#Askaban aus #Harrypotter : Was kann schlimmer als #Depressionen sein

Ich bin eigentlich kein grosser Harry Potter Anhänger. Aber Rowling hat (vermutlich aus eigener trauriger Erfahrung) so schöne Metaphern bzw. Bildern beschrieben, dass man als Psychotherapeut eigentlich da gar nicht dran vorbei kommt. Auch wenn ich bis heute die Bücher nicht gelesen habe (oder gerade vielleicht auch deshalb), nutze ich sie sehr gerne in der Therapie.
Bild 49Askaban ist laut Harry-Potter-Wiki ein Ort, der den Anwesenden jegliche positive Gefühle entzieht. Die Gefangenen müssen ständig sich an ihre schlimmsten und traurigsten Erlebnisse (bzw. Bilder im Kopf) erinnern. Es ist also gar nicht unbedingt ein Ort, an dem Depressionen vorherrschen. Das wäre ja eigentlich ein Gefühl der Gefühllosigkeit bzw. inneren Leere. Askaban ist ein viel schlimmerer Ort und ein Zustand bzw. Ort, wo das Gefühl der Unabänderlichkeit vorherrschend ist. Er entzieht jegliche positiven Kräften (der eigenen Imagination würde ich behaupten). Und man wird dann in der Folge auch depressiv. Aber eigentlich ist schon der ständige Entzug von Lebensenergie viel schlimmer als die Depression selber.

Neuropsychologisch gesehen ist unser Imaginationsnetz = Default-Mode-Network quasi übergelaufen mit negativen Bildern und schrecklichen Eindrücken. SCHRECK-lich im Sinne von erschreckt und emotional be-LASTEND. Die eigene Vorstellung einer anderen, einer positiven Wendung wird verunmöglicht.

Das muss jetzt nicht zwingend den herkömmlichen Kriterien von Traumata entsprechen. Es handelt sich um die Qualität des Erlebten und auch den Zeitpunkt bzw. Funktionszustand und Entwicklungsgrad des Gehirns, auf den dieser Eindruck trifft.

Nach meiner Erfahrung in Therapien ist dieser Askaban-Ort aber sehr vielen Klienten bekannt. Und er ist gefürchtet, weil er eben schlimmer als depressiv ist (bzw. Psychologen und Psychiater es sich nicht vorstellen können, dass es schlimmer als schlimm geht). Und es ein Prozess ist, der sich in etwa wie Treibsand anfühlen muss. Oder eine frei flottierende Angst.

Es ist besser (natürlich eigentlich nicht), da nicht hin zu schauen. In die andere Richtung zu blicken. Aber die Drohung dieses inneren Ortes bzw. Zustandes ist allgegenwärtig. Man kann sie überspielen. Man kann dagegen ankämpfen. Aber dann hat man schon fast verloren, wenn man einmal versucht (oder gezwungen wird) zur Ruhe zu kommen.

Askaban wird von den Dementoren bewacht. Mit den Dementoren werden wir es in diesem Blog demnächst auch noch zu tun bekommen. Dementoren könnte man mit den eigenen imaginierten Ressourcen besiegen. Leichter gesagt als getan. Wer Harry-Potter gelesen hat, weiss,  was ich meine.

Askaban könnte man aber auch als eine Art Quarantäneabteilung für die eigenen schlimmsten Ängste und Erlebnisse verstehen. Eine Art dissoziativ gesichertem Hochsicherheitstrakt. Hier werden Urängste, bzw. traumatische Erlebnisse und Irritationen abelagert, die mit dem eigenen Selbstbild bzw. Lebenskraft nicht im Einklang scheinen. Es wird dann aber eben auch ein hoher Preis dafür bezahlt, dass es so ein Gefängnis gibt.

Wir Psychotherapeuten müssen höllisch aufpassen, dass wir unsere Klienten nicht nach Askaban führen oder treiben. Zumindest dann nicht, wenn wir nicht wissen, wie wir sie da wieder befreien könnten.

Ich befürchte, viele unserer Patientinnen und Patienten haben (völlig berechtigt) die Erwartung, dass wir dieser Aufgabe nicht gewachsen wären. Daher lassen sie sich dann nicht auf Therapie ein.

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11 Gedanken zu „#Askaban aus #Harrypotter : Was kann schlimmer als #Depressionen sein

  1. Ruth Gramit

    Nachdem nun Mrs. Keating versprochen hat Dementoren nicht mehr auf Muggels los zu lassen, wer garantiert denn ihren Patienten, das eine kleine Anzahl von Dementoren nicht mutiert sind und nun als Therapeuten auf Muggels los gehen?

    OK, das war bös – aber ich konnte, entsprechend Ihres letzten Satzes dem nicht widerstehen. ☆♥☆

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  2. Miesel

    nicht besonders vertrauenserweckend dieses „völlig berechtigt“ am Schluss des Artikels – macht einem Angst, wenn ein Psychotherapeut schreibt, wir können eigentlich nichts bzw. nicht das, was unsere Patienten ( und hier ist nun das zu „völlig berechtigt“ zu Recht angebracht ) von uns erwarten

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    1. Dr Martin Winkler Autor

      Na ja. Man sollte halt seine Therapeutin oder den Therapeuten in den probatorischen Gesprächen „testen“, ob er / sie eben selber seine inneren Ängste bzw. Hausaufgaben erledigt hat. Viele Patienten spüren, dass der Therapeut eigentlich selber erstmal zur Therapie / Selbsterfahrung müsste. Aber ihre eigene Wahrnehmung bzw. Intuition wird dann wieder invalidisiert.

      Nicht jeder Chirurg muss selber fast an einer Gallenblasenentzündung gestorben sein, um eine Galle zu operieren. Und nicht jeder Psychologe muss dissoziativ sein, um das zu behandeln. Schlecht ist nur, wenn man einen dissoziativ schwer gestörten Therapeuten hat, der sich selber als gesund ansieht…. Das war eigentlich die Kernaussage meiner Warnung.

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  3. Anita

    Zitat: “ Die Gefangenen müssen ständig sich an ihre schlimmsten und traurigsten Erlebnisse (bzw. Bilder im Kopf) erinnern. Es ist also gar nicht unbedingt ein Ort, an dem Depressionen vorherrschen. “

    Weiter steht im Wiki aber, dass dieser Zustand in die Depression führt.

    Zitat: „Askaban könnte man aber auch als eine Art Quarantäneabteilung für die eigenen schlimmsten Ängste und Erlebnisse verstehen.“

    Wenn man seine schlimmsten Erfahrungen von seiner Persönlichkeit abgetrennt hat, dann muss ja erst mal erkannt werden, dass dem so ist.

    Dafür muss der Therapeut aber den Patienten erst einmal verdammt gut kennenlernen. Und sich gewaltig viel Zeit nehmen.

    Wenn der Therapeut diesen Ort „das abgeschlossene Askaban im Patienten“ öffnet, dann muss er den Patienten sprachlich wirklich gut erreichen können. Dass kann man als Patient (der vielleicht gar nicht weiß, was er alles „weggeschlossen“ hat) in den 5 Probesitzungen aber nicht wirklich erkennen.

    So zumindest meine Erfahrung mit Therapeuten und der Arbeit mit meinem ältesten, der Autist ist und durch Mobbing durchaus ein Trauma zurückbehalten hat.

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  4. Highly Sensitive Person (High Sensation Seeker)

    Hallo Herr Winkler,

    was für ein Zufall, dass ich gerade jetzt vor Heiligabend auf Ihren Blog und diesen Beitrag gestolpert bin…
    Als kleines Weihnachtsgeschenk lasse ich Ihnen meinen Blog bzw. meinen Beitrag über einen Harry-Potter-Gedankentransfer hier:
    https://hochsensibel1753.wordpress.com/der-phonix/

    Ich könnte mir vorstellen, dass Sie während des Lesens zu Schmunzeln anfangen 😉

    Er ist nämlich eher das Gegenteil von diesem Beitrag hier – also: lassen Sie sich überraschen.

    Mit freundlichen Grüßen und eine geruhsame Weihnachtszeit,
    Julia

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  5. anjavonknobelsdorff

    Sich dem falschen Therapeuten anzuvertrauen, kann bedeuten, vom Regen in die Traufe zu kommen. Zu glauben, dass es sich bei Therapeuten durchweg um integere, ausgereifte Persönlichkeiten handelt, ebenso.
    Und dann helfen manchmal nur noch Pillen.

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  6. anjavonknobelsdorff

    Meine Ärztin im Originalton: „Die Primärpersönlichkeit eines Therapeuten werden Sie niemals herausfinden.“ Was wollte sie mir damit sagen? Dass gerade Therapeuten Spezialisten darin sind, sich eine Maske aufzusetzen und sich hinter ihrer Rolle zu verstecken? Ich glaube ja.
    Das Schlimmste, was einem solchen Therapeuten passiern kann: Einen hochsensiblen Patienten vor sich zu haben, der die Maske durchschaut. Das Schlimmste, was einem hochsensiblen Patienten passieren kann: Es mit einem Therapeuten zu tun zu haben, dem gerade DAS gar nicht gefällt.

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    1. Highly Sensitive Person (High Sensation Seeker)

      Ein sehr interessanter Kommentar wie ich finde 🙂

      Aber das Gute ist doch, dass eine hochsensible Person so etwas sehr schnell herausfindet und den Therapeuten wechseln kann (sofern die Kraft dazu noch da ist). Lieber kein Therapeut oder mein eigener Therapeut, als ein Therapeut, der mich nicht versteht und meine Ressourcen und Talente in keinster Weise fördern kann.

      Nur wenn der Therapeut authentisch gegenüber seinen Patienten ist (vor allem bei hochsensiblen Patienten ist dies immens wichtig) und die Bedürfnisse seiner Patienten ernst nimmt, lassen sich hochsensible Menschen auf die Therapie ein. Diese Vertrauensbasis zu schaffen kann bei Hochsensiblen bis zu über 5 oder mehr Sitzungen andauern.

      Auf der anderen Seite kann ich aber verstehen, wenn Psychotherapeuten sich eine Art Maske zum Selbstschutz zulegen – man stelle sich vor, der Psychotherapeut selbst ist hochsensibel. Er würde sich so viel zu offen den Problemen seiner Patienten hingeben und zu sehr mitfühlen. Da bedarf es einer Art Maske, um sich in seinem Bereich halten zu können und so auch dem Patienten helfen zu können. Diese Art von „ehrlicher“ Maske versteht jeder hochsensible Mensch…

      Viele Grüße,
      Julia

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  7. anjavonknobelsdorff

    Liebe Julia,
    bis wann ist eine Maske ehrlich? Ab wann wird sie unehrlich?
    Was passiert, wenn die Hochsensibilität eines Patienten erst im Laufe der Therapie (wieder) zum Vorschein kommt? Was, wenn sich zu der Hochsensibilität plötzlich eine Medialität gesellt? Eine Medialität, die der Therapeut nicht einordnen kann? Eine Medialität, vor der er womöglich Angst hat?
    Ich kann Dir nicht sagen, was passiert.
    Ich kann Dir nur sagen, was im schlimmsten Fall passiert.

    Viele Grüße,
    Anja

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  8. anjavonknobelsdorff

    @Dr. Winkler:
    Als psychose- und depressionserfahrener Mensch kann ich Ihnen sagen:
    Nichts ist schlimmer als die Depression.
    Gegen Askaban helfen Medikamente, gegen die Depression manchmal nur der Tod.

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