderreiche Familien mit 3 oder 4 Kindern leiden zu 31,6 Prozent an Symptomen dieser Zeit-Armuts-Definition

Aber ob man nun ein Zeitmangel für Spielen mit seinen Kindern oder schöner Zeit mit seiner Partnerin mit einer Geld ausgleichen kann oder gar sollte ? Sicher nicht !

Zeitarmut führt zu Depressionen

Begriffe wie Burnout oder Erschöpfungsdepression sind in aller Munde.
Im Deutschen Ärzteblatt lese ich eine Erhebung die sich letztlich auch mit dem Zusammenhang von
Burnout und Depressionen durch Zeitarmut beschäftigt. Dabei geht es um die Auswirkungen von ständiger Erreichbarkeit, Flexibilität im Beruf bzw. „Bereitschaft“ zu Überstunden beschäftigt. Danach sind 2/3 der Berufstätigen mit ständigen Überstunden belastet, 22 Prozent sind dann auch in der „Frei-Zeit“ für den Arbeitgeber abrufbar bzw. ständig erreichbar. 18 Prozent der 2000 befragten Arbeitnehmer gaben an, private Aktivitäten deswegen ausfallen zu lassen.

Fast jeder 4. Befragte gab an, aus diesem Grund zu erschöpft zu sein, privaten Verpflichtungen bzw. Hobbys nachzugehen.
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Letztlich ist aber eine deutliche Übereinstimmung in der Lebenswirklichkeit hinsichtlich Zeitwohlstand bzw. Zeitarmut der Patienten in der Klinik mit den Einweisungsdiagnosen wie Burnout, Erschöpfungsdepression etc zu sehen.

Und wenn man es sich genauer anschaut, so erfasst der neue multidimensionale Armutsbegriff eigentlich ganz gut genau die Zielgruppe, die uns jetzt zu erhöhten Fehlzeiten in den Betrieben bzw. Bedarf an ambulanter oder stationärer Behandlung im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie führt.

Wir haben bei uns in der Klinik immer mehr Alleinerziehende, Mütter und Väter von „kinderreichen“ Familien und eben auch Selbstständige unter unserer Patienten.

Anders ausgedrückt : Erschöpfungsdepressionen und Burnout sind häufig auch als überschrittener Dispo im Zeitkonto zu verstehen. Daneben verunmöglichen Arbeitsplatzkonflikte bzw. Mobbing und Stalking häufig eine Erholung in der Freizeit.

Es sind die „Zeit-Arbeiter“ der Moderne, die eben besonders gefährdet für ein Ausbrennen sind. Ihren rinnt quasi die Zeit wie anderen Geld durch die Finger.

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Und die Erwartung an Zeitkrediten an den Arbeitgeber wird eben immer stärker. Dies betrifft beispielsweise Erzieherinnen in Kindergärten oder Betreuer in Wohngruppen, die dann den krankheitsbedingten Ausfall von Kolleginnen oder Einsparungen der öffentlichen Hand mit einem Zeitkredit auf ihre Gesundheit einlösen sollen. .

Ein Kredit, der aber nicht zurückgezahlt wird. Häufig werden ja noch nicht mal die Überstunden finanziell abgegolten.

Krankschreibung und Erwerbsminderungsrente als Ausstieg aus der Zeitschuld-Spirale ?

Immer weniger Menschen fühlen sich gesundheitlich in der Lage, weiter ihr Zeitkonto zu überziehen. Sie kündigen ihrem Arbeitgeber den ungedeckten Zeitkredit. Sie würden gerne ein Inkassobüro beauftragen die ungedeckten Forderungen einzutreiben.

Krankschreibungen bzw. der Wunsch nach einer Erwerbsminderungsrente wegen psychischer Probleme erscheinen dabei als Ausweg aus der Zeitarmutsfalle.

Letztlich irgendwo nachvollziehbar. Doch die sozialmedizinischen Regelungen für Leistungsfähigkeit berücksichtigen eben gerade nicht die Auswirkungen dieser multidimensionalen Zeit-Armut.


14 Tage Krankrscheibung wegen Burnout oder Erschöpfung decken das Zeitkonto nicht !

So verständlich ein Wunsch nach einer Aus-Zeit auch ist, so wenig wird damit das eigentliche Problem gelöst.

Häufig wird dann einfach abgewartet. Es wird auf Zeit gespielt, zumal ja 18 Monate Lohnentgeltszahlungen möglich sind. Aus Sicht der Betroffenen verständlich.

Aus therapeutischer Sicht aber meist keine gute Idee. Einmal davon abgesehen, dass dann selten eine Psychotherapie zeitnah verfügbar ist, so wird man das Problem vermutlich auch nicht über Psychopharmaka oder eine Gesprächstherapie allein in den Griff bekommen. Zumindest dann nicht, wenn man sich nicht mit der Zeitbilanz bzw. „Life-Balance“ beschäftigt.

Es geht also genau um die von in der Studie erfasste Gruppe von Berufstätigen, die nun über 5 bzw. 6 h am Tag arbeiten müssten, dies aber aus Zeitarmutsgründen nicht mehr können.

Die sozialmedizinischen Kriterien von Leistungsfähigkeit berücksichtigen dies aber so nicht.
Es geht um einen abstrakten Begriff von Leistungsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Danach ist Leistungsfähigkeit gegeben, wenn irgendeine leichte bis mittelschwere Tätigkeit über 6 h ausgeübt werden kann. Unabhängig von der Frage, welche Faktoren sonst das individuelle Zeitlebenskonto belasten.

Zudem wird gefordert, dass auf absehbare Zeit (also ein Zeitraum von mindestens 6 Monaten bzw. 2—3 Jahren) eine Besserung theoretisch möglich wäre. Also im Prinzip eine Therapie in Form von mehreren Antidepressiva, ambulanter oder stationärer Psychotherapie ernsthaft versucht wurde, aber keine Aussicht auf Erfolg haben wird.

Aus sozialmedizinischer Sicht werden die meisten Gutachter dann also die Betroffenen „gesund schreiben. “.

Selbst wenn es sich ganz und gar nicht gesund anfühlt.

Mal ganz davon abgesehen, dass eine vorzeitige Berentung in aller Regel mit einem Absturz auf Hartz IV-Niveau führt und damit wiederum unter die Armutsgrenze. stürzt

Gibt es Wege aus der Zeitinsolvenz ?

Auch wenn eine Berentung dann also vielleicht zu mehr freier Zeit führen würde, ist dies also keine wirkliche Lösung. Wenn dann Patienten von der Rentenversicherung in die Reha-Kliniken zugewiesen werden, ist die Zeit für eine Veränderung meist schon abgelaufen. Es droht die Zeit-Insolvenz.

Das wird auf Dauer verdammt teuer für unsere Sozialsysteme und letztlich auch den qualifzierten Arbeitsmarkt. Uns werden zukünftig schlicht und ergreifend Arbeitnehmer fehlen oder die Rentensysteme das nicht auffangen können.

Es ist an der Zeit sich mit neuen Wegen zu mehr Zeitwohlstand bzw. Wegen aus der Zeitarmut zu befassen.

Ich bin nun nicht unbedingt Sido-Fan. Aber wenn es einen passenden Soundtrack für diesen Blog geben müsste, wären es vermutlich die Bilder im Kopf von Sido. Gerade das Video illustriert ganz schön, was da so lebensgeschichtlich im Kopfkino abgeht.

Es geht um emotionale Erinnerungen bzw. Innenwelten. Die können eine andere Gewichtung als die Biographie der Aussenwelt haben.

Sidos schwarzes Photoalbum

Bilder im Kopf von Sido

In seinem schwarzen Fotoalbum mit dem silbernen Knopf hat er ja immerhin eine gewisse Grundordnung. Im Rap bzw. der Aneinanderreihung von positiven bzw. meist negativen bzw. traurigen Erlebnissen wird aber auch deutlich, dass es nicht so sehr um das biographische „WAS“ sondern um das  emotionale „Wie“ geht. Wie wurden die Erlebnisse emotional eingeordnet bzw. bewertet.

 

Der Lebens-Rhythmus kann durch Irritationen bzw. Verluste, Gewalt oder Drogenerfahrungen bzw. überhaupt Veränderungen nachhaltig verändert bzw. gestört sein. Es geht also auch oder gerade um Unterbrechungen, um Lücken oder um Überschneidungen oder Häufungen von Erlebnissen.

Die Frage ist dann, ob sich sowas wie ein Inhaltsverzeichnis bzw. ein Ordnungssystem noch finden lässt. Oder ob die Bilder eben wie eine Loseblattsammlung umherflattern.

Ein Fotoalbum ist eine Möglichkeit in der Therapie mit der sog. Timeline-Technik zu arbeiten. Dabei kann man schauen, was so in seinem persönlichen Fotoalbum bzw. Buch noch unsortiert bzw. mit der Markierung „Gefahr“ oder „ungeklärt“ als offenes Thema besteht.

Ich arbeite gerne mit solchen Bildern im Kopf und häufig ist es dann so, dass auch Flächen schwarz bleiben. Das ist dann wie ein umgedrehtes Bild. Manchmal sind die Bilder auch verschwommen. Das können dann Hinweise für traumatische bzw. dissoziative Phänomene sein.

Das Album kann Risse haben, Seiten können fehlen oder man kann ggf. nicht zu den „frühen Bildern“ gelangen. Das kann man aber über innere Bilder auch wieder in Ordnung bringen.

Ich fände es sehr spannend, andere Bilder im Kopf bzw. entsprechende Videos / Bilder von anderen Menschen kennenzulernen. Dazu hatte ich die Plattenfirma von Sido auch kontaktiert, ob man das Video bzw. die Musik quasi als Promotion für eine entsprechende Initiative nutzen kann. Mal abwarten.