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Familiensysteme nicht nur bei Essstörungen : Eine harte Nuss

Manchmal lassen sich Familiensysteme besser über Figuren, Tiere oder Pflanzen darstellen. Das ist wohl in der analytischen Spieltherapie bzw. auch in vielen systemischen Therapieansätzen bestens bekannt. Das therapeutischen Arbeiten mit Imagination = inneren Bildern hilft Zusammenhänge zu erkennen und zu verändern.

In einer Therapiestunde einer Patientin mit schwerer emotional-instabiler Persönlichkeitsstörung und einer von mir als symbiotisch eingeschätzten dysfunktionalen Beziehung zur (Borderline-Mutter) wird dies wie folgt deutlich.

Es geht mir zunächst darum, dass Frau P immer und immer wieder den telefonischen Kontakt zu ihrer Mutter sucht, der ihr aber nicht gut tut. Ja, eigentlich schon eher als selbstschädigendes Verhalten zu werten ist, da sich in der Folge von Kontakten u.a. Hautwunden an den Händen jeweils deutlich verstärken und auch die bulimische Essstörung stärker wird.

Die Mutter habe aber eine Angststörung, bzw. könne sich allein nicht durchsetzen. Da sich die Schwester der Klientin gerade von der Familie losgesagt habe (nach einem Streit mit dem Vater), benötige die Mutter noch mehr Unterstützung.

Ich lasse Frau P. jetzt das Lebensgefühl ihrer Mutter in ein Bild übersetzen und biete dafür Obst oder Gemüse an. Sie solle sich also in ihre Mutter hinein versetzen und mir das Lebensgefühl beschreiben. Spontan fällt ihr eine braune Kokosnuss ein. Diese sei nach aussen hin „normal“ braun und fest, aber eigentlich überreif. Innerlich sei sie faul bzw. schimmelig und beinhalte eine schwarze, klebrige Flüssigkeit. Diese sei aber für Aussenstehende nicht erkennbar.

Als ich sie frage, welches Gefühl dabei entsteht, wenn sie sich jetzt mit dem Lebensgefühl der Mutter beschäftigt, so übersetzt sie dies spontan als eine Walnuß. Diese sei schwarz und sehr klein. Fast unsichtbar.

Die Kokosnuß und die Walnuß ständen in einer besonderen Abhängigkeitsbeziehung. Zwar habe die Kokosnuß eine harte Schale, aber die Walnuß sei noch widerstandsfähiger bzw. könne in das innere der Kokosnuß schauen. Sie müsse sie stabilisieren. Andererseits sei die Kokosnuß ja grösser und älter und beschützte in gewisser Weise die Walnuß. Beide könnten ohne die andere nicht existieren.

Nun kommen wir zum Vater. Dieser wäre in dem Bild ein grünes Moos. Was sich um die Kokosnuß schmiege, zur Walnuß aber kaum eine räumliche Beziehung habe.

Frau P. schildert, dass es ein parasitäres (symbiotisches) Verhältnis zwischen Moos und Kokosnuß gäbe. Diese beiden Gewächse würden quasi gemeinsam (aber eben nicht allein) Widrigkeiten begegnen.

Die Schwester „hänge als Banane“ an einem anderen Baum. Sie habe derzeit keine räumliche (emotionale) Beziehung. Spielte aber in der Vergangenheit eine wesentliche Rolle. Die Walnuß habe viel auf sich genommen, um die Banane zu schützen.

Nun könnte man natürlich viel in dieses Bild bzw. „Aufstellung“ hinein interpretieren. Abgesehen von den spontanen Schilderungen von Frau P. vermeide ich soweit es geht eigene Analysen, frage eher interessiert nach, wofür das Bild stehen könnte.

Dann leite ich 10 Augenbewegungen von rechts nach links an.

Frau P schildert, dass sich die Kokosnuß und das Moos etwas von einander trennen. Das Moos würde spüren, dass es nicht mehr viel von der Nuß profitieren könne. Das wiederum würde der Kokosnuß widerstreben.

Die Walnuß würde unruhig hin und her rollen.

Der gefällt das wohl so nicht….

Diese Art von Familientherapie würde dann darauf zielen, dass man alle Beteiligten ähnlich einbezieht. Weil es gegenseitige Wechselwirkungen / Ängste und Abhängigkeiten bis hin zur Symbiose gibt.

Denn auch aus einem kleinen Nüsslein möchte bzw. muss eine grosse Nuss werden. Man muss sie nur lassen.

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Familien-Alarm und zuviel sein

Samstag 22 Uhr 10 im Bereitschaftsdienst (vor ein paar Jahren…)

Bericht aus der Klinik…

Ich erhalte einen Anruf von unserer Nachtdienstschwester. Die Eltern von Frau K. seien da, ihre Tochter hätte so merkwürdige Kribbelmissempfindungen und Unruhe. Schliesslich habe sie vor 2 oder 3 Jahren einen Narkosezwischenfall gehabt. Ich solle kommen.

Aha. Gut, es ist mein Job. Ich werde selten um diese Zeit im Wochenenddienst  gerufen, aber wenn ich gerufen werde, ist es wichtig. Auf dem Weg vom Dienstzimmer versuche ich meine Genervtheit über die Uhrzeit abzuschütteln : „Warum sind die nicht eher gekommen, was machen die denn eigentlich um diese Zeit in der Klinik ?“

Mir gehen die Worte meiner Chefin bzw. leitenden Oberärztin durch den Kopf : „Zu Essstörungen muss man ganz besonders liebevoll und freundlich sein“. Und wir behandeln Eltern mindestens so freundlich wie ihre Töchter. Und freundlicher. Gerade dann, wenn sie eigentlich die grössten Nervtöter dieses Universums ind.

….Gelingt nicht immer. Aber der Wille dazu ist da.

Ich treffe eine vergleichsweise ruhige Patientin an, die auf der Liege in unserer Medzinischen Zentrale sitzt. Daneben eine Mutter, der es schon eher peinlich erscheint, dass ich komme. Sie strahlt aber eine grosse Sorge aus. So als ob ihre Tochter gleich einen Krampfanfall erleiden oder aber ohne elterliche Unterstützung sicher den späten Abend nicht ohne gesundheitlichen Schaden überstehen könnte.  Ein Vater, der die Regie übernimmt. Freundlich, aber der gute Mann strahlt eine Anspannung und Impulsivität aus, die es schwer macht, ruhig zu bleiben. Nun bin ich manchmal nach einem langen Arbeits- und Nachtdiensttag auch nicht mehr so locker und flexibel, aber hier scheint irgendwo ein Alarmknopf gedrückt. Virtuell natürlich.

Die Krankenschwester hat die Situation souverän unter Kontrolle. Blutdruck, Puls, ein EKG, Blutzucker und sogar schon eine Blutgasanalyse zur Kontrolle der Blutsalze (Elektrolyte). Alles im grünen Bereich. Ihr Blick spricht Bände. Eigentlich gibt es keinen Grund, dass ich komme.  Meine einzige Aufgabe wäre, den Klingelknopf bei den Eltern auszuschalten. Damit der Alarm ausgehen kann. Und souverän versucht sie Ruhe in die Situation zu bringen. Den Eltern mal einen Kaffee oder Tee anbieten. Wollen sie nicht. Sich setzen. Die Aufregung runterreden. Kontakt und Bindung herstellen. Sie setzt sich fast beiläufig mit auf die Untersuchungsliege und legt ihren Arm um das Mädel. Nur kurz. Aber es signalisiert viel : Hier bist du sicher und willkommen.

Überhaupt : Die Mitarbeiterinnnen in unserer Medizinischen Zentrale (MZ) sind vermutlich die wahren Therapeutinnen der Klinik. Sie haben am meisten Kontakt, geben die häufigsten kurzen Aufmunterer und sie müssen am meisten die miese (dysphorische) Stimmung oder auch mal Wutausbrüche aushalten, wenn es hoch her geht oder aber die Heimweh, Verlassenheitsgefühl und 1000 andere Notlagen auftreten. Nicht zu reden von der Versorgung der Selbstverletzungen, bisweilen ein sehr blutiges Unterfangen. Ein erfahrener Arzt weiss : Ohne die MZ geht nichts, sie ist nicht nur räumlich das eigentliche Herz der Klinik. Herz mal als „Seele“ verstanden.

So ganz klar ist mir nicht, warum ich JETZT eine ärztliche Klärung herbeiführen kann. Ich kenne ja die Patientin noch nicht einmal. Ausser, dass irgendwie eine Aufregung im Spiel ist. Die Spannung ist wie ein herannahendes Gewitter im Raum spürbar.

So wende ich mich zunächst an die Eltern, was sie denn so alarmiere bzw. warum sie an einem Samstag um 22.10 noch in der Klinik bei ihrer Tochter sein müssen.

Eigentlich beisse ich mir da schon innerlich auf die Zunge. Fehler. Natürlich hätte ich sie zunächst dafür unterstützen sollen, dass sie sich so für ihre Tochter einsetzen. Da sind. Ist ja nicht selbstverständlich. Bloss nicht das Gefühl geben, dass sie „schuld“ sind. Das haben sie bestimmt schon 100 mal gehört. Mindestens.

Aber medizinisch gesehen ist halt alles „o.B.“ = ohne auffälligen Befund.

Immerhin ist die Patientin erst zwei Tage im Haus und bei aller Zuwendung für eine erwachsene Tochter ist es doch ein recht ungewöhnlicher Termin für ein solches Notfallgespräch. Zumindest wenn man weiss, dass die Patientin am Vormittag schon wegen dieser Missempfindungen eine Kontrolluntersuchung der Blutsalze bzw. der Blutgasanalyse hatte und dann sowohl vom Früh- wie auch Spätdienst und nicht zuletzt der Nachtschwester gesehen wurde und nach ihrem Befinden gefragt wurde, dazwischen u.a. bei allen 5 oder sogar 6 Mahlzeiten engmaschig betreut wurde und vermutlich kaum eine Minute ohne Begleitung hatte.  Und es derzeit keinen Hinweis darauf gibt, dass sie nun ein neues Medikament oder gar eine Narkose von uns erhalten hat oder noch am Abend erhalten würde.

Die Tochter hat bisher immer noch kein Wort gesagt. Der Impuls zum Rufen des Arztes kommt nicht von ihr. Sollte man jedenfalls meinen. Eigentlich hat man den Eindruck, dass sie sich am liebsten unsichtbar machen würde, dass sie hier „zuviel“ ist. Es ihr auch zuviel ist, was da inzeniert wird. Ich vermute, dass die Mutter „besorgt“ auf Äußerungen ihrer Tochter reagierte und der Vater zum Sprachrohr wird. Aber eine komische Konstellation ist es schon.

Ich versuche zu erklären, dass sowohl Kribbelparästhesien bzw. auch zeitweilige Zuckungen (Tics) nach klinischer Erfahrung viel mit innerer Anspannung bzw. auch häufiger mit Hyperventilation bzw. einer flachen Brustatmung zu tun haben kann.  Eine psychische Belastung durch die neue Situation in der Klinik könne ja schliesslich vorliegen. Ich lasse die Patientin mal tief in den Bauch atmen, dann flach in die Brust. Wieder in den Bauch.

Der Vater legt gesteigerten Wert darauf , dass ein solcher Druck ja nicht von den Eltern ausgehe, sie ja das Beste für ihre Tochter wollten. Ja, ja… Stimmt schon. Und doch : Wenn irgendwo Druck und Spannung im Raum ist, dann durch diese Konstellation.

Die Tochter fühlt sich überflüssig bzw. zu viel in dieser Situation. Aber sie darf es nicht sagen.

Das gelingt dann erst in einem Gespräch am nächsten Morgen. Ich habe noch Dienst und die Eltern sind (noch) nicht da.

Sie will sich „nur“ bei mir entschuldigen. Für den peinlichen Auftritt ihrer Eltern. Sie wäre am liebsten vor Scham im Boden der Klinik versunken.

Ich versuche ihr klar zu machen, dass es um die Validierung ihrer Gefühle geht. Nicht um die ständige Korrektur und Anpassung. Sie darf das fühlen, was sie fühlt. Und sie darf ihre Eltern peinlich fühlen. Eltern in der Pubertät benehmen sich dauernd peinlich.

Neuropsychotherapie der Essstörungen

Viele (alle) Patientinnen mit einer Essstörung sind ausgesprochen kreative und leistungsorientierte Patientinnen und Patienten Sie gehören häufig zu den schulisch besten Schülerinnen ihres Jahrgangs. Keine Regel ohne Ausnahme. Ganz klar. Aber häufig haben wir es mit wahren „Hochleistungsgehirnen“ zu tun, was sich auch in der therapeutischen Arbeit häufig als Herausforderung darstellt.

Anders ausgedrückt : Die meisten unserer Patientinnen sind intellektuell nicht dümmer bzw. eher weit schlauer als wir Therapeuten. Sie nehmen sehr sehr viel von ihrer Umgebung wahr und analysieren dies oft treffsicher, sie können dieses Wissen auch prima bei anderen Klientinnen ansprechen und dortige Problembereiche erkennen. Ich habe es wiederholt erlebt, dass die Patientinnen die wahren Expertinnen in Sachen Essstörungen sind. Oder aber auch einfühlsamer bzw. unterstützender sein konnten, als dies unsere Psychotherapeutinnen und -therapeuten je sein konnten. Im Gegensatz zum Psychologen oder Arzt haben sie ja auch viel länger Erfahrung in diesem Gebiet. Ihr Gehirn hat sich durch die ständige Wiederholung und tagtägliche Auseinandersetzung zum Superfachmann in diesem Gebiet gemausert.

Anorexie Störungsmodell aus Sicht der herkömmlichen Psychotherapie

Hier  beschreibt eine Patientin aus meiner früheren Klinik, was Sie (bzw. die leitende Oberärztin Frau Wünsch-Leiteritz) so über Essstörungen wie Anorexie weiss oder denkt. Sie weiss bzw. spürt, dass sie den Anforderungen an Leben bzw. Problemen nicht gewachsen ist. Nicht genügend „erwachsen“ ist. Vorgänge / Familiensysteme nicht so über direktes Verhalten (Sprechen) beeinflussen zu können, wie sie es für erforderlich hält. (Wobei sie sich da möglicherweise eben auch eine Macht bzw. Aufgabe zuspricht, die sie eigentlich gar nicht haben darf / soll / muss).  Es ist anorexie-typisch präzise auf den Punkt. Ich könnte es nicht besser ausdrücken, was man über Kognitionen und Fehleinstellungen zur Anorexie denken und wissen kann/ muss.

Sie können dieses Wissen nur nicht auf sich selber anwenden bzw. durchhalten oder gar das Verhalten so ohne weiteres ändern und diese Änderung beibehalten, wenn sie wieder im Alltag auf sich allein gestellt sind. Und sie können (mit Worten) nicht ausdrücken, in welcher Notlage sie sich eigentlich befinden. Sie fühlen sich missverstanden und im Verlauf der Essstörungserkrankungen machen sie immer mehr Erfahrungen, die sie in Unverständnis bzw. Rückzug treiben.

Cognitive Remediation Therapie bei Anorexie

Die Essstörung ist also ihr Spezialgebiet. Ein Gebiet, dass sie unter Kontrolle haben und das ihnen Macht gibt. Macht über sich selber und Macht über ihre Umgebung.

In den letzten Jahren hat sich bei einigen Therapeuten mit langjähriger Erfahrung in der Rehabilitation psychiatrischer wie psychosomatischer Krankheitsbilder die Erkenntnis durchgesetzt, dass nicht das „WAS“ , sondern das „WIE“ beim Denken beeinträchtigt sein könnte. Also nicht die Inhalte und Überzeugugen, sondern die neuropsychologische Funktion von Hirnvorgängen, die man auch als höhere Handlungsfunktionen oder Exekutivfunktionen bezeichnet. Hierzu muss man also auf eine sogenannte „Meta-Ebene“ gehen und sich einmal die Frage stellen, wie nimmt denn das Gehirn meiner Patientin ihre Welt wahr und wie geht sie damit um. Dann gibt es einen Unterschied zwischen Wissen bzw. Können und Anwenden, also im Alltag tun (oder lassen).

Die amerikanische Neuropsychologin Alice Medalia hat diese Therapieansatz als NEAR (Neuropsychological & Educational Approach to Remediation) in die Fachwelt eingeführt. Ziel dabei  : Verstehe die indviduelle Funktionsweise deines Gehirns, vermittele dies durch Wissensvermittlung an die Betroffenen und ihre Angehörige und lerne damit möglichst angemessen umzugehen. Das wird dann auch als „Cognitive Remediation“ bezeichnet.

Wie orientieren wir uns eigentlich im Leben bei neuen Herausforderungen ?

Schauen wir uns das zunächst an einem Beispiel an, dass nichts mit Essstörungen zu tun hat. Beispielsweise das Erlernen des Autofahrens bei einer 17 jährigen Fahrschülerin.Dabei setzen wir viele scheinbare Selbstverständlichkeiten voraus, die gar nicht so selbstverständlich sind. So benötigen wir zunächst ein gut gewartetes, möglichst voll betanktes Fahrschulauto.  Wäre ja blöd, wenn die erste Fahrstunde nun aufgrund eines von der Fahrschülerin nicht zu verantwortenden technischen Defektes oder aber schlicht Energiemangel = Spritverlust nicht klappt. Vielleicht ist noch wichtig, ob es nun ein Schaltwagen ist oder ein Automatikgetriebe hat. Wir passen noch die Sitzhöhe und die Spiegel an. Mindestens. Dagegen spielen andere Details, etwa die Farbe des Autos oder Schnickschnack der technischen Ausrüstung des Wagens, keine Rolle. Sie lenken eher ab.

Dann kommt es darauf an, wie die Umgebungsverhältnisse sind. Ist die Sicht gut oder gibt es Nebel, Regen oder gar Schnee. Wie sind die Strassenverhältnisse vom Untergrund und natürlich auch, was ist auf der Strasse an Verkehr so los.

Natürlich setzen wir hier weiter gute, möglichst frei befahrbare Strassen voraus. Die meisten Fahrlehrer werden auf einer breiten, möglichst auch für das Erlernen von Anfahren und Abbremsen geeigneten Strecke zurückgreifen. Aber man nimmt, was man bekommt oder hat. Meine erste Fahrstunde war im Feierabendverkehr der Innenstadt in Lüneburg. Es war Stop and Go. Anfahren konnte ich dabei lernen…. Und für das Bremsen hatte der Fahrlehrer immer einen Fuss auf der Bremse. Sicher ist sicher…

Aber weit gekommen sind wir in den ca 50 Min eher nicht. Denn man  benötigt  beim Autofahren ein Ausgangspunkt (Abfahrtsstelle) und ein Ziel. Bei mir war es eben die Fahrschule mitten in der Innenstadt, die wir nach 45 Min ja wieder für den nächsten Fahrschüler erreichen mussten. Das reichte also gerade mal für eine Innenstadtrunde. Heute ist das da alles verkehrsberuhigte Fussgängerzone. Der Fahrschullehrer kennt aber eben (im Gegensatz zum Schüler oder der Schülerin) schon die Verkehrssituation, d.h. er (oder sie) kann vorausschauend planen, wo und wie lange es wohl langgeht. Ausnahmen bestätigen wieder die Regel. Dann kommt es darauf an, wie flexibel man mit der neuen Situation umgehen kann. In einer Fahrschulstunde beispielsweise dadurch, dass man den Fahrtweg verändert je nach individuellem Fortschritt der Schülerin bzw. auch der Verkehrssituation.

Für das Erlernen des Autofahres benötigen wir also in aller Regel eine weitere Person, die es schon kann. Das entscheidende dabei ist aber weniger das technische Wissen um das Autofahren das nun den Fahrlehrer von der Fahrschülerin unterscheidet. Das wurde ja im Theorieunterricht vermittelt. Dieses Wissen muss aber angewendet werden können bzw. eben die dabei stattfindenden komplexen Vorgänge gesteuert werden.

In einer Fahrstunde gibt es immer wieder Alarmsituationen. Aus denen man eigentlich lernen muss / soll. Wichtig ist hier, die Ruhe zu behalten. Und eben dann nicht in Angst und Schrecken zu verfallen.

Und gerade da ist die Auswahl bzw. die Persönlichkeit des Fahrlehrers entscheidend. Reagiert er selber ruhig und besonnen ? Oder versprüht er eine Atmosphäre und Vor-Anspannung, die letztlich die Lust am Fahren schon vor der ersten Bewegung in Richtung Gaspedal verunmöglicht ?

Lernen heisst, Erfahrungen zu integrieren. Also immer mehr und mehr Aufgaben selbstständig zu übernehmen. Leben heisst, aber eben eigene Erfahrungen machen zu dürfen. Und nicht aus den möglichen negativen Vorerfahrungen des Fahrlehrers selber am Fahren gehindert zu werden.

Eine Persönlichkeit entwickeln, heisst eben auch quasi ein neues Betriebssystem zu integrieren. Abschreiben von Betriebssystemen von Mama und Papa. Und dann irgendwann selber losfahren.

Klar, dann kann dieses System wieder zerschossen werden. Desintegriert werden. Gespalten bzw. durch Traumata und Dissoziation in seiner Integrität wieder gestört werden. Es kommt zu Blockaden und Störungen. Dazu komme ich noch.

Teilweise übernimmt dabei der Fahrlehrer also Hirnfunktionen der Fahrschülerin. Er /sie vermittelt aber noch stärker so etwas wie Grundsicherheit.

Gerade in der Pubertät sind bestimmte Hirnfunktionen quasi eine Baustelle. Das bezieht sich aber eben gerade auf die Frontalhirnfunktionen bzw. Exekutivfunktionen, die bei der Essstörung zu Problemen führen. Handlungsplanung und Umsetzung sind noch nicht verautomatisiert, wie es bei einer langjährigen Autofahrerin der Fall wäre. Dafür könnte ich aber heute auch kaum noch genau wiedergeben, welche Handlungen ich wann beim Schalten, Kuppeln etc im Strassenverkehr mache. Der Fahrlehrer übernimmt also Funktionen, die beispielsweise im Frontalhirn des Menschen angesiedelt sind. Also das Planen, das Bremsen (auf psychologisch  „Inhibition“ genannt) bzw. das situationsangemessene Handeln. Irgendwann verautomatisiert dies. Bis man also irgendwann es „von allein“ kann. Und gar nicht mehr darüber nachdenkt.

In dieser Phase ist es wichtig, dass man noch nicht alle Gefahren kennt. Das man quasi in Sicherheit gehalten wird. Derartige Übergänge (Transitionen) sind immer mit Unsicherheit und Anspannung verbunden. Sie zu bewältigen ist eine Entwicklungsaufgabe, die eben häufig bei Essstörungen misslingt.

Und die Umgebung geht (fälschlich) davon aus, dass diese so vordergründig zu vernünftigen und so schlauen Mädels eben gerade in diesem Bereich eine Stärke haben. Mehr machen und aushalten können, als man denkt. Und früher für sich und andere Menschen Verantwortung übernehmen (müssen)

Ermunterung und Unterstützung und eine stabile Grundpersönlichkeit

 

Stellen wir uns jetzt einmal vor, die Fahrschülerin würde zu Beginn der Stunde alle Anweisungen der nächsten 45 min von ihrem Fahrlehrer vorgelesen bekommen, die während der Fahrt entstehen. Klar, sie würde keinen Millimeter weit kommen, da dies ja schon 45 min dauern würde. Diese Anweisungen (Verbalisationen) laufen aber bei uns im Kopf auch als eigene Kommentare des Verhaltens wie Untertitel bei einem fremdsprachigen Film mit.

Diese Selbstverbalisation bestimmt aber die Motivation bzw. auch die Daueranstrengung für das Handeln. In der Pubertät schaltet das Gehirn leider bei negativen Aussagen der Eltern ab. Bzw. kann diese Aussagen nicht wirklich in das Betriebssystem so integrieren, wie es erforderlich ist. Eltern von essgestörten Patientinnen fallen häufig dadurch auf, dass ihre Kommunikation eben durch eine Häufung von Kritik bzw. Vorsicht, Ermahnung und sonstigen latent kritischen Botschaften geprägt ist. Die aber eben entwicklungspsychologisch vom Gehirn ihrer Töchter gar nicht gefiltert bzw. integriert werden können.

Ein guter Fahrlehrer wird also eher aufmunternde, positive Worte finden. Über 75 Prozent davon laufen aber eher ohne Worte, dh. nonverbal. Schlicht und ergreifend, weil noch mehr Anweisungen das Gehirn nur noch mehr durcheinander bringen würde. Hauptziel ist dabei, die Unsicherheit und Angst abzubauen, so dass sich die Fahrschülerin auf das Autofahren konzentrieren kann. Und Lernen funktioniert nur dann, wenn man keine Angst hat. Und wenn der Fahrlehrer keine Angst hat. Aber eben sorgsam und empathisch und echt handelt. Egal wie gut oder dämlich sich die Anfängerin anstellt, ein guter Fahrlehrer umschneichelt das Angstzentrum (Limbisches System = Mandelkern bzw. im Fachchinesisch Amygdala).

Wäre der eigene Vater oder die Mutter der Fahrlehrer, so würde genau der gegenteilige Effekt eintreten. Das eigene limbische System würde ständig aktiviert. Und letztich würde die Tochter irgendwann das Gefühl haben, sie müsste die Sorgen ihres Fahrlehrers „ent-sorgen“. Damit sich Mama oder Papa keine Sorgen mehr machen müssen.

Die Anweisungen sollten dabei so sein, dass sie auch verstanden werden können und umgesetzt werden. Idealerweise so, dass eine blinde Person sie in die Handlung umsetzen kann. Kurz, eindeutig und zielorientiert.

Und genau hier hapert es häufig bei den Familiensystemen bei esssgestörten Klienten. Entweder werden doppeldeutige Botschaften versendet, d.h. es besteht eine latente Doppelmoral. Nach aussen ist alles in Ordnung, im inneren brodelt es. Das mag für neurotypische Menschen nicht auffallend sein. Ein hochsensibles Mädchen spürt es aber ständig.

Es kann aber eben auch sich um „Miss-Verständnisse“ handeln, die auf die Entwicklungsverspätung bzw. – besonderheiten der eigenen Gefühlsregulation und – wahrnehmung zurückzuführen wären. Das Gehirn nimmt also bestimmte Informationen nicht vollständig und sinnerfassend auf. Es interpretiert dann Dinge in Aussagen oder Verhalten ein, die überhaupt nicht so gemeint waren.

Vor einigen Monaten  hörte ich, dass der Modeschöpfer Karl Lagerfeld nicht Auto fährt. Aber 2 Autos (der Luxuskategorie) besitzt. Er lässt Autofahren, was zu seinem verschrobenem Image gehören könnte. Ob die Pressemeldung nun stimmt oder nicht, sei dahingestellt. Wenn es stimmen sollte, dann wäre es für uns aber ein schönes Beispiel : Er  fährt nicht, weil er es aus neuropsychologischen Gründen nicht kann bzw. für sich selbst als zu gefährlich eingeschätzt hat. Angeblich wäre es für sein Gehirn zu langweilig immer geradeaus auf den Verkehr zu achten. Er würde überall und nirgends hinschauen, nur eben nicht auf den fliessenden Verkehr. Was zu Unfällen geführt hätte. Das wiederum hätte ihn verunsichert bzw. zu dem Entschluss geführt, nicht mehr Auto zu fahren. Er kompensiert das durch einen Chauffeur und lässt sich fahren. Er nutzt ein Ersatzgehirn ( bzw. „Body double“ ) für eine neuropsychologische Funktion, die ihm fehlt oder nicht so gut ausgeprägt ist. Dafür kann er andere Dinge offenbar besser, denn sonst könnte er sich ja nicht die Fahrzeuge samt Fahrer leisten.

Worauf ich hier hinaus möchte, ist also hier zunächst der Unterschied zwischen kognitiven Funktionen bzw. Fähigkeiten und akademischem Wissen.

Kognition bzw. Wissen in diesem Sinne bezieht sich also auf ein ganzes Spektrum von Fertigkeiten, die für die Wahrnehmung, Informationsaufnahme, Verständnis und Verarbeitung bzw Umsetzung von Informationen wichtig sind. Informationen sind dabei aber eben nicht nur die Ereignisse, die in unserer Umwelt passieren, sie müssen ja auch mit den Erfahrungen im Leben (Gedächtnis) abgeglichen werden. Wir müssen mit unserer Umwelt kommunizieren. Schliesslich muss dann auch das Wissen bzw die Absicht in ein Handeln umgesetzt werden. Diese spezielle Fähigkeit bezieht sich auf das sogenannte Prospektive Gedächtnis. Also eine Absicht auch wirklich durchzuführen.  Hier geht es also darum, im tagtäglichen „Alltagsbetrieb“ zu funktionieren. Man könnte auch sagen : Hier geht es eher darum, wie das Gehirn Lernen lernt bzw. umsetzt. Weniger um den Inhalt.

Akademisches Wissen wäre beispielsweise das Wissen über Literatur oder Vokabeln, mathematische Kenntnisse oder aber anderes „Schulwissen“. Man kann trotzdem gut in der Schule sein und ein hohes akademisches Potential haben und dennoch Probleme im Bereich der kognitiven Meta-Funktionen der höheren Handlungsfunktionen haben. Gerade dann.

Vermutlich werden wir alle mit etwas unterschiedlichen Stärken oder relativen Schwächen geboren, da diese Grundfertigkeiten eine hohe genetische (vererbte) Komponente aufweisen.

Nun entwickeln sich diese Grundfähigkeiten der Wahrnehmungs- und Handlungsfunktionen im Laufe der Kindheit bzw. Jugend weiter – oder eben auch nicht. Im Alter wiederum ist dann mit einem Nachlassen dieser Fertigkeiten bzw. Flexibilität zu rechnen, die man dann aber häufig eben auch durch Lebenserfahrung bzw. geeignete Lebensbedingungen mehr oder weniger gut ausgleichen kann. Und bei Angst oder Stress sind es genau diese Funktionen, die früh aufgeben bzw. blockieren. Die sich dann aber auch nicht entwickeln.

Bestimmte Dinge bzw. Fertigkeiten kann man aber entweder akzeptieren lernen bzw. geeigneite Hilfsmittel finden oder aber ggf. auch gezielt trainieren.

Das zumindest ist die Grundannahme von entsprechender Therapie- und Trainingsprogrammen.

Aber ist die Essstörung wirklich ein Problem des Wissens oder der Gedanken und innerer Schemata ? Erreicht man mit Worten bzw. sprachgebundener Psychotherapie wirklich das Kernproblem ? Ist Sprache also wirklich ein Spiegelbild der Seele ?

Natürlich spielt es auch eine Rolle, wie nett bzw. ruhig der Fahrlehrer ist. Ob er das Gefühl von emotionaler Sicherheit vermittelt oder aber selber ein Nervenbündel oder Choleriker  ist.

Oder stellen wir uns eine Fahrstunde vor, in der die Mama und der Papa und ein schreiender 2 jähriger Nachzügler-Bruder noch auf dem Rücksitz dabei sind. Auch die eigene Lebensvorgeschichte bzw. Erfahrungen (etwa ein Beinnahe-Unfall der älteren Schwester oder gar ein Todesfall) prägen das Erleben und damit auch die innere Sicherheit, sich auf die Fahrt zu machen.

Leider ist es häufig in Familien mit essgestörten Klientinnen und Klienten so, dass nach aussen Stabilität und hohe Empathie (ja eher zu hoher Einsatz für die Kinder) zu finden ist. Vordergründig ist „alles o.K.“
Leider ist es aber so, dass ein oder mehrere Familienmitglieder selber schon ein sehr instabiles Regulationssystem haben. Und die Patientinnen spüren, dass dies so ist. Sie erhalten aber die Rückmeldung, dass sie sich täuschen. Das alles in Ordnung mit der gespürten Un-Ordnung (bzw. nicht vorhandenen inneren Ordung) und dem Familiensystem ist.

Es kommt dann zur Umkehrung der Verantwortung. Die Tochter bzw. der Sohn übernimmt die Fahrlehrerfunktion und beruhigt bzw. steuert die Mutter. bzw. die Familie.

Die Angst vor dem Leben bzw. Erwachsenwerden kann viele Ursachen haben. Aus meiner  Sicht ist es kein Problem des Wollens oder des Wissens, es ist ein Nicht-Können. Und zwar hauptsächlich deshalb, weil die emotionale Entwicklung bzw. die emotionale Grundaussattung noch nicht passend ist, sich im Fluss des Lebens zu orientieren bzw. mit den emotionalen Stressoren umzugehen.

Das Gehirn ist einfach noch nicht in der Lage, er-Wachsen zu reagieren. Oder die Umgebung ist noch so, dass es zur inneren Spaltung kommen muss. Weil die Wahrnehmung auf der Gefühlsebene und die Aussagen der Eltern auseinander driften. Eine innere Dissoziation / Spaltung erforderlich machen.

Eine ganz andere, sehr interessante und herausforderndende Frage ist es dann, wie man dieses Regulationssystem wieder flexibilisiert. Wieder handlungsfähig machen kann. Aber dazu später mehr…

Emotionale Resonanz nicht nur bei Anorexia nervosa

Asynchrone Emotionen und Emotionale Resonanz bei Anorexia nervosa

Patientinnen und Patienten mit einer anorektischen Essstörung gelten als ausgesprochen sensible, häufig aber auch ehrgeizige „Vorzeigekinder“. Lange haben sie ihren Eltern scheinbar nur Freude gemacht, früh sich über spezielle Interessen und Begabungen profiliert oder als „Sonnenschein“ der Familie sich für Andere eingesetzt.

Wie kann es sein, dass besonders diese intelligenten und häufig ausgesprochen kreativen und feinfühligen jungen Menschen in eine Essstörung geraten?

Schauen wir uns dabei einmal eine Esssstörung unter dem Blickwinkel Resonanz an. Resonanz meint hier einen vieldeutigen Begriff, etwa

– Rückmeldung oder auch Rückkopplung

– Schwingung(sfähigkeit)

– gegenseitige Beeinflussbarkeit

Eine Essstörung kann man vielleicht weit besser als eine „Fehlübersetzung“ einer inneren emotionalen Notlage in ein Verhalten verstehen, für das die Betroffenen keine bessere Problemlösemöglichkeit zur Verfügung haben. Essgestörtes Verhalten wie ein zunehmend restriktives Essverhalten ist also der – natürlich vergebliche Versuch – auf der Ebene des Essverhaltens eine Kontrolle über eine emotionale Alarmsituation zu gewinnen.

Unsere Patientinnen beschreiben sehr häufig eine Diskrepanz von wahrgenommenen Gefühl und von ihrer Umgebung zurückgemeldeter Bewertung der Situation. Dies kann man auch als asynchrone Gefühle oder emotionale Un-Stimmigkeit beschreiben, die sie in ihrem Umfeld spüren. Dies gilt speziell für negative Emotionen wie Ärger oder Wut, die eben gerade nicht angemessen verarbeitet und in einen Erfahrungshorizont integriert werden können.

Vergleichsweise häufig lassen sich dabei zunächst sehr enge Beziehungsmuster mit einer gegenseitigen Idealisierung und engen Vertrautheit beschreiben.

So intelligent diese Mädchen auch in vielen Bereichen sein können und mögen, so wenig können sie aus diesen negativen emotionalen Erlebnissen dann konstruktive Lernerfahrungen im Sinne einer Reifeentwicklung vollziehen. Anorektische Patientinnen fallen dadurch auf, dass sie übermässig ausgeprägt Rücksicht auf die Gefühle der Eltern bzw. in ihrem emotionalen Bezugssystem nehmen und häufig nur indirekt ihre Bedürfnisse ausdrücken oder sich nach ihrem eigenen emotionalen Empfinden zu richten. Häufig aus der negativen Lebenserfahrung, dass das Ansprechen und Äußern eigener emotionaler Wahrnehmungen und Bedürfnisse in Bezug auf das System Familie invalidisiert oder sogar negativ sanktioniert wird.

Dies schliesst in der Folge keinesfalls aus, dass eine anorektische Patientin ihre Familie kontrolliert und sogar tyrannisiert, um eine Kontrolle über die aversiv erlebten Gefühle bzw. einen Zustand des Konfusion und Unsicherheit zu vermeiden.

ER-LERNT oder ER-SCHRECKT ?

Häufig ist es dann sogar so, dass diese Mädchen (weit seltener ja Jungen) vielmehr aufgrund ihrer emotionalen Reizoffenheit (bis hin zur Hochsensibilität bzw. Fähigkeit zur synästhetischen Wahrnehmung) eine emotionale Irritation und Belastung aufgrund von durchaus emotional richtig wahrgenommenen Irritationen, Spannungen oder Konflikten in ihrem familiären Bezugssystem erleben und sich im Sinne einer übermässigen Fürsorge für Andere für die Wiederherstellung einer emotionalen Stabilität verantwortlich fühlen.

Zudem ist es so, dass die anstehenden entwicklungspsychologischen Aufgabe der Autonomie-Entwicklung als hoch angstbesetzt wahrgenommen wird. Dies kann sich auf eigene emotionale Entwicklungsverzögerungen bzw. Reifungsdefizite (z.B. auch in sexueller Hinsicht), aber auch auf die übernommene Rolle als „Stabilisator“ im Familiensystem beziehen.

Emotionale Resonanz-Störungen

In dieser höchst individuellen emotionalen Notlage im Sinne einer Alarmsituation gelingt es ihnen nur unzureichend, eine als stimmig erlebte EMOTIONALE RESONANZ im Sinne einer ihrer emotionalen Reifeentwicklung und Bedürftigkeit entsprechenden Stabilisierung und Validisierung (= Bestätigung) von ihren Bezugspersonen (= Eltern) zu erhalten. Sie können nicht auf einer emotionalen Wellenlänge kommunizieren. Hierfür kann es sehr unterschiedlich, häufig miteinander verknüpfte Ursachen geben.

Häufig wünschen sie sich eine Reaktion, die sehr (früh-)kindlichen Bedürfnissen entspricht, die sie aber als Teenager oder Erwachsene nicht mehr – oder auch bisher nie – erhalten haben. Sei es, dass ihre Eltern aufgrund eigener emotionaler Störungen dazu nie in der Lage waren und das Kind im Sinne einer emotionalen Deprivation aufwächst.

Trotz eines häufig eher überbehüteten Erziehungsstils im Elternhaus erleben die Patientinnen so subjektiv eine emotionale Verlassenheit und Alleinsein, bzw. Alleingelassenwerden. Dabei stellt sich aber auch die Frage, ob sie überhaupt auf die emotionalen Signale ihrer Bezugspersonen reagieren (können) bzw. ob diese im Sinne einer Kommunikationsstörung auf der falschen Ebene unternommen und damit ohne emotionale Resonanz verpuffen müssen.

Eine anorektische Essstörung wird somit aus einer aufgrund der wahrgenommenen emotionalen Instabilität bzw. Alarmsituation im familiären System resultierten Überbesorgnis, die missverständlich auf Essen bzw. Gewichts(zunahme) und Körperschemastörungen reduziert wird. Nicht das Essen ist nicht (mehr) aushaltbar, vielmehr kann die Wahrnehmung von asynchronen Emotionen bzw eines Daueralarmzustandes nicht mehr ertragen werden.

Die Reaktionen ihrer Bezugspersonen, die naturgemäss durch die dramatische Krankheitsentwicklung bzw. die für sie überraschende Wesensänderung ebenfalls alarmiert sind, erzeugen eine Dynamik, die wesentlich zur weiteren Chronifizierung beitragen kann und so zur weitere Verstrickung in essgestörtes Verhalten führt.

 

Perspektivenwechsel in der Therapie

„… vollkommene Theorien fallen nicht vom Himmel, und sie werden mit noch grösserem Recht mißtrauisch sein, wenn Ihnen jemand eine lückenlose und abgerundete Theorie bereits zu Anfang seiner Beobachtungen anbietet“.
Sigmund Freud . Über Psychoanalyse

 

Ich bin nun ganz sicher kein Psychoanalytiker. Eher im Gegenteil. Aber reiner Verhaltenstherapeut bin ich auch nicht.

Bis vor mehr oder weniger genau einem Jahr habe ich in einer Klinik für Essstörungen gearbeitet. Eigentlich war ich dort im ADHS-Bereich als „Experte“, aber irgendwie war die Arbeit mit den häufig hochsensiblen „Mädchen“ bzw. jungen Frauen ein ganz besonderes Erlebnis. Ich war also mindestens 2 Jahre als Therapeut im Bereich Essstörungen tätig.  Ich fing an, mir Gedanken dazu aufzuschreiben.

Der Anlass, Gedanken, Erfahrungen und Unstimmigkeiten zum Thema Essstörungen zusammen zu schreiben, ist das heimtückische Fragezeichen. So bezeichnete eine Patientin bei uns ihr Gefühl mit oder durch ihre Essstörung  in einem der zahlreichen Wochenenddienste in der Klinik.

Es sind häufig  Missverständnisse. Nicht nur auf Seiten der Eltern oder Angehörige, nicht nur auf Seiten der Patientinnen und Patienten selbst. Vor allem auf der Seite der Ärzte, Psychotherapeutinnen.

 

Häufig erleben sich unsere Patientinnen eigentümlich orientierungslos. So gut sie auch anderen einen Rat geben können, so wenig scheinen sie sich in sich selbst, ihrer Umwelt und ihrem Leben auszukennen oder zurecht zu finden. Daraus resultiert nicht selten eine für Aussenstehende unbegreifliche Selbstwertschwäche, wirken sie doch nach aussen so durchsetzungsfähig und kompetent.

Die Essstörung ist damit auch eine vertraute Orientierung. Ein Bereich, den unsere Patientinnen immer besser und besser innerlich kennengelernt haben und in dem dann auch die Reaktionen der „Aussenwelt“ erwartbar werden. Bis auch hier die Kontrolle versagt.

in der Therapie vielleicht .

Essstörungen sind auch Orientierungssstörungen. Daher braucht es ortskundige Begleiter, häufig ein ganzes Team davon. Und es ist nicht ganz leicht, zu Beginn  eine Orientierung zu geben, wohin es gehen wird. Eine (die ?) Pionierin im Bereich Essstörungen Hilde Bruch  beschrieb es als ein Umherkreisen.

„„Es ist wirklich aufregend zu sehen, wie nach Jahren steriler
Selbstumkreisung hoch individuelle Persönlichkeiten auftauchen“
(H. Bruch)

Genau. Es sind tolle hoch sensible,kreative, schlaue, hoch emotionale Persönlichkeiten. Es ist eine Schande, dass sie in einer (selbstgewählten) Abgeschiedenheit mit sterilen Bedingungen leben, statt ihre Neugier auf Leben, neue Bekanntschaften, eine begabungsgemässe Ausbildung, Erfahrungen im Bereich Sexualität und Familie zu machen.

Es ist aufregend sie dabei zu begleiten. Sie vom Selbstumkreisen auf einen Weg zu bringen.

Ich persönlich nehme an, dass Essstörungen eine (struktruelle) dissoziative Grundlage haben. Vereinfacht gesagt : Eine Essstörung ist nicht erlernt und kann damit auch nicht mal so eben über Gesprächstherapie (egal jetzt ob Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologische Psychotherapie oder welche Methode auch sonst) verlernt werden. Noch weniger ist sie dem „Willen“ der Patientin selber unterworfen. Je mehr Druck auf Veränderung erzeugt wird, desto stärker wird die Essstörung werden.

Aber hat Dissoziation nicht etwas mit „Trauma“ zu tun ? Richtig. Oder auch falsch. Egal wie es auch sei, wir tun mal so als ob man mit (neuen) Mitteln der Trauma-Logik zur Behandlung von struktureller Dissoziation besser ans Ziel der Essstörungstherapie kommen kann.
Essstörungen sind durch strukturelle Dissoziation zu erklären. Dissoziation ist eine Überforderung im Versuch der Synthese von inneren und äußeren Wahrnehmungen, Veränderungen und Anpassungserfordernissen. Dabei gelten im wesentlichen die Regeln der Trauma-Logik.

Daraus entwickelt sich so langsam für mich  ein eigenes Konzept, das einer Neuropsychotherapie der Essstörungen entspricht.

Es soll hin in eine Entwicklung und raus aus dem Stillstand oder Rückzug bzw. Bewegung ohne Fortkommen  gehen. Wobei Entwicklung sich auch, aber nicht primär, auf das Essverhalten und das Gewicht bezieht. Stärker natürlich auf die Entwicklung einer (emotionalen) Persönlichkeitsreife. Bei der Behandlung braucht man einen Plan. Bei uns in der Klinik damals zunächst einmal einen „Essplan“, der Halt und Orientierung bietet. Wir erarbeiten dann einen Therapieplan, der einen Ausgangs- und einen Endpunkt definiert. Im einfachsten Fall gebunden an ein Zielgewicht (bei Anorexie-Patientinnen) oder Symptomreduktion / Symptomfreiheit bei Bulimie. Einen Wegweiser zu der emotionalen Entwicklung zu liefern ist schon wesentlich schwieriger. Auch hier geht es um einen Plan. Aber sehr bildlich genommen. Um eine Landkarte oder einen Globus, um einen Visualisierung des emotionalen Zustandes.

Die Perspektive, die ich als Berichterstatter oder Erzähler dabei  einnehme, ist auf den ersten Blick vielleicht untherapeutisch, aber doch aus meiner Sicht unverzichtbar in der Arbeit mit diesen tollen Mädchen oder Frauen (und seltener Männern).

Die Ausgangslage ist nämlich die Frage : Was braucht die Essstörung bzw. wie sieht diese subjektive  Reise durch die Biographie und Therapie(irr)wege aus dem Blickwinkel der Essstörung aus. Wohin soll es langgehen ? Oder warum geht es – aus gutem Grund – nicht weiter.

Essstörungen sind emotionale Fehlübersetzungen. Darauf komme ich noch. Aber für diese Reiseerzählung muss man die Sprache des Landes verstehen, in dem man sich aufhält. Ich lerne noch. Ein paar Brocken habe ich schon mitbekommen. Vielleicht liege ich da das ein oder andere Mal gründlich daneben. Ganz sicher werde ich einige Fachbegriffe anders verwenden, vielleicht auch Zusammenhänge falsch verstanden haben. Dann wird man dies mir als Berichterstatter nachsehen müssen.  Die Neu-gier ist vielleicht nicht der verkehrteste Ansatz für eine vorurteilsgeleitete (weil subjektive)  Erkundung des Themen-Gebiet Essstörungen.

 

Essstörungen scheinen treue Begleiter auf einer Reise oder aber in einer Höhle oder sonstigem Versteck. Sie begleiten meine Klientinnen fast auf Schritt und Tritt in ihrem Leben. Sie geben vor, wo sie sich aufhalten und welche Situationen in Gesellschaft, Familie oder Privatleben sie meiden (müssen) und wo sie sich (übermässig) einbringen. Essstörungen lassen ein Mädchen nicht im Gewitter stehen. Aber auch keine Reiseerfahrungen ins oder im Leben machen.Sie sind verlässlicher als die Deutsche Bahn. Sie bringen aber einen irgendwann  nicht weiter. Spätestens dann treten niedergelassene oder stationär arbeitende Therapeuten ins Spiel. Wenn es klemmt oder spätestens dann, wenn es lebensgefährlich wird.

Therapie verstehe ich als vorrübergehende Begleitung auf dieser Reise. Als erfahrener Reisebegleiter, oder als vorrübergehend mitlaufender Wanderer. Das heisst dann auch, dass man Verantwortung übernehmen muss, wenn die Ziele der Essstörung ganz offensichtlich in den Tod führen würden oder aber Sackgassen sind. Ich mische mich ein. Ich nehme Partei.  Umwege mögen die Ortskenntnis erhöhen. Manchmal (leider nur zu häufig) wird man ein Ziel nur in mehreren Etappen und nicht mit dem Kopf durch die Wand erreichen können.

Um nicht gleich nach den ersten Zeilen gründlich missverstanden zu werden : Ich nehme also weder einen klassischen beschreibenden (deskriptiven) Blick des Psychiaters oder Psychotherapeuten ein, noch frage ich mich (primär), was die PATIENTIN oder ihre Angehörigen brauchen. Nein. Ich solidarisiere mich zunächst mit der Essstörung. Oder vielleicht mit einem sehr rigiden, strengen und letztlich Autonomie und Macht verheissenden Anteil davon (

Nicht mit der Patientin mit der Essstörung ? Wir schauen aus dem Blickwinkel der Essstörung und dies mit einer gewissen Hochachtung für ihre Leistung und einem tief empfundenen Mitgefühl für die durchgemachten Erlebnisse. Erlebnisse, die aber Vergangenheit sind. Sich aber emotional wie Gegenwart anfühlen. Keine echte Chronologie aufweisen, sondern eher ein Durcheinander von allen emotionalen Etappen gleichzeitig darstellen.

 

Solidarisieren heisst aber nicht, dass ich mir nun von jedem fies und verschlagenem Fragezeichen auf der Nase rumtanzen lassen will und keine Grenzen setze. Und es heisst natürlich auch nicht, dass ich nicht auf Auseinandersetzungen eingestellt wäre. Und natürlich setzt das hier aufgezeigte Vorgehen voraus, dass ich parallel im „Hier und Jetzt“ das Verhalten modifiziere, also neue Impulse und Grenzen setze.

Wenn Ihnen die ein oder andere Vorgehensweise als Klientin oder Kollegin bekannt vorkommt, so freut mich das. Wir erfinden das Rad nicht neu, mit dem wir uns fortbewegen wollen. Aber benutzen es bisweilen anders. Relativ breiten Raum wird dabei zunächst die sog. Cognitive Remediation bzw. NEAR als vergleichsweiser neuer Verständnis- bzw. Rehabiliationsansatz darstellen, den wir dann aber vom Kognitiven Verständisansatz auf die Gefühlsebene (Emotionen) bzw. Stress ausweiten wollen. Essstörungen sind demnach strukturelle Dissoziative Störungen oder Störungen einer altersgemässen Synthese. Zumindest lassen sie sich leichter wie dissoziative Störungen behandeln. Therapie ist Sortieren und Integrieren.

 

Nochmal Hilde Bruch :

Psychotherapie zu lernen ist ein lebenslanger Prozess; es ist eine nie zu erledigende Aufgabe ständiger schöpferischer Neuorientierung, eines auf unbeirrbarer Objektivität und Lernbereitschaft beruhenden Studiums von Fehlschlägen wie von Erfolgen. Der Therapeut kann sein berufliches Fachwissen nicht dadurch vermehren, dass er unablässig wiederholt, was er bislang getan oder gelernt hat. Jeden neuen Patienten muss er als den behandeln, der er ist, als einen Fremden, dessen Nöte und Probleme einzigartig, ohne Beispiel sind; die Herausforderung, die vom Patienten ausgeht, besteht darin, sich ihm in besonderer Weise zu nähern, in einer Weise, die auf seine spezielle Situation zugeschnitten ist. Gerade dieses wache Gespür für die Neuheit jeder therapeutischen Begegnung gestattet es dem voll ausgebildeten Therapeuten, bisherige Erfahrungen wie auch gegenwärtige Unwissenheit auf konstruktive Weise einzusetzen. „(Hilde Bruch, Grundzüge der Psychotherapie)

So wie es aber eine individuelle Entwicklung der Klientin in der Therapie gibt, so entwickelt sich also auch ein Therapeut bzw. Therapien weiter. Auch oder gerade darum wird es in diesem Buch gehen. Das Buch ist schwer zu verstehen, wenn man in alten festgefahrenen Bahnen denkt. Das Buch ist leicht anzuwenden, wenn man sich darauf einlässt. Denn es ist aus der Sicht der Essstörung geschrieben.

Therapie geht nicht  Massenkonfektion bzw. vorgefertigte Meinungen. Die Entwicklung von manualisierten Therapien finde ich daher problematisch.

 

Hier geht es um die Entwicklung von Individualität, um „Maßanzüge“, die zur jeweiligen Patientin passen. Ich erfinde die Werkzeuge zur Therapie für jede Patientin neu bzw. passe sie einzigartig an. Psychotherapie anzuwenden ist ein lebenslanger Prozess der Veränderung.

Gehen wir los… Wie Bruch es formulieren würde : Raus aus dem goldenen Käfig.