Archiv für den Monat Oktober 2014

Warum man sich in einer Therapie KEINE Ziele setzen sollte

In meinem Blog Seelenklempneei und in meinem therapeutischen Leben stelle ich häufig scheinbar unumstössliche Geflogenheiten der Therapeuten in Frage bzw. auf den Kopf. Heute geht es um das bei allen Coaches oder Psychotherapeuten so beliebte Theme :

Sie müssen sich Ziele setzen.

In jedem Problem-Lösetraining geht es darum. In etwa in der folgenden Reihenfolge

  1. Schreiben Sie ihr Ziel / ihre Ziele auf
  2. Formulieren Sie die Ziele spezifisch und klar (oder SMART)
  3. Sorgen Sie dafür, wie die Zielerreichung auch erkannt bzw. messbar wird
  4. Setzen Sie sich eine Deadline = Endpunkt bzw. eine Timeline = zeitlicher Ablaufplan für die Zielerreichung
  5. Verknüpfen sie die Zielerreichung mit Belohnungen oder aber einer negativen Konsequenz bei Nicht-Erreichen.

Das ist für uns Verhaltenstherapeuten schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass man es gar nicht mehr hinterfragen würde. Zudem ist unsere Gesellschaft ja ziel- und leistungsorientiert.

Heute habe ich aber auf einer Fachtagung von von Reha-Medizinern den schönen Gedanken gehört, dass gerade die ständige Qualitätssicherung bzw. Zieldefinition und Zielforderung in unserer Gesellschaft Krankheit bzw. Störungen erzeugt.

Dort wurde nun nicht hinterfragt, ob man auch therapeutisch nun auf Zieldefinition bzw. zielorientiertes Problemlösetraining verzichten sollte.

Aber aus meiner Sicht spricht viel dagegen, dass man über das Setzen von Zielen zu Erfolgen kommt.

Aus einem sehr einfachen Grund :

In der überwiegenden Zahl der Ereignisse werden die Ziele ja nicht erreicht und damit kein Erfolgserlebnisse sondern Frustration ausgelöst und verstärkt.

Ich versuche mit meinen Patienten auch Therapieziele zu formulieren. Aber eher von der Art :“Wenn Sie die Ziele schon alle erreicht hätten und am Ende der Therapie stehen würden, was wäre JETZT anders“. Dieses andere Gefühl versuche ich dann zu aktivieren (beispielsweise wie die Ameise und der Apfelbaum) bzw. vor Augen zu führen.

Natürlich kann und sollte man ansonsten auch immer wieder das Gefühl verstärken, wie man ein Problem „gelöst“ hat. Also eine positive Wendung im Leben gefunden hat.

Das ist nicht immer identisch mit der Frage, was denn ein Ziel ist. Ziele zu erreichen kann sich doof und gefühllos anfühlen. Aber den richtigen Schritt zu machen, kann ganz entscheidend sein.

Kleine Schritte zu machen, die in Richtung von Veränderung gehen bzw. auch mal in die falsche Richtung sich bewegen und das zu erkennen und zu drehen kann wichtiger als Zielsetzungen sein.

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