Freiheit und Entfremdung der Gesundheit als Ursache von Depression ?

Ich bin kein Philosoph und das Denken über Freiheit und Geist sollte man vielleicht daher wirklich besser nicht Ärzten oder Psychotherapeuten überlassen.

Aber in den vergangenen Tagen hat es mich irgendwie schon nachdenklich gemacht, wenn der Friedensnobelpreis an die Schülerin Malala Yousafzai und an Kailash Satyarthi an Aktivisten für ein Recht auf Bildung bzw. Gleichberechtigung  verliehen wird. Natürlich ist Pakistan schön weit weg. Das Recht auf Bildung soll und muss auch für Mädchen in Entwicklungsländern gelten. Und von den bösen Islamisten eingehalten werden. Mit UNS hat das ja nichts zu tun, oder ? Schön weit weg.

In Spiegel-Online las ich da vom Nobel-Komitee

Kinder müssten die Möglichkeit haben, zur Schule zu gehen, und müssten vor Ausbeutung geschützt werden,

Wir feiern dann das Jubiläum der Deutschen Einheit und freuen uns über die gewonnene Freiheit. Was immer das dann sein mag bzw. für den Einzelnen bedeutet. Ich habe dadurch meine Frau aus Sachsen überhaupt kennenlernen  können oder beispielsweise jetzt in Sachsen-Anhalt arbeiten können. Für andere Menschen mag es weniger schöne Konsequenzen gegeben haben. Brüche bzw. ständige Neuanfänge in den Lebensläufen kennzeichnen beispielsweise hier „im Osten“ häufig die Biographien meiner Patientinnen und Patienten. Sie gehören nicht immer zu den Gewinnern der Freiheit, obwohl man sie vielleicht als „freier“ bezeichnen würde bzw. welche Folgen diese Freiheit für den Einzelnen hat(te. Freier fühlen tun sie sich häufig nicht. Was keine politische Bewertung von Systemen oder Diktaturen ist. Sondern ein Gefühl von Unfreiheit bei doch so anscheinend vorherrschender Freiheit und Überfluss. Wobei eben auch Überfluss bei vielen leider eben gar nicht festzustellen ist,…

Die Frage, die man sich dann aber nicht stellt ist, wie denn dieses berechtigt hoch gefeierte Recht bzw. die Verfügbarkeit von Freiheit und Bildung bei uns vor der eigenen Haustür dann gelebt wird. Kinderarmut in Deutschland ist kein Randphänomen mehr, es ist gelebte Realität.  Selbst wenn die Kinder zur Schule gehen, so verlassen 20 Prozent die Schule ohne Schulabschluss. Und in Interviews wissen immer weniger Leute selbst die banalsten kulturellen Zusammenhänge. Ein Beispiel gefällig : „Warum feiern wir Weihnachten ?“ wird nicht gewusst. Bildung ist dann etwas für die Anderen. Oder soll zu Hause statt in der Schule durch die Eltern übernommen werden.
Und selbst für die „Mittelschicht“ wird es immer schwieriger, ein Einkommen zu erwirtschaften, dass ein Auskommen ohne ständigen Stress und Angst ermöglicht.

Gerne reden und schreiben wir von Missständen von Diktaturen, Armut und sonstigen Katastrophen und übersehen, dass es vor der eigenen Haustür immer ungesünder und ungerechter wird.

Angeblich, damit so was wie der Sozialstaat bzw. Freiheit bzw. das Solidarsystem wie Krankenversicherung oder Rentenversicherung  geschützt wird. Aber mit welchen Konsequenzen ? Tja, die Sachzwänge seien halt so.

Freiheit ist mehr ein philosophischer Begriff. Und dann geht es bis (oder vor) zu Hegel zurück, der sich damit auseinander setzte. Freiheit hat aber ganz viel mit jedem von uns individuell zu tun. Eigentlich nur. Freiheit ist sehr individuell. Das grosse Ganze ist das letztlich egal, bzw. viel zu abstrakt, um auf mich oder dich zu wirken.

Freiheit bedeutet , dass man auf sich selber zurückgeworfen ist. So wie ich Freiheit erleben möchte, so muss ich selber anderen Menschen Freiheit zusprechen bzw. ihnen Freiräume lassen.

Zuallererst geht es aber um die Freiheit des Einzelnen. Damit meine ich nicht Egoismus. Damit meine ich, dass man eben allein dafür verantwortlich ist und bleibt, wie und wo man sich frei fühlt und frei verhält. Und dann natürlich die Grenzen der Anderen respektvoll einhält. Taktvoll ist.

Freiheit bedeutet, dass man Grenzen hat und Grenzen einhält. Das nennt man dann bei Kindern Erziehung

Wobei es natürlich grosse individuelle und damit subjektive Unterschiede gibt, was man als taktvoll erlebt, bzw. wo die persönlichen Grenzen der Freiheit überschritten sind. Das muss man wahrnehmen und auch notfalls offen äußern können, sich also abgrenzen oder zurückziehen können. Selbst-regulieren halt. Das wäre dann Gesundheit. Wobei dabei auch die Möglichkeit für eine weitere freie Entwicklung bzw. Entfaltung gemeint ist. Oder wie ich gerne gegenüber meinen Patientinnen sage : Artgerechte Haltung sollte nicht nur für die Schweine oder Weihnachtsgänse gelten, sondern auch für uns Menschen. Freiheit hat also viel mit der Fähigkeit zu tun, auf Stressoren reagieren zu können und zu dürfen.

Merkwürdigerweise ist der Aufschrei bei Missachten der Schweinerechte gross. Wobei dann schnell mit juristischen Winkelzügen aus einem Haltungsverbot gegen eine natürliche Person (hier der Züchter) eine Ordnungswidrigkeit mit erneuten Strafzahlungen für die Gesellschaft (und gleichzeitiger Abzugsfähigkeit bzw. Ausgleich über irgendwelche EU-Mittel) wird und die Haltung dann der „juristischen Person“ (= Betrieb) weiter erlaubt werden wird. Ich bin sehr für Tierschutz, aber manchmal frage ich mich, warum der Aufschrei da soviel lauter ist als bei Missachtung von selbstverständlichen Haltungsbedingungen für uns Menschen ?
Viele Schweine haben inzwischen mehr Bewegungsfreiheit im Leben als Menschen. Dafür leben sie kürzer und enden als Schnitzel. Und die Menschen ziehen dann als Konsequenz vor, Veganer zu werden. Sie schränken sich weiter ein, um die Grenzen von Anderen (Tieren) zu achten.

Wenn es um die Freiheit bzw. Freiheitsgrade des Einzelnen geht, sollen wir aber schweigen. Sonst fürchten wir (metaphorisch gesprochen) auch auf der Schlachtbank geopfert zu werden.

 

Entfremdung ist dann ein Zustand, bei dem ein natürlicher (bzw. sich selbst regulierender) Prozess von Beziehungen zwischen Menschen bzw. zwischen Mensch und Natur aufgehoben, verkehrt oder zerstört wird. Entfremdung ist damit so was wie Dissoziation bzw. Zergliederung und Zerteilung, bzw. ein Aufheben von natürlichem Anstand bzw. Wahrnehmung und Einhalten von Bedürfnissen wie Schlaf, Hunger, Sexualität oder Erholung und Ausgleichsmöglichkeiten. Aber eben auch von individuellen Bedürfnissen nach Abstand und Nähe, der Einhaltung von individuellen Arbeits-Tempo oder eben einem „entschleunigteren“ Lebensstil. Und wir leben mit immer mehr Menschen zusammen, die damit nicht mehr klarkommen können. Auf die wir dann aber auch wiederum Rücksicht nehmen müssen, weil sie ja damit nicht klarkommen. Wir sind ja anständig und sensibel.

Das ist nun nicht erst seit der Erfindung von Fliessbändern in der Automobilindustrie so. Damit wird es wieder sehr politisch bzw. gesellschaftlich relevant. Entfremdung ist das Aufheben bzw. Verunmöglichen von Selbstregulation über Freiheitsgrade bzw. eine selbst-getaktete bzw. selbst eingeteilte Lebenswirklichkeit.

Wenn man so will, ist also im medizinischen bzw. psychotherapeutischen Sinne Entfremdung das Gegenteil von Achtsamkeit. Entfremdung ist aber eben auch so ein Phänomen wie Mobbing oder Burnout und muss doch früher oder später in Depressionen münden.

Hierzu ein Beispiel einer unserer Patientinnen :

Sie kam zu mir, nachdem es bei uns in der Kunsttherapie zu einem Konflikt mit Mitpatientinnen kam und sie dann erregt und verletzt die Gruppe verlassen habe.

Sie erzählte mir, dass sie besonders unter Schlafstörungen leide. Sie schlafe zwar aus Erschöpfung abends ein, wache dann aber in der Nacht früh wieder auf und könne nicht einschlafen. Sie habe Kopfschmerzen, Tinnitus und leide unter unerklärlichen Durchfällen, die ihre Bewegungsfreiheit im Alltag zusätzlich einschränkten. Zudem leide sie unter Depressionen. Es würde von Tag zu Tag schlimmer und sei nicht mehr aushaltbar. Sie müsse sich von den anderen Menschen zurückziehen und könne kaum noch das Haus verlassen.

Es müsse anders werden. So sei sie nicht arbeitsfähig und sie sei so ganz und gar verzweifelt, dass man da nichts machen könne.

Wie viele unserer Patientinnen hier in Bad Kösen hat sie bereits zahlreiche Berufe bzw. Tätigkeiten hinter sich, die mit ihrem ursprünglichen Ausbildungsberuf in der damaligen DDR nicht viel zu tun haben. Derzeit arbeitet sie als Altenpflegerin im ambulanten Bereich. Sie ist damit einerseits strikten Taktvorgaben über die zur Verfügung gestellte „Pflegezeit“ ausgeliefert, muss die Fahrtstrecken zwischen den Einsätzen im Sauseschritt bei Schnee und Dunkelheit wie im Sommer meistern und dann eben die zunehmende Vereinsamung, aber auch durch Demenz bzw. Schmerzen und Pflegezustand bedingten Unzufriedenheiten ihrer Klienten aushalten.  Sie habe häufig Wechselschichten, d.h. müsse bis abends spät arbeiten und dann schon früh am nächsten Morgen wieder raus. Das gehe auf die Substanz. Sie habe das vielleicht früher noch etwas besser wegstecken können. Die Arbeit muss ja erledigt werden und immer mehr jüngere Kolleginnen und Kollegen versuchen, diesem Mühlrad zu entkommen. Sie hätten ja Schulkinder und könnten daher nur ganz bestimmte Touren übernehmen. Schon gar nicht morgens. Schliesslich  seien ja die Schulzeiten wie sie sind. Und meine Patientin solle / müsse auf diese Sachzwänge Rücksicht nehmen und dann nehmen, was übrig bleibt. Das gelte dann natürlich auch für die Ferienzeiten.

Ihr Mann wiederum sei als Fernfahrer tätig. Er sei eigentlich nur am Samstag den ganzen Tag da. An diesem Tag müsse dann die Wäsche gemacht und alle möglichen Vorbereitungen für die nächste Woche erledigt werden. Gemeinsame Zeit oder gar Unterstützung habe sie selten. Sie sei es aber auch gar nicht anders gewöhnt.

Schliesslich habe sie noch eine erwachsene Tochter. Die sei auch sehr eingespannt. Seit einigen Monaten habe sie einen unerfüllten Kinderwunsch. Da es mit dem Kinderkriegen nicht geklappt habe, habe sie sich als Ersatz ein Pferd angeschafft. Schon allein, um nicht weiteren Druck auf die Tochter auszuüben, habe sie sich mit in der Pflege des Pferdes beteiligt, obwohl sie ja nicht reite. Schlimmer noch sei aber, dass jetzt gemeinsame Esszeiten mit der Tochter bzw. Kontakte sich nach der freien Zeit des Pferdes richten würde. Das käme ihr auch merkwürdig vor, sie traue sich aber nicht, dies mit ihrer Tochter zu besprechen. Ein Pferd sei ja schliesslich kein Fahrrad, dass man so in die Ecke stellen könne.

Die Patientin selber kennt es aber kaum anders. Bereits in der Kindheit hat sie früh die Verantwortung für ihre jüngere Schwester übernommen, sie häufig in die Krippe gebracht, da die Mutter eben auch berufstätig war. Der Vater sei häufig alkoholisiert und auch auch gewalttätig gewesen. Sie habe viele Spannungen erlebt und habe versucht, die Schwester zu schützen. Sie selber habe dann versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Um nicht noch mehr Angriffsfläche zu liefern. Die Kindheit sei ihr eigentlich überhaupt nicht in schöner Erinnerung. Eigentlich habe sie keine Erinnerung bzw. einen Zugriff auf Gefühle. Sie habe offenbar da eine doppelte Buchhaltung machen müssen. Für ihre Schwester habe sie heile Welt gespielt, in einer Welt, die aber nur vordergründig heile sei.

Sie hätte ja ihre Schwester verraten bzw. schutzlos zurückgelassen und sie könne ja auch nicht Freiheiten ihrer Tochter oder ihres Mannes wegnehmen. Die würden dann nämlich entsprechend erbost bzw. gekränkt reagieren. Und das wolle sie ja auch nicht.

„Es“ muss anders werden. Tja. Wer oder was auch immer „Es“ ist. Es ist nun in ihr Leben getreten und stört dort. Das haben wir ja häufiger. Es mault und quengelt, sorgt für Schlafprobleme bzw. Schlaflosigkeit und jede Menge körperliche Beschwerden. Psychosomatik halt.

Aber die Patientin ist noch gar nicht soweit, dass sie nun Ansatzmöglichkeiten für eine Veränderung bei SICH sieht.

Es soll ja anders werden. Nicht SIE. Oder zumindest sollten die ANDEREN sich ändern oder sich für SIE einsetzen. Ärzte, Therapeuten, ihr Mann. Wer auch immer.

Aber was sollte SIE denn schon gross tun können ?

Tja, welche Ansatzmöglichkeiten für die Wiederherstellung von Freiheit und Gesundheit seht Ihr ?

Verbitterungsstörung und Ausstieg über den Notausgang

Jedes Kind bekommt mit den ersten Zähnen beigebracht, auf die eigene Gesundheit zu achten. „Putze die Zähne, sonst verlierst Du einen Zahn“, „zieh dich warm an, sonst erkältest Du dich“ und so weiter. Bloss keine Infektion im fremden Klo, also Hände waschen.

Psycho-Hygiene oder eine Art selbstsorgsamer Umgang mit der eigenen emotionalen Hygiene und Abwehrkräfte kommt aber irgendwie nicht vor.

Neulich habe ich einen Beitrag im Fernsehen über Männer-Medizin gesehen. Sinngemäss ging es darum, dass Männer so ab 45 oder aufwärts halt gesundheitlich häufig auf dem Zahnfleisch gehen, weil sie nicht wahrnehmen können oder wollen, dass sie keine 21 mehr sind.

Das hat nicht nur was mit dem eigenen Ego zu tun, sondern hat handfeste Auswirkungen auf die Gesundheit. Rauchen, Alkohol, Bewegungsmangel, Übergewicht , Rückenschmerzen  oder mal eine oder mehrere durchzechte Nächte steckt man in jungen Jahren leider wesentlich besser weg, als nun im „Mittelalter“. Ganz zu schweigen von sexuellen Funktionsstörungen oder gar Prostata-Hypertrophie….

Männer haben offenbar ein größeres Talent, dies zu übersehen. Das treibt sie seltener zum Arzt oder gar Psychotherapeuten  und noch seltener in psychosomatische Kliniken als nun ihre gleichalten Lebensabschnittsbegleiterinnen.
Während das Auto spätestens im Oktober nicht nur eine Generalüberholung, sondern auch neue Winterreifen und Frostschutz sowie einen Ölwechsel spendiert  bekommt, wird ein eigener Gesundeits-Check auf „später“ verschoben. Geld für die eigene Gesundheit ausgeben, ist nicht drinn. Für die eigene psychische Gesundheit wird allenfalls ein Duftbad für die Frau Gemahlin in Erwägung gezogen.

Leider manchmal  mit der  „Nebenwirkung“, dass allein bei uns im Dorf dann etliche Männer im besten Alter  plötzlich und unerwartet einen tödlichen Herzinfarkt und sonstige Gründe für vorzeitiges Ableben fanden. Meistens trifft es die Falschen.
Jedenfalls scheint es aus welchen Gründen auch immer Männer nicht so emotional zu tangieren, dass ihre Belastungsgrenzen und körpereigenen Reparaturmechanismen der Regeneration und Selbstheilung über Nacht nun irgendwie immer weniger gut greifen.

Bis zu einem bestimmten Punkt klappt also die körpereigene Regulation und Regenerationsleistung noch „automatisch“, aber irgendwann wäre sowas wie gesundheitsbewusstes Verhaltens angebracht. Bei dem EInen früher als bei Anderen. Menschen aus dem ADHS-und Autismus-Spektrum gehören eher zu den „früher“ Betroffenen.

Häufig fängt die neuropsychologische Fähigkeit zur Selbstüberwachung des eigenen (Gesundheits-)Verhalten  erst mit dem ersten Warnschuss in Form eines überlebten Herzinfarktes oder aber sonstiger einschneidender Erlebnisse. Bei anderen Menschen (z.B. aus dem ADHS-Spektrum) möglicherweise deutlich verspätet bis nie.

Bis es bei Dir selbst oder in dem eigenen beruflichen oder privaten Umfeld dann doch einschlägt.

Dann aber häufig unter großem Wehklagen bzw. einem emotionalem Weltuntergangsgefühl. Wie halt Männer so sind, wenn ihr Gefühl von Unverletzbarkeit und ewiger Jugend durch die ersten grauen Haare in Frage gestellt werden. Erste Zeichen der Midlife-Crisis… Alarm !!!!!!

Ich will nun wirklich nicht behaupten, dass Man(n) darauf nun stolz sein sollte oder dies nun erstrebenswert wäre.  Und die üblichen (?) dysfunktionalen Versuche der Midlife-Crisis nun sich selber neu zu erfinden oder von aussen über Statussymbole oder gar neue Freundin kurzzeitig „feiern“ zu lassen, sind natürlich eher peinlich als wirksam. Männer werden aber eben seltener psychosomatisch / psychiatrisch krank. Bei uns in der Klinik (sogar unter Einschluss der orthopädischen Patienten) ist das Verhältnis etwa 25 : 75 Männer zu Frauen.

Sie (bzw. Mann)  sind aber dennoch dann unzufrieden bzw. dysphorisch und machen dafür ihre Familie kirre bzw. verrückt. Und krank. Oder tyrannisieren ihre Arbeitskolleginnen. Die anderen sind dann schuld.

Anders ausgedrückt : Männer scheinen nun in gewisser Weise emotionale und körperliche Selbstwahrnehmung häufig kaum in Übereinstimmung zu bringen. Sie trennen (dissoziieren) da ihre Wahrnehmung. Und sie werden emotional total unflexibel und verursachen damit Generve bzw. Irritation in ihrem Umfeld.

Das ist alles andere als ein Zeichen von Gesundheit, wird aber eher in Übereinstimmung mit den gesellschaftlichen Rollenerwartungen und Anforderungen zu halten sein. Damit meine ich, dass dieses Nicht-Wahrnehmen durchaus auch eine Art Schutzfunktion haben kann.

Auch wenn Frauen nun natürlich nie älter werden (dürfen), sind auch sie nun hinsichtlich ihrer körperlichen wie auch emotionalen Selbstüberwachung uns Männern irgendwie „voraus“.
Aber eben nicht nur auf der körperlichen Belastungsebene, sondern auch auf der emotionalen Empfindungsschmerzgrenze.

Wer empfindsamer ist, gilt aber als „schwach“.

Schwachleister

Begriffe wie „Schwachleister“  sind offenbar nicht nur bei der Post geläufig. In einem Fürsorglichen Personalgespräch wird auf Mitarbeitern in zunehmend mehr Branchen ein Druck ausgeübt, einen „flexiblen“ Personaleinsatz zu unterstützen.

Das bedeutet dann zunehmende Kündigungen, größerer Zustellbezirk, Mehrarbeit durch Ausfall von Kollegen und Kolleginnen und emotionale Daueranspannung durch die Angst, dass der Arbeitsvertrag befristet ist.

Was heisst das aber in der Praxis ? Gerade in Branchen, in denen berufstätige (häufig noch alleinerziehende) Frauen tätig sind, wird über befristete Arbeitsverträge und eine zunehmende Rationalisierung (ein hier eher unpassender Begriff) von Arbeitsplätze eine Verdichtung von Arbeit und eine Takt-losigkeit in Kauf genommen.

Eine Entfremdung von normalen biologischen Tag-Nacht-Rhythmen, immer längerer Anfahrtswegen und eben der Forderung nach „Flexibilisierung“. Was aber zu einer genau gegenteiligen Entwicklung für die Psyche führen muss.

Die „Flexibilisierung“ muss zur Verhärtung und Verbitterung beitragen, wenn es dafür keinen Ausgleich gibt. Ich habe ja schon in dem Beitrag zum Zeitnotstand bzw. der neuen Armut genau in diese Kerbe geschlagen. Flexibilisierung für einen Arbeitgeber führt dazu, dass die Handlungfreiheiten und Möglichkeiten zur Anpassung für den betroffenenen Arbeitnehmer eingeschränkt und aufgehoben werden.

Wir hatten und haben.  immer wieder Mitarbeiter aus Call-Centern, den Discount-Einkaufsmärkten oder Schein-Selbstständigen Kurierfahrern etc, die in eine ähnliche Zwickmühle geraten, die dann in eine Erschöpfungsdepression führen muss.

Speziell dann, wenn das familiäre Umfeld dieses Ausnutzen seitens der Arbeitsgeber nicht mehr mitmachen (können) bzw. eigene Angehörige wie pflegebedürftige Eltern oder aber Kinder zu versorgen sind.

Dann von „Schwachleistern“ zu sprechen, die die völlig unrealistischen Zielvorgaben eines Managers bzw. leitenden Angestellten nicht erfüllen, ist an Abgebrühtheit und Unanständigkeit  nicht zu überbieten.

Burnout scheint mehr oder weniger lieber auf die dagegen ja fast trivial wirkende Beeinträchtigung des seelischen Wohlbefindens bei Managern begrenzt zu werden.  Letztlich müsste man dann eben genau den Politikern bzw. Arbeitgebern genau die psychische Notlage wünschen, die sie letztlich mitverantworten.

Neurotypische Menschen mögen damit noch klar kommen. Menschen mit psychischen Belastungen bzw. einer besonderen Empfindsamkeit werden dann aber „Aussteigen“. Entweder in Resignation, in Irritation oder in Aggression.

Es ist schrecklich dann  zu hören, dass ein Job-Center-Gutachter umgebracht wurde. Aber die Leidtragenden sind dann eben eher die Mitarbeiter und weniger Diejenigen, die die Bestimmungen und Gesetze und die dazu unpassenden Ausführungsbestimmungen durchsetzen. (Womit ich keinesfalls in irgendeiner Form den Mord an dem Gutachter relativieren möchte). Es geht mir eher darum, dass die Auswirkungen einer veränderten Gesellschaft bzw. sozialem und beruflichem Un-Gerechtigkeitsempfinden die Arbeitsnehmer zu schultern haben.

Diejenigen, die das wahr-nehmen, wären eigentlich „gesund“. Wir bezeichnen sie aber als krank, weil man so zugeben müsste, dass die Struktur bzw. das Umfeld krank ist. Verkehrte Welt.

Gibt es ein „zuviel“ von Gesundheit ?

Gerade als Arzt bzw. Psychotherapeut erlebe ich nicht selten hochsensible bzw. sehr kluge und feinfühlige Frauen (und natürlich auch mal Männer), die „zu gesund“ für diese Welt sind.
Damit meine ich, dass sie sehr reizoffen und sensibel Missstände und Unzulänglichkeiten in ihrer sozialen wie beruflichen Umgebung erfassen. Aber eben nicht verändern können.

Es ist blöd, wenn man so gesund (im Sinne von gut-mütig und achtsam) und feinfühlig ist, dass man einen Miss-Stand spürt, ihn aber nicht verändern kann. So wie ADHS-Kinder eben Indikatorkinder für strukturelle bzw. persönliche Schuldefizite von Schulen bzw. Lehrkräften sind, so sind sehr häufig Burnout oder Erschöpfungsdepressionen in einer Abteilung eben vermehrt zu finden. Sie sind Indikator für eine verpestete emotionale Atmosphäre bzw. eine inhumane Entwicklung bestimmter (nicht aller) Arbeitswelten.

Bedingt durch eigene Schlafstörungen habe ich ein hörenswertes Interview mit Norbert Blüm zu seinem Buch „Einspruch“ gehört. Es ist eher eine Polemik oder teilweise zynische Anklage über Missstände in unserem Justizsystem. Er prangert ein Verlust bzw. geradezu eine Verachtung der Anständigkeit durch verschiedenste Beteiligte der Justiz an und gibt genug Beispiele, die dem gesunden Menschenverstand an Gerechtigkeit und Anstand der Justiz zuwider laufen. Und es ist ja nicht nur die Justiz, Und er sagte :

Mit der Verachtung der Wahrheit beginnt die Ungerechtigkeit.

Viele Menschen erleben ein Gefühl des Ausgeliefertsein bzw. der erlebten Hilflosigkeit und (auch objektiven) Ungerechtigkeit im Zusammenhang mit Arbeitgebern,  Behörden, Schule, Krankenkasse oder Rentenversicherung, Job-Center oder ihrer Bank und und und. Sie werden objektiv gesehen unfair bzw. zumindest hart am Rande der juristischen Legalität behandelt. Und es wird ihnen zugemutet, dass sie dann juristische Wege in Kauf nehmen  müssten, wenn ihr gutes Recht eben aus Kostengründen zunächst nicht gewährt wird. Und es ist inzwischen allein aus finanziellen Beweggründen der Städte   fast schon die Regel, dass die Wahrheit bzw. der Weg zu eigenen berechtigten Ansprüchen und Hilfen von den zuständigen Stellen mit Verachtung gestraft werden.

 

Zudem gibt es fast  überall  an Arbeitsstätten den oder die „unaushaltbare“ Kollegin oder aber ein Vorgesetzter, der nun nur Kraft irgendwelcher Beziehungen oder Seilschaften in eine Position gekommen ist, in der er oder sie nicht hingehört. Wo ein Betrieb oder eine Organisation wesentlich besser funktionieren würde, wenn diese emotionale Vergiftung des Arbeitsklimas eben zu den von mir oben genannten Männern gehören würden, die vorzeitig und unerwartet ihrer Witwe ein sorgenfreieres Leben ermöglichen würden. Leider haben ausgerechnet diese Menschen offenbar eine stabile Abwehr bzw. werden nicht krank. Sie lassen krank werden.

Wenn sie wenigstens wegbefördert würden…. Was aber nicht passiert, weil ja allgemein in der Firma bekannt ist, dass diese Person nun ganze Abteilungen in den Krankenstand des Burnout oder einer Erschöpfungsdepression treiben kann.

 

Diese fortgesetzte Missachtung der eigenen Anständigkeit bzw. von Echtheit und Wahrheit, führt zur Verbitterung. Zumindest dann, wenn in der eigenen Biographie sich schon ähnliche Hilflosigkeitserfahrungen bzw. Macht-Strukturen auffinden lassen, die also einen ungünstigen Nährboden für das Wiedererleben eines solchen bitteren Schmerzes ermöglichen.

Auch wenn die von Prof. Linden aus Berlin als Verbitterungsstörung bezeichnete Problematik keine offizielle DSM- oder ICD-Diagnosekategorie ist, so finden wir immer häufiger Patientinnen und Patienten, die eine solche Problematik aufweisen.

Ich bin sehr froh, dass ich bei meinem derzeitigen Arbeitgeber ein Umfeld von Gesundheit gefunden habe, wo ich solche Störfaktoren minimieren kann. Oder besser damit umgehen kann.

 

Achtsamkeit und Regen : Innere Bilder der Irritation

Ich kenne eine ganze Menge von Patientinnen, die mögen den Regen. Weil sie dann bei sich sind.

Aus der englischsprachigen Literatur über Achtsamkeit steht aber R.A.I.N noch für eine Abkürzung, die ganz schön die Grundgedanken der Achtsamkeit (mindfulness based psychotherapy) zusammenfasst.

In diesem Beitrag habe ich mal Aspekte dieser inneren Haltung auf die Arbeit mit inneren Bildern bzw. Emoflex(R) versucht anzupassen.

RAIN steht dabei für

R ecogonize also Erkennen ohne impulsiv bzw. bewertend zu R eagieren

Damit ist gemeint, dass man wie ein Beobachter zunächst schauen sollte, auf welche Irritationen bzw. emotionalen Erlebnisse man „anspringt“. Oder besser gesagt : Emotional überreagieren WÜRDE, wenn man eben nicht achtsam mit sich umgehen würde.

Das kann ein Wort, ein Unterton bzw. die Lautstärke der Stimme eines anderen Menschen sein. Es können innere Bilder sein, die ausgelöst werden.

Häufig merkt man es daran, dass man Tränen in der Augen hat, das man zusammenzuckt oder ein Klossgefühl im Hals oder Bauch hat. Oder eben eine andere kurzzeitige Reaktion der Psyche. Es kann ein Stocken im Satz oder eine sonstige Veränderung im Verhalten oder der Sprache sein.

Wichtig im Zusammenhang der Achtsamkeit ist, dass man dieses Signal der Irritation nun nicht sofort für ein Reagieren, sondern allein in eine Beschreibung nutzt.

Üblicherweise empfehlen die Therapeuten, es sich als Beobachtung zu notieren. Das ist dann sehr ähnlich wie in der Selbstbeobachtung der Verhaltenstherapie, bei der man die Situation, Gedanken, Gefühle und körperliche Symptome bzw. Reaktionen sich als Mikroanalyse merkt.

Im Sinne der hier vorgestellten Methode der inneren Bilder empfehle ich, dass man sich eher ein emotionales Bild von dem Gefühl machen könnte.

Dieses kurzzeitige Irritationsgefühl ist mit einiger Übung gut zu erwischen, entgeht aber sonst der üblichen therapeutischen Arbeit leicht.

Wenn also dieser kurze Störmoment eine Form annehmen könnte, was passt dazu ?

Welches Bild kommt spontan vor das Innere Auge ?

Wenn noch kein Bild da ist : Welche Farbe könnte das Gefühl annehmen ? Wäre es schwer oder eher leicht ? Hat oder weich ? Passt eine Form (rund, eckig, wolkig) ? Wäre es warm oder kühl ? Bewegt es sich ?

Merken sie sich dieses Gefühlsbild.

Accept Akzeptieren oder auch Allow = Erlauben

Kern der Achtsamkeits-Geschichten ist ja, dass man die Gedanken, Gefühle, inneren und äußeren Wahrnehmungen so nehmen soll, wie sie kommen. Und sie auch wieder loslassen soll.

Also wie ein Wolke an sich vorbei ziehen lassen.

Nicht Einkliniken sondern eher im Durchzugmodus „Ausklinken“.

Na ja. Wenn man das könnte, wäre es sicherlich eine tolle Sache.
In den Achtsamkeitsgruppen hier in der Klinik ist natürlich dann immer wieder das Thema, dass man da mit sich selbst viel Geduld haben muss. Man soll / muss akzeptieren, dass das Akzeptieren lernen ewig dauern kann…

Irgendwie auch eine schwierige Schlange, die sich selber in den Schwanz beisst.

Da dass auch schon wieder eine Reaktion ist, muss ich mir also auch erlauben, dass ich auf solche  Störungen reagiere.

Mit inneren Bildern ist es häufig wesentlich leichter, das Akzeptieren zu praktizieren. Wenn die Gedanken und Gefühle bzw. Probleme in Bildern übersetzt sind (oder schon so vorliegen), verlieren sie durch das Weiterverarbeiten (über Rechts-Links-Stimulation) an emotionalem Gewicht. Sie werden quasi „egaler“.

Sie werden gleichgültiger.   Und das ist eigentlich das Ziel des inneren Anspruchs beim Akzeptieren…

Investigate = Endecken Das Leben aus den Augen eines (inneren) Kindes entdecken

Für viele meiner Leserinnen und Leser wird Neugier bzw. ein kindlicher Blick auf das Leben nicht so fern sein. Beim Entdecken geht es darum, jede Situation oder jede Aufgabe so zu sehen, als ob man sie das erste Mal in seinem Leben erlebt.

Unbelastet und mit einer gewissen kindlichen Vorfreude bzw. Naivität.

Eine positive Unbedarftheit

Auch hier können wie beim „Akzeptieren“ eben „negative“ Aspekte (ich nenne sie ja gerne Kanalratten aus der Vergangenheit“ an die Oberfläche huschen.

Dann sollte man eher neugierig darauf sein, was sie wohl mitteilen wollen. Wofür sie stehen. Und sie nicht verjagen oder noch mies behandeln wollen.

Ich arbeite ja gerne so, dass ich regelrechte Bildergeschichten über Rechts-Links-Aktivierung entstehen lasse. Es sind dann quasi Fabeln oder Märchen oder manchmal auch abstruse Kino-Varianten. Egal, welches Genre. Es ist zunächst ein Spass, dabei zu sein.

Und es geht eben nicht um die Interpretation oder Bewertung. Es geht um den Fluss der Bilder bzw. Verarbeitung.

Ein Therapeut sollte hier möglichst wenig im Weg rumstehen oder stören.

N atürlichkeit

Sei Du selbst. Sei im Einklang mit der Natur. Verstelle Dich nicht und lebe im Hier und Jetzt mit der Natur.

Ich finde die Natürlichkeit besonders schwer, weil eben häufig unsere emotionale Umgebung alles andere als gesund ist, gesund reagiert. Das Verstellen war und ist (bzw. wird auch für die Zukunft) eine wichtige Überlebensstrategie für viele Personen bleiben. Das ist ein Thema, das mich im Blog und in der Klinik natürlich immer wieder beschäftigt…

#Askaban aus #Harrypotter : Was kann schlimmer als #Depressionen sein

Ich bin eigentlich kein grosser Harry Potter Anhänger. Aber Rowling hat (vermutlich aus eigener trauriger Erfahrung) so schöne Metaphern bzw. Bildern beschrieben, dass man als Psychotherapeut eigentlich da gar nicht dran vorbei kommt. Auch wenn ich bis heute die Bücher nicht gelesen habe (oder gerade vielleicht auch deshalb), nutze ich sie sehr gerne in der Therapie.
Bild 49Askaban ist laut Harry-Potter-Wiki ein Ort, der den Anwesenden jegliche positive Gefühle entzieht. Die Gefangenen müssen ständig sich an ihre schlimmsten und traurigsten Erlebnisse (bzw. Bilder im Kopf) erinnern. Es ist also gar nicht unbedingt ein Ort, an dem Depressionen vorherrschen. Das wäre ja eigentlich ein Gefühl der Gefühllosigkeit bzw. inneren Leere. Askaban ist ein viel schlimmerer Ort und ein Zustand bzw. Ort, wo das Gefühl der Unabänderlichkeit vorherrschend ist. Er entzieht jegliche positiven Kräften (der eigenen Imagination würde ich behaupten). Und man wird dann in der Folge auch depressiv. Aber eigentlich ist schon der ständige Entzug von Lebensenergie viel schlimmer als die Depression selber.

Neuropsychologisch gesehen ist unser Imaginationsnetz = Default-Mode-Network quasi übergelaufen mit negativen Bildern und schrecklichen Eindrücken. SCHRECK-lich im Sinne von erschreckt und emotional be-LASTEND. Die eigene Vorstellung einer anderen, einer positiven Wendung wird verunmöglicht.

Das muss jetzt nicht zwingend den herkömmlichen Kriterien von Traumata entsprechen. Es handelt sich um die Qualität des Erlebten und auch den Zeitpunkt bzw. Funktionszustand und Entwicklungsgrad des Gehirns, auf den dieser Eindruck trifft.

Nach meiner Erfahrung in Therapien ist dieser Askaban-Ort aber sehr vielen Klienten bekannt. Und er ist gefürchtet, weil er eben schlimmer als depressiv ist (bzw. Psychologen und Psychiater es sich nicht vorstellen können, dass es schlimmer als schlimm geht). Und es ein Prozess ist, der sich in etwa wie Treibsand anfühlen muss. Oder eine frei flottierende Angst.

Es ist besser (natürlich eigentlich nicht), da nicht hin zu schauen. In die andere Richtung zu blicken. Aber die Drohung dieses inneren Ortes bzw. Zustandes ist allgegenwärtig. Man kann sie überspielen. Man kann dagegen ankämpfen. Aber dann hat man schon fast verloren, wenn man einmal versucht (oder gezwungen wird) zur Ruhe zu kommen.

Askaban wird von den Dementoren bewacht. Mit den Dementoren werden wir es in diesem Blog demnächst auch noch zu tun bekommen. Dementoren könnte man mit den eigenen imaginierten Ressourcen besiegen. Leichter gesagt als getan. Wer Harry-Potter gelesen hat, weiss,  was ich meine.

Askaban könnte man aber auch als eine Art Quarantäneabteilung für die eigenen schlimmsten Ängste und Erlebnisse verstehen. Eine Art dissoziativ gesichertem Hochsicherheitstrakt. Hier werden Urängste, bzw. traumatische Erlebnisse und Irritationen abelagert, die mit dem eigenen Selbstbild bzw. Lebenskraft nicht im Einklang scheinen. Es wird dann aber eben auch ein hoher Preis dafür bezahlt, dass es so ein Gefängnis gibt.

Wir Psychotherapeuten müssen höllisch aufpassen, dass wir unsere Klienten nicht nach Askaban führen oder treiben. Zumindest dann nicht, wenn wir nicht wissen, wie wir sie da wieder befreien könnten.

Ich befürchte, viele unserer Patientinnen und Patienten haben (völlig berechtigt) die Erwartung, dass wir dieser Aufgabe nicht gewachsen wären. Daher lassen sie sich dann nicht auf Therapie ein.

Erwerbsminderungsrente wegen Depressionen und psychischer Probleme

Fast 75000 mehr oder weniger nicht mehr erwerbstätige Menschen wurden im Jahr 2013 aus psychischen Gründen bzw. mit Diagnosen aus dem psychiatrischen / psychosomatischen Bereich in Rente geschickt. Das sind 42.7 Prozent aller krankheitsbedingten vorzeitigen Berentungen. Am häufigsten führten „Depressionen“ zu vorzeitigen Berentungen. Und dieser Anteil steigt weiter kontinuierlich.

Nur ein kleinerer Teil wird zuvor in eine Reha geschickt. 24 Prozent aller medizinischen Reha-Maßnahmen gehen nämlich in diesen Bereich. Und die subjektiv wahrgenommene Tendenz bei uns (und etlichen anderen Kliniken) ist, dass es eher weniger als mehr genehmigte Anträge seitens der Rentenversicherung werden. Und die Reha soll dann in immer kürzerer Behandlungszeit immer grössere Wunder vollbringen.

Nur leider wollen / können diese Rehabilitanden diese Wunder häufig gar nicht (mehr). Sie wollen nur kein Hartz-IV bzw. sie wollen endlich von bestehenden Konflikten und gesellschaftlichen Realitäten befreit in Ruhe gelassen werden.

Was ich sehr gut verstehen kann, dennoch aber so nicht teile.

Aus Sicht eines Psychiaters bzw. Psychosomatikers in einer Reha-Einrichtung werden uns natürlich die Patienten und Patientinnen immer

  • mit den falschen Erwartungen
  • bereits bestehenden Rentenanträgen
  • beruflichen Problemlagen (= Dauerarbeitslosigkeit plus Krankschreibung)
  • mit der Versprechung, wir würden die Rente schon regeln und damit grundsätzlich
  • zu spät

geschickt. Vermutlich kann man diese Liste noch beliebig fortsetzen. Aber diese Zuschreibungen und Vorwürfe bringen auch nichts. Ich sehe es ja eher als meine / unsere Aufgabe an, da zu sein.
Nur vielleicht dann zu einem Zeitpunkt, wo wir noch etwas erreichen könnten bzw. mit realistischen Erwartungen seitens der zuweisenden Kollegen und der Patienten.

Der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer Prof. Richter sagt dazu lapidar :

Psychisch kranke Menschen erhalten häufig zu spät oder nie eine Rehabilitationsleistung. Dadurch steigt das Risiko, dass sie vorzeitig berentet werden

Vermutlich erkennen einige niedergelassene Kollegen eben, dass Hopfen und Malz verloren ist und ein Reha-Antrag keinen Sinn macht. Das mag o.K. und auch uns gegenüber fair zu sein.

Andererseits erschliesst es mir einfach noch nicht, warum man nun mit „Depressionen“ so leistungsgemindert sein muss, dass keine Hoffnung mehr besteht. Zumindest sehr häufig nicht.

Gleichzeitig hat man dann Klienten, die eigentlich dringend eine stationäre Psychotherapie wegen Depressionen, Trauma / Dissoziationen oder anderer schwerwiegender Probleme bräuchten, diese aber nicht (mehr) erhalten.

Ein Grossteil der Patientinnen und Patienten, die uns so von der Deutschen Rentenversicherung geschickt werden, brauchen zunächst einmal DIAGNOSTIK oder überhaupt sowas wie Lotsenfunktionen im sozialmedizinischen System durch Sozialarbeiter, Fachärzte für Psychosomatische Medizin oder andere Berater, die mal Klartext reden. Oder Information darüber geben, wie wenig eigentlich die Rente dann ist.

Frühzeitig. Und vor der Krankschreibung oder wenigstens zeitnah innerhalb der ersten 14 Tage.

Was immer sie haben oder nicht haben, meistens ist schon die Diagnose „Depressionen“ schwammig. Daraus abgeleitet gibt es aber selten so was wie eine Idee von Behandlung.

Oder es wird nun auf einen Arbeitsplatzkonflikt (z.B.mit einem  neuen jüngerer Chef einer Krankenschwester oder Arzthelferin) mit einer Krankschreibung reagiert. Oder aber die Mehrfachbelastung einer Mutter (mit eigenen ADHS-Kindern plus Pflege eines demenzkranken Vaters) ist einfach mit der Berufstätigkeit nicht mehr vereinbar.

Das mag ja menschlich verständlich sein, ist aber für sich keine Depression. Kann natürlich vielleicht dazu führen. Klar

Meistens löst aber eine immer wieder verlängerte Krankschreibung oder ein Erwerbsminderungsrentenantrag dieses Problem nicht.

Und mehr oder weniger folgt dann die Konsequenz, dass die niedergelassenen Gutachter diese Anträge auch in der Luft zerreissen. Eben keine Grundlage für eine aufgehobene Leistungsfähigkeit sehen.

Was dann wieder dazu führt, dass diese Klienten zur Begutachtung zu uns geschickt werden… Und dann noch weiter zum Obergutachter an einer Uni…
Wo dann von 100 Anträgen eigentlich 90 direkt abgelehnt werden und 6 eine Teilerwerbsminderungsrente zugesprochen bekommen.

Schlau (?) sind also die Patienten und ihre Psychiater, die eben gerade nicht diesen Weg gehen und ihre Klienten dahingehend beraten, bei Posteingang des Reha-Antrages bzw. des Aufnahmetermins wichtige Gründe zu nennen, warum das alles nicht geht. Oder die Kliniken abzuwerten.

Leider scheinen auch einige Mitarbeiter des VDK bzw. besonders „gewitzte“ Menschen in einigen Internet-Foren so zu argumentieren.

Das führt dann über die Quengel-Taktik auch zum Erfolg.
So wie derzeit der Media-Markt Nintendos für quengelnde Gören vermarktet, kommt Aussitzen bzw. Nerven und Quengeln eben dann doch durch.

Früher oder später werden sie schon den Rentenantrag genehmigt bekommen.

Und dann auf Hartz-IV-Niveau leben. Keine schöne Aussicht.

 

Zu einer wirklichen Reha-Behandlung von Depressionen kommt es aber eben zu selten.

Neuropsychotherapie der Essstörungen

Viele (alle) Patientinnen mit einer Essstörung sind ausgesprochen kreative und leistungsorientierte Patientinnen und Patienten Sie gehören häufig zu den schulisch besten Schülerinnen ihres Jahrgangs. Keine Regel ohne Ausnahme. Ganz klar. Aber häufig haben wir es mit wahren „Hochleistungsgehirnen“ zu tun, was sich auch in der therapeutischen Arbeit häufig als Herausforderung darstellt.

Anders ausgedrückt : Die meisten unserer Patientinnen sind intellektuell nicht dümmer bzw. eher weit schlauer als wir Therapeuten. Sie nehmen sehr sehr viel von ihrer Umgebung wahr und analysieren dies oft treffsicher, sie können dieses Wissen auch prima bei anderen Klientinnen ansprechen und dortige Problembereiche erkennen. Ich habe es wiederholt erlebt, dass die Patientinnen die wahren Expertinnen in Sachen Essstörungen sind. Oder aber auch einfühlsamer bzw. unterstützender sein konnten, als dies unsere Psychotherapeutinnen und -therapeuten je sein konnten. Im Gegensatz zum Psychologen oder Arzt haben sie ja auch viel länger Erfahrung in diesem Gebiet. Ihr Gehirn hat sich durch die ständige Wiederholung und tagtägliche Auseinandersetzung zum Superfachmann in diesem Gebiet gemausert.

Anorexie Störungsmodell aus Sicht der herkömmlichen Psychotherapie

Hier  beschreibt eine Patientin aus meiner früheren Klinik, was Sie (bzw. die leitende Oberärztin Frau Wünsch-Leiteritz) so über Essstörungen wie Anorexie weiss oder denkt. Sie weiss bzw. spürt, dass sie den Anforderungen an Leben bzw. Problemen nicht gewachsen ist. Nicht genügend „erwachsen“ ist. Vorgänge / Familiensysteme nicht so über direktes Verhalten (Sprechen) beeinflussen zu können, wie sie es für erforderlich hält. (Wobei sie sich da möglicherweise eben auch eine Macht bzw. Aufgabe zuspricht, die sie eigentlich gar nicht haben darf / soll / muss).  Es ist anorexie-typisch präzise auf den Punkt. Ich könnte es nicht besser ausdrücken, was man über Kognitionen und Fehleinstellungen zur Anorexie denken und wissen kann/ muss.

Sie können dieses Wissen nur nicht auf sich selber anwenden bzw. durchhalten oder gar das Verhalten so ohne weiteres ändern und diese Änderung beibehalten, wenn sie wieder im Alltag auf sich allein gestellt sind. Und sie können (mit Worten) nicht ausdrücken, in welcher Notlage sie sich eigentlich befinden. Sie fühlen sich missverstanden und im Verlauf der Essstörungserkrankungen machen sie immer mehr Erfahrungen, die sie in Unverständnis bzw. Rückzug treiben.

Cognitive Remediation Therapie bei Anorexie

Die Essstörung ist also ihr Spezialgebiet. Ein Gebiet, dass sie unter Kontrolle haben und das ihnen Macht gibt. Macht über sich selber und Macht über ihre Umgebung.

In den letzten Jahren hat sich bei einigen Therapeuten mit langjähriger Erfahrung in der Rehabilitation psychiatrischer wie psychosomatischer Krankheitsbilder die Erkenntnis durchgesetzt, dass nicht das „WAS“ , sondern das „WIE“ beim Denken beeinträchtigt sein könnte. Also nicht die Inhalte und Überzeugugen, sondern die neuropsychologische Funktion von Hirnvorgängen, die man auch als höhere Handlungsfunktionen oder Exekutivfunktionen bezeichnet. Hierzu muss man also auf eine sogenannte „Meta-Ebene“ gehen und sich einmal die Frage stellen, wie nimmt denn das Gehirn meiner Patientin ihre Welt wahr und wie geht sie damit um. Dann gibt es einen Unterschied zwischen Wissen bzw. Können und Anwenden, also im Alltag tun (oder lassen).

Die amerikanische Neuropsychologin Alice Medalia hat diese Therapieansatz als NEAR (Neuropsychological & Educational Approach to Remediation) in die Fachwelt eingeführt. Ziel dabei  : Verstehe die indviduelle Funktionsweise deines Gehirns, vermittele dies durch Wissensvermittlung an die Betroffenen und ihre Angehörige und lerne damit möglichst angemessen umzugehen. Das wird dann auch als „Cognitive Remediation“ bezeichnet.

Wie orientieren wir uns eigentlich im Leben bei neuen Herausforderungen ?

Schauen wir uns das zunächst an einem Beispiel an, dass nichts mit Essstörungen zu tun hat. Beispielsweise das Erlernen des Autofahrens bei einer 17 jährigen Fahrschülerin.Dabei setzen wir viele scheinbare Selbstverständlichkeiten voraus, die gar nicht so selbstverständlich sind. So benötigen wir zunächst ein gut gewartetes, möglichst voll betanktes Fahrschulauto.  Wäre ja blöd, wenn die erste Fahrstunde nun aufgrund eines von der Fahrschülerin nicht zu verantwortenden technischen Defektes oder aber schlicht Energiemangel = Spritverlust nicht klappt. Vielleicht ist noch wichtig, ob es nun ein Schaltwagen ist oder ein Automatikgetriebe hat. Wir passen noch die Sitzhöhe und die Spiegel an. Mindestens. Dagegen spielen andere Details, etwa die Farbe des Autos oder Schnickschnack der technischen Ausrüstung des Wagens, keine Rolle. Sie lenken eher ab.

Dann kommt es darauf an, wie die Umgebungsverhältnisse sind. Ist die Sicht gut oder gibt es Nebel, Regen oder gar Schnee. Wie sind die Strassenverhältnisse vom Untergrund und natürlich auch, was ist auf der Strasse an Verkehr so los.

Natürlich setzen wir hier weiter gute, möglichst frei befahrbare Strassen voraus. Die meisten Fahrlehrer werden auf einer breiten, möglichst auch für das Erlernen von Anfahren und Abbremsen geeigneten Strecke zurückgreifen. Aber man nimmt, was man bekommt oder hat. Meine erste Fahrstunde war im Feierabendverkehr der Innenstadt in Lüneburg. Es war Stop and Go. Anfahren konnte ich dabei lernen…. Und für das Bremsen hatte der Fahrlehrer immer einen Fuss auf der Bremse. Sicher ist sicher…

Aber weit gekommen sind wir in den ca 50 Min eher nicht. Denn man  benötigt  beim Autofahren ein Ausgangspunkt (Abfahrtsstelle) und ein Ziel. Bei mir war es eben die Fahrschule mitten in der Innenstadt, die wir nach 45 Min ja wieder für den nächsten Fahrschüler erreichen mussten. Das reichte also gerade mal für eine Innenstadtrunde. Heute ist das da alles verkehrsberuhigte Fussgängerzone. Der Fahrschullehrer kennt aber eben (im Gegensatz zum Schüler oder der Schülerin) schon die Verkehrssituation, d.h. er (oder sie) kann vorausschauend planen, wo und wie lange es wohl langgeht. Ausnahmen bestätigen wieder die Regel. Dann kommt es darauf an, wie flexibel man mit der neuen Situation umgehen kann. In einer Fahrschulstunde beispielsweise dadurch, dass man den Fahrtweg verändert je nach individuellem Fortschritt der Schülerin bzw. auch der Verkehrssituation.

Für das Erlernen des Autofahres benötigen wir also in aller Regel eine weitere Person, die es schon kann. Das entscheidende dabei ist aber weniger das technische Wissen um das Autofahren das nun den Fahrlehrer von der Fahrschülerin unterscheidet. Das wurde ja im Theorieunterricht vermittelt. Dieses Wissen muss aber angewendet werden können bzw. eben die dabei stattfindenden komplexen Vorgänge gesteuert werden.

In einer Fahrstunde gibt es immer wieder Alarmsituationen. Aus denen man eigentlich lernen muss / soll. Wichtig ist hier, die Ruhe zu behalten. Und eben dann nicht in Angst und Schrecken zu verfallen.

Und gerade da ist die Auswahl bzw. die Persönlichkeit des Fahrlehrers entscheidend. Reagiert er selber ruhig und besonnen ? Oder versprüht er eine Atmosphäre und Vor-Anspannung, die letztlich die Lust am Fahren schon vor der ersten Bewegung in Richtung Gaspedal verunmöglicht ?

Lernen heisst, Erfahrungen zu integrieren. Also immer mehr und mehr Aufgaben selbstständig zu übernehmen. Leben heisst, aber eben eigene Erfahrungen machen zu dürfen. Und nicht aus den möglichen negativen Vorerfahrungen des Fahrlehrers selber am Fahren gehindert zu werden.

Eine Persönlichkeit entwickeln, heisst eben auch quasi ein neues Betriebssystem zu integrieren. Abschreiben von Betriebssystemen von Mama und Papa. Und dann irgendwann selber losfahren.

Klar, dann kann dieses System wieder zerschossen werden. Desintegriert werden. Gespalten bzw. durch Traumata und Dissoziation in seiner Integrität wieder gestört werden. Es kommt zu Blockaden und Störungen. Dazu komme ich noch.

Teilweise übernimmt dabei der Fahrlehrer also Hirnfunktionen der Fahrschülerin. Er /sie vermittelt aber noch stärker so etwas wie Grundsicherheit.

Gerade in der Pubertät sind bestimmte Hirnfunktionen quasi eine Baustelle. Das bezieht sich aber eben gerade auf die Frontalhirnfunktionen bzw. Exekutivfunktionen, die bei der Essstörung zu Problemen führen. Handlungsplanung und Umsetzung sind noch nicht verautomatisiert, wie es bei einer langjährigen Autofahrerin der Fall wäre. Dafür könnte ich aber heute auch kaum noch genau wiedergeben, welche Handlungen ich wann beim Schalten, Kuppeln etc im Strassenverkehr mache. Der Fahrlehrer übernimmt also Funktionen, die beispielsweise im Frontalhirn des Menschen angesiedelt sind. Also das Planen, das Bremsen (auf psychologisch  „Inhibition“ genannt) bzw. das situationsangemessene Handeln. Irgendwann verautomatisiert dies. Bis man also irgendwann es „von allein“ kann. Und gar nicht mehr darüber nachdenkt.

In dieser Phase ist es wichtig, dass man noch nicht alle Gefahren kennt. Das man quasi in Sicherheit gehalten wird. Derartige Übergänge (Transitionen) sind immer mit Unsicherheit und Anspannung verbunden. Sie zu bewältigen ist eine Entwicklungsaufgabe, die eben häufig bei Essstörungen misslingt.

Und die Umgebung geht (fälschlich) davon aus, dass diese so vordergründig zu vernünftigen und so schlauen Mädels eben gerade in diesem Bereich eine Stärke haben. Mehr machen und aushalten können, als man denkt. Und früher für sich und andere Menschen Verantwortung übernehmen (müssen)

Ermunterung und Unterstützung und eine stabile Grundpersönlichkeit

 

Stellen wir uns jetzt einmal vor, die Fahrschülerin würde zu Beginn der Stunde alle Anweisungen der nächsten 45 min von ihrem Fahrlehrer vorgelesen bekommen, die während der Fahrt entstehen. Klar, sie würde keinen Millimeter weit kommen, da dies ja schon 45 min dauern würde. Diese Anweisungen (Verbalisationen) laufen aber bei uns im Kopf auch als eigene Kommentare des Verhaltens wie Untertitel bei einem fremdsprachigen Film mit.

Diese Selbstverbalisation bestimmt aber die Motivation bzw. auch die Daueranstrengung für das Handeln. In der Pubertät schaltet das Gehirn leider bei negativen Aussagen der Eltern ab. Bzw. kann diese Aussagen nicht wirklich in das Betriebssystem so integrieren, wie es erforderlich ist. Eltern von essgestörten Patientinnen fallen häufig dadurch auf, dass ihre Kommunikation eben durch eine Häufung von Kritik bzw. Vorsicht, Ermahnung und sonstigen latent kritischen Botschaften geprägt ist. Die aber eben entwicklungspsychologisch vom Gehirn ihrer Töchter gar nicht gefiltert bzw. integriert werden können.

Ein guter Fahrlehrer wird also eher aufmunternde, positive Worte finden. Über 75 Prozent davon laufen aber eher ohne Worte, dh. nonverbal. Schlicht und ergreifend, weil noch mehr Anweisungen das Gehirn nur noch mehr durcheinander bringen würde. Hauptziel ist dabei, die Unsicherheit und Angst abzubauen, so dass sich die Fahrschülerin auf das Autofahren konzentrieren kann. Und Lernen funktioniert nur dann, wenn man keine Angst hat. Und wenn der Fahrlehrer keine Angst hat. Aber eben sorgsam und empathisch und echt handelt. Egal wie gut oder dämlich sich die Anfängerin anstellt, ein guter Fahrlehrer umschneichelt das Angstzentrum (Limbisches System = Mandelkern bzw. im Fachchinesisch Amygdala).

Wäre der eigene Vater oder die Mutter der Fahrlehrer, so würde genau der gegenteilige Effekt eintreten. Das eigene limbische System würde ständig aktiviert. Und letztich würde die Tochter irgendwann das Gefühl haben, sie müsste die Sorgen ihres Fahrlehrers „ent-sorgen“. Damit sich Mama oder Papa keine Sorgen mehr machen müssen.

Die Anweisungen sollten dabei so sein, dass sie auch verstanden werden können und umgesetzt werden. Idealerweise so, dass eine blinde Person sie in die Handlung umsetzen kann. Kurz, eindeutig und zielorientiert.

Und genau hier hapert es häufig bei den Familiensystemen bei esssgestörten Klienten. Entweder werden doppeldeutige Botschaften versendet, d.h. es besteht eine latente Doppelmoral. Nach aussen ist alles in Ordnung, im inneren brodelt es. Das mag für neurotypische Menschen nicht auffallend sein. Ein hochsensibles Mädchen spürt es aber ständig.

Es kann aber eben auch sich um „Miss-Verständnisse“ handeln, die auf die Entwicklungsverspätung bzw. – besonderheiten der eigenen Gefühlsregulation und – wahrnehmung zurückzuführen wären. Das Gehirn nimmt also bestimmte Informationen nicht vollständig und sinnerfassend auf. Es interpretiert dann Dinge in Aussagen oder Verhalten ein, die überhaupt nicht so gemeint waren.

Vor einigen Monaten  hörte ich, dass der Modeschöpfer Karl Lagerfeld nicht Auto fährt. Aber 2 Autos (der Luxuskategorie) besitzt. Er lässt Autofahren, was zu seinem verschrobenem Image gehören könnte. Ob die Pressemeldung nun stimmt oder nicht, sei dahingestellt. Wenn es stimmen sollte, dann wäre es für uns aber ein schönes Beispiel : Er  fährt nicht, weil er es aus neuropsychologischen Gründen nicht kann bzw. für sich selbst als zu gefährlich eingeschätzt hat. Angeblich wäre es für sein Gehirn zu langweilig immer geradeaus auf den Verkehr zu achten. Er würde überall und nirgends hinschauen, nur eben nicht auf den fliessenden Verkehr. Was zu Unfällen geführt hätte. Das wiederum hätte ihn verunsichert bzw. zu dem Entschluss geführt, nicht mehr Auto zu fahren. Er kompensiert das durch einen Chauffeur und lässt sich fahren. Er nutzt ein Ersatzgehirn ( bzw. „Body double“ ) für eine neuropsychologische Funktion, die ihm fehlt oder nicht so gut ausgeprägt ist. Dafür kann er andere Dinge offenbar besser, denn sonst könnte er sich ja nicht die Fahrzeuge samt Fahrer leisten.

Worauf ich hier hinaus möchte, ist also hier zunächst der Unterschied zwischen kognitiven Funktionen bzw. Fähigkeiten und akademischem Wissen.

Kognition bzw. Wissen in diesem Sinne bezieht sich also auf ein ganzes Spektrum von Fertigkeiten, die für die Wahrnehmung, Informationsaufnahme, Verständnis und Verarbeitung bzw Umsetzung von Informationen wichtig sind. Informationen sind dabei aber eben nicht nur die Ereignisse, die in unserer Umwelt passieren, sie müssen ja auch mit den Erfahrungen im Leben (Gedächtnis) abgeglichen werden. Wir müssen mit unserer Umwelt kommunizieren. Schliesslich muss dann auch das Wissen bzw die Absicht in ein Handeln umgesetzt werden. Diese spezielle Fähigkeit bezieht sich auf das sogenannte Prospektive Gedächtnis. Also eine Absicht auch wirklich durchzuführen.  Hier geht es also darum, im tagtäglichen „Alltagsbetrieb“ zu funktionieren. Man könnte auch sagen : Hier geht es eher darum, wie das Gehirn Lernen lernt bzw. umsetzt. Weniger um den Inhalt.

Akademisches Wissen wäre beispielsweise das Wissen über Literatur oder Vokabeln, mathematische Kenntnisse oder aber anderes „Schulwissen“. Man kann trotzdem gut in der Schule sein und ein hohes akademisches Potential haben und dennoch Probleme im Bereich der kognitiven Meta-Funktionen der höheren Handlungsfunktionen haben. Gerade dann.

Vermutlich werden wir alle mit etwas unterschiedlichen Stärken oder relativen Schwächen geboren, da diese Grundfertigkeiten eine hohe genetische (vererbte) Komponente aufweisen.

Nun entwickeln sich diese Grundfähigkeiten der Wahrnehmungs- und Handlungsfunktionen im Laufe der Kindheit bzw. Jugend weiter – oder eben auch nicht. Im Alter wiederum ist dann mit einem Nachlassen dieser Fertigkeiten bzw. Flexibilität zu rechnen, die man dann aber häufig eben auch durch Lebenserfahrung bzw. geeignete Lebensbedingungen mehr oder weniger gut ausgleichen kann. Und bei Angst oder Stress sind es genau diese Funktionen, die früh aufgeben bzw. blockieren. Die sich dann aber auch nicht entwickeln.

Bestimmte Dinge bzw. Fertigkeiten kann man aber entweder akzeptieren lernen bzw. geeigneite Hilfsmittel finden oder aber ggf. auch gezielt trainieren.

Das zumindest ist die Grundannahme von entsprechender Therapie- und Trainingsprogrammen.

Aber ist die Essstörung wirklich ein Problem des Wissens oder der Gedanken und innerer Schemata ? Erreicht man mit Worten bzw. sprachgebundener Psychotherapie wirklich das Kernproblem ? Ist Sprache also wirklich ein Spiegelbild der Seele ?

Natürlich spielt es auch eine Rolle, wie nett bzw. ruhig der Fahrlehrer ist. Ob er das Gefühl von emotionaler Sicherheit vermittelt oder aber selber ein Nervenbündel oder Choleriker  ist.

Oder stellen wir uns eine Fahrstunde vor, in der die Mama und der Papa und ein schreiender 2 jähriger Nachzügler-Bruder noch auf dem Rücksitz dabei sind. Auch die eigene Lebensvorgeschichte bzw. Erfahrungen (etwa ein Beinnahe-Unfall der älteren Schwester oder gar ein Todesfall) prägen das Erleben und damit auch die innere Sicherheit, sich auf die Fahrt zu machen.

Leider ist es häufig in Familien mit essgestörten Klientinnen und Klienten so, dass nach aussen Stabilität und hohe Empathie (ja eher zu hoher Einsatz für die Kinder) zu finden ist. Vordergründig ist „alles o.K.“
Leider ist es aber so, dass ein oder mehrere Familienmitglieder selber schon ein sehr instabiles Regulationssystem haben. Und die Patientinnen spüren, dass dies so ist. Sie erhalten aber die Rückmeldung, dass sie sich täuschen. Das alles in Ordnung mit der gespürten Un-Ordnung (bzw. nicht vorhandenen inneren Ordung) und dem Familiensystem ist.

Es kommt dann zur Umkehrung der Verantwortung. Die Tochter bzw. der Sohn übernimmt die Fahrlehrerfunktion und beruhigt bzw. steuert die Mutter. bzw. die Familie.

Die Angst vor dem Leben bzw. Erwachsenwerden kann viele Ursachen haben. Aus meiner  Sicht ist es kein Problem des Wollens oder des Wissens, es ist ein Nicht-Können. Und zwar hauptsächlich deshalb, weil die emotionale Entwicklung bzw. die emotionale Grundaussattung noch nicht passend ist, sich im Fluss des Lebens zu orientieren bzw. mit den emotionalen Stressoren umzugehen.

Das Gehirn ist einfach noch nicht in der Lage, er-Wachsen zu reagieren. Oder die Umgebung ist noch so, dass es zur inneren Spaltung kommen muss. Weil die Wahrnehmung auf der Gefühlsebene und die Aussagen der Eltern auseinander driften. Eine innere Dissoziation / Spaltung erforderlich machen.

Eine ganz andere, sehr interessante und herausforderndende Frage ist es dann, wie man dieses Regulationssystem wieder flexibilisiert. Wieder handlungsfähig machen kann. Aber dazu später mehr…

Emotionale Resonanz nicht nur bei Anorexia nervosa

Asynchrone Emotionen und Emotionale Resonanz bei Anorexia nervosa

Patientinnen und Patienten mit einer anorektischen Essstörung gelten als ausgesprochen sensible, häufig aber auch ehrgeizige „Vorzeigekinder“. Lange haben sie ihren Eltern scheinbar nur Freude gemacht, früh sich über spezielle Interessen und Begabungen profiliert oder als „Sonnenschein“ der Familie sich für Andere eingesetzt.

Wie kann es sein, dass besonders diese intelligenten und häufig ausgesprochen kreativen und feinfühligen jungen Menschen in eine Essstörung geraten?

Schauen wir uns dabei einmal eine Esssstörung unter dem Blickwinkel Resonanz an. Resonanz meint hier einen vieldeutigen Begriff, etwa

– Rückmeldung oder auch Rückkopplung

– Schwingung(sfähigkeit)

– gegenseitige Beeinflussbarkeit

Eine Essstörung kann man vielleicht weit besser als eine „Fehlübersetzung“ einer inneren emotionalen Notlage in ein Verhalten verstehen, für das die Betroffenen keine bessere Problemlösemöglichkeit zur Verfügung haben. Essgestörtes Verhalten wie ein zunehmend restriktives Essverhalten ist also der – natürlich vergebliche Versuch – auf der Ebene des Essverhaltens eine Kontrolle über eine emotionale Alarmsituation zu gewinnen.

Unsere Patientinnen beschreiben sehr häufig eine Diskrepanz von wahrgenommenen Gefühl und von ihrer Umgebung zurückgemeldeter Bewertung der Situation. Dies kann man auch als asynchrone Gefühle oder emotionale Un-Stimmigkeit beschreiben, die sie in ihrem Umfeld spüren. Dies gilt speziell für negative Emotionen wie Ärger oder Wut, die eben gerade nicht angemessen verarbeitet und in einen Erfahrungshorizont integriert werden können.

Vergleichsweise häufig lassen sich dabei zunächst sehr enge Beziehungsmuster mit einer gegenseitigen Idealisierung und engen Vertrautheit beschreiben.

So intelligent diese Mädchen auch in vielen Bereichen sein können und mögen, so wenig können sie aus diesen negativen emotionalen Erlebnissen dann konstruktive Lernerfahrungen im Sinne einer Reifeentwicklung vollziehen. Anorektische Patientinnen fallen dadurch auf, dass sie übermässig ausgeprägt Rücksicht auf die Gefühle der Eltern bzw. in ihrem emotionalen Bezugssystem nehmen und häufig nur indirekt ihre Bedürfnisse ausdrücken oder sich nach ihrem eigenen emotionalen Empfinden zu richten. Häufig aus der negativen Lebenserfahrung, dass das Ansprechen und Äußern eigener emotionaler Wahrnehmungen und Bedürfnisse in Bezug auf das System Familie invalidisiert oder sogar negativ sanktioniert wird.

Dies schliesst in der Folge keinesfalls aus, dass eine anorektische Patientin ihre Familie kontrolliert und sogar tyrannisiert, um eine Kontrolle über die aversiv erlebten Gefühle bzw. einen Zustand des Konfusion und Unsicherheit zu vermeiden.

ER-LERNT oder ER-SCHRECKT ?

Häufig ist es dann sogar so, dass diese Mädchen (weit seltener ja Jungen) vielmehr aufgrund ihrer emotionalen Reizoffenheit (bis hin zur Hochsensibilität bzw. Fähigkeit zur synästhetischen Wahrnehmung) eine emotionale Irritation und Belastung aufgrund von durchaus emotional richtig wahrgenommenen Irritationen, Spannungen oder Konflikten in ihrem familiären Bezugssystem erleben und sich im Sinne einer übermässigen Fürsorge für Andere für die Wiederherstellung einer emotionalen Stabilität verantwortlich fühlen.

Zudem ist es so, dass die anstehenden entwicklungspsychologischen Aufgabe der Autonomie-Entwicklung als hoch angstbesetzt wahrgenommen wird. Dies kann sich auf eigene emotionale Entwicklungsverzögerungen bzw. Reifungsdefizite (z.B. auch in sexueller Hinsicht), aber auch auf die übernommene Rolle als „Stabilisator“ im Familiensystem beziehen.

Emotionale Resonanz-Störungen

In dieser höchst individuellen emotionalen Notlage im Sinne einer Alarmsituation gelingt es ihnen nur unzureichend, eine als stimmig erlebte EMOTIONALE RESONANZ im Sinne einer ihrer emotionalen Reifeentwicklung und Bedürftigkeit entsprechenden Stabilisierung und Validisierung (= Bestätigung) von ihren Bezugspersonen (= Eltern) zu erhalten. Sie können nicht auf einer emotionalen Wellenlänge kommunizieren. Hierfür kann es sehr unterschiedlich, häufig miteinander verknüpfte Ursachen geben.

Häufig wünschen sie sich eine Reaktion, die sehr (früh-)kindlichen Bedürfnissen entspricht, die sie aber als Teenager oder Erwachsene nicht mehr – oder auch bisher nie – erhalten haben. Sei es, dass ihre Eltern aufgrund eigener emotionaler Störungen dazu nie in der Lage waren und das Kind im Sinne einer emotionalen Deprivation aufwächst.

Trotz eines häufig eher überbehüteten Erziehungsstils im Elternhaus erleben die Patientinnen so subjektiv eine emotionale Verlassenheit und Alleinsein, bzw. Alleingelassenwerden. Dabei stellt sich aber auch die Frage, ob sie überhaupt auf die emotionalen Signale ihrer Bezugspersonen reagieren (können) bzw. ob diese im Sinne einer Kommunikationsstörung auf der falschen Ebene unternommen und damit ohne emotionale Resonanz verpuffen müssen.

Eine anorektische Essstörung wird somit aus einer aufgrund der wahrgenommenen emotionalen Instabilität bzw. Alarmsituation im familiären System resultierten Überbesorgnis, die missverständlich auf Essen bzw. Gewichts(zunahme) und Körperschemastörungen reduziert wird. Nicht das Essen ist nicht (mehr) aushaltbar, vielmehr kann die Wahrnehmung von asynchronen Emotionen bzw eines Daueralarmzustandes nicht mehr ertragen werden.

Die Reaktionen ihrer Bezugspersonen, die naturgemäss durch die dramatische Krankheitsentwicklung bzw. die für sie überraschende Wesensänderung ebenfalls alarmiert sind, erzeugen eine Dynamik, die wesentlich zur weiteren Chronifizierung beitragen kann und so zur weitere Verstrickung in essgestörtes Verhalten führt.