Prokrastination – eine emotionale Kreditkarte ohne Deckung

Neulich habe ich eine schöne These über Aufschieberitis gelesen :

Prokrastination hat demnach ziemlich wenig mit Zeitmanagement und wenig mit Prioritäten zu tun. Vielmehr hat das Aufschieben.

Daher belügen wir uns dann selbst. Wir meinen, dass wir JETZT nicht in der emotionalen Verfassung sind, die lästige Aufgabe zu erledigen.

Das kann ja sein und fühlt sich in diesem Moment auch ganz sicher so an.

Nur nehmen wir fälschlich an, dass dies SPÄTER (heute abends, morgen früh im ausgeschlafenen Zustand oder IRGENDWANN)emotional gesehen uns leichter fallen würde.

Prokrastination ist also ein ungedeckter emotionaler Zeitkredit auf die Zukunft zu verstehen,
Oder vieleicht so was wie eine Mastercard-Kreditkarte für unser Zeitwohlstandskonto.

Wir erkaufen uns Zeit, die wir im jetzigen Moment aber noch nicht einlösen. Und die dicke Rechnung kommt dann garantiert.

Experten in eigener Sache im Bereich Prokrastination sind Menschen mit einer Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADS/ADHS)

Hier lässt sich ziemlich gut belegen, dass es neurobiologische Aspekte im Bereich höherer Handlungsfunktionen sind

So fehlt einerseits eine “objektive” Zeitwahrnehmung. Sie leben im Hier und Jetzt. Speziell ist aber das sog. Prospektive Gedächtnis und der Rückgriff auf Alterfahrungen gestört.

Damit ist gemeint, dass der Blick in die Zukunft zwar optimistisch sein kann. Gute Aufschieber glauben sich selber, dass sie in der Zukunft ganz sicher ALLES in den Griff bekommen.

Im Moment des Handelns vergessen sie aber diese guten Absichten.

Zeitmanagement-Tipps für Prokrastination oft das Geld nicht wert

Ich erinnere mich gut, dass ich schon im Rahmen einer Studie eine Online-Workshop zur Aufschieberits mitgemacht habe. Dort versuchen uns dann Theoretiker Methoden des Zeitmanagement bzw. der Selbstdisziplin zu vermitteln, die schon bei eher zwanghaft veranlagten Menschen mit einem Überschuss an Selbstdisziplin und Selbstbeherrschung fraglich erscheinen.

Leider wird die Anfangsmotivation schon dadurch gedämpft, dass dauernd auf spätere Emails verwiesen wird. Oder Links, die vergessen wurden. Das mögen Anfangsprobleme sein im Rahmen der Studie. Aber sie sind quasi emotional lästige Stolperfallen. Wenn sie in das Konzept mit eingebaut wären, würde man sagen: Belastungsssituationen sind Übungssituationen.

Doch gerade bei Aufschieberitis brauche ich eine emotional positive Voraktivierung.

Und die wurde spätestens mit der Grundeinführung bzw. der Darstellung des Ablaufs bei mir in einen Bereich von Minus-Unendlich gebeamt.

Die Grundeinführung lautetet in etwa:

Die Schwierigkeit besteht darin, dass Prokrastination Stress erzeugt. Wer “nebenwirkungsbewusst” und absichtsvoll Prioritäten setzt, der prokrastiniert nicht.

Dann sollte man sich selber ein Projekt wie beispielsweise die Steuererklärung suchen, das man nicht erledigt. Und dann im Kern selber schauen,, wie man es einteilt und in Angriff nimmt. Man sollte den Zeitbedarf für Teilschritte selber schätzen.

Ah ja… Wenn man das bei Aufschieberitis könnte, hätte man kein Problem mit Prokrastination. Das ist so ähnlich wie bei Verhaltenstherapie-Ratschlägen, man solle sich doch endlich “zusammenreißen”.

“Wenn Sie damit fertig sind, weiter” so stand es dann auf der Webseite…

Im Prinzip müsste allein hier schon ein Abbruch des Workshops erfolgen, weil man nie zur nächsten Seite kommen KANN.

Dann kam ein WARNHINWEIS auf Seite 2: Der Ablauf des Trainings sei langweilig und monoton, da sich der Ablauf immer wiederhole.

Nehmen wir an, der Aufschieber hat aus reiner Neugier auf Seite 2 geklickt, obwohl er ja eigentlich Seite 1 noch nicht abarbeiten KONNTE.

Dann wird doch seine schon nicht mehr objektiv vorhandene Motivation nun endgültig von den Autoren gekillt. “Bleiben Sie am Ball. Das machen Sie doch bei Fittnessgeräten auch”….

Nö. Aufschieber würden gerade eben nicht am Ball bleiben können und sind für Fittness-Studios Gold wert. Sie müssen einen Vertrag buchen, den sie eben gerade nicht …

Motivieren heißt sicher nicht Anschwindeln. Aber es bedeutet doch, dass ich positiv ANFEUERN sollte, oder?

Dann soll man Zufriedenheit tanken. Gut. Schwierig, in dem Kurs. Aber wir sind ja noch motiviert.

und die Aufgaben danach unterteilen, ob sie

– Durststrecken sind, d.h. wenig motivierend sind
– Hürdenaufgaben , die mit noch nicht zu meisternden Schwierigkeiten verbunden sind oder
– Angstaufgaben mit negativen oder angstbesetzten Befürchtungen oder Panik vor dem Durchführen.

Dann wird man dafür gelobt, dass man diszipliniert mitgemacht hat.

Habe ich nicht. Vielleicht lag es wieder einmal an mir, dass ein großartiger Workshop halt nicht so wirkt, wie es die Damen und Herren Psychologen sich in ihren Studierstuben ausgedacht haben.

Ich will jetzt nicht auf alle Details eingehen, aber im Kern soll die kognitive Bewertung der Aufgaben verändert werden. Das ist ja schön und gut, wenn man kein Problem mit Prokrastination hat. Aber sonst eben kaum dauerhaft eine Lösung für das Problem.

Es ist auch nicht ein Mangel an Wissen über Prioritäten oder Zeiteinteilung.

Vielmehr können die meisten Selbstverhinderer eben gerade bei der Aufschieberitis auf dieses Wissen im Moment des Handelns nicht zugreifen. Oder weisen in diesen Bereichen neurobiologisch mitbestimmt Probleme im Bereich der höheren Handlungsfunktionen im Gehirn auf. Diese Exekutivfunktionen werden aber unter Stress bzw. negativer Voraktivierung nun gerade wie ein Bildschirmschoner “abgeschaltet”.

Die meisten Bücher oder Seminare zum Zeitmanagement oder Prokrastination sind ähnlich aufgebaut.

Sie versetzen Prokrastinatoren in eine emotionale Verfassung, die man sich vielleicht am ehesten als anstehenden Vulkanausbruch auf Island vorstellen sollte.

Sie erzeugen viel Rauch und hinterlassen Asche. Danach ist alles so wie vorher. Oder eher dunkler und schlechter.

Da rafft man sich schon auf etwas an seinen Problemen zu verändern und erhält Ratschläge, die wie Schläge wirken.

Weil sie eben missachten bzw. überhaupt nicht verstehen, dass Prokrastination eben nichts mit dem eigenen Willen zu tun hat, sondern mit der eigenen Emotion. Und eben nicht eine Frage des Umgangs mit der Zeit ist, sondern mit der emotionale Wahrnehmung von Zeit bzw. der Zeitblindheit für die Zukunft.

Gut, der Onlinekurs war gratis. Und umsonst.

Zeitmanagement-Seminare für Bummler und Studenten mit Prokrastination

Dennoch schaden solche Workshops und Seminare bzw. Bücher, wie sie zu Haufe auch für bummelnde Studentinnen und Studenten angeboten werden.

Sie bieten zwar kurzfristig das Gefühl, dass man dem eigenen schlechten Gewissen – oder meistens eher dem Druck von Eltern oder Lebensabschnittsbegleiter und Freundeskreis – nachgibt.

Mann oder Frau wird aktiv.

So wie viele GTD (Getting-Things-Done) Projekte eben nur wenige Wochen engagiert gemacht werden, müssen auch die Anti-Prokrastinations-Semininare an den gleichen Klippen scheitern, die bereits zum Besuch bzw. Bezahlen des Kurses geführt haben.

Der Misserfolg die empfohlenen Maßnahmen dann aber in der Praxis anzuwenden verschlimmert aber die eigenen emotionale Verfassung und ist damit quasi ein weiterer Stein auf dem Haufen von Hilflosigkeitserfahrungen bei schlechten “guten” Ratschlägen, die die Welt der Prokrastination nicht mehr braucht.

 

Teil 2…. Wie man es vielleicht später einmal besser machen könnte…. Folgt… Später…

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5 Gedanken zu „Prokrastination – eine emotionale Kreditkarte ohne Deckung

  1. Michaela

    Ich hatte damals auch an dieser Studie zu dem Workshop teilgenommen. Ich brauchte schon für das Aufschreiben der Zeiteinteilung viel zu lange. Hier waren 60 MInuten für zwei Wochen angegeben. Ich hatte aber für die erste Woche schon 1,5 Stunden gebraucht…

    Das verannlasste mich, dem Herrn von der Studie eine E-Mail zu schreiben in der ich Ihm das Problem schilderte. Dabei habe ich dann auch den tollen Spruch mit dem Fitness-Studio angesprochen und Ihm auch geschrieben warum der Vergleich hinkt. Denn mir ging es im Fitness-Studio genau so. Ich war anfangs begeistert dabei, doch irgendwann war dann alles nur noch langweilig. So wurde dann immer kräftig die Fitness-Studio-Gebühr abegucht ohne dass ich hingegangen bin… Ich habe bis heute keine Antwort auf meine E-Mail erhalten.

    Und mal ganz ehrlich. Wer bitteschön schreibt denn noch nach dem Workshop so schön fleißig solche tollen Zeiteinteilungspläne weiter? Mich hat das nur frustriert.

    Letztendlich habe ich das Projekt dann zwar fertig bekommen, aber nicht in den zwei Wochen. Da musste dann schon anderer „Druck“ entstehen um mich zu motivieren.

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  2. papillonindigo

    Sehr interessante Artikel (bei der Link) und auch hier…
    Auch die Erfahrung von Michaela finde ich interessant…
    Am Aufschieben bin ich dauernd und heute auch wieder, aber ich habe damit Frieden geschlossen und ich lebe sehr gut damit. Ich habe zwar meine Todoliste, damit ich nicht ganz aus die Augen verliere, was ich vor habe. Ich schaue ab und zu auf die Uhr und denke auch ab und zu daran welche Konsequenzen es haben kann, wenn ich zu viel aufschiebe. Wenn die Konsequenzen zu nervig sein werden (kein Geld mehr auf mein Konto), mache ich die Sache noch Termigerecht, aber knapp daran. Wenn die Konsequenzen mich egal sind (wie dreckige Wohnung) kann ich gut lange ausschieben und etwas spassvoller machen, bis ich genervt bin und es anpacke.
    Ich gerate mit der Gesetz nicht im Konflikt, habe keine Schulden und bin am Arbeit und zu Terminen meistens pünktlich und esse, schlafe regelmässig, daher läuft alles für mich doch gut. Da mein Leben so gut läuft, dann habe ich nicht genug Motivation etwa „geregelter“ zu werden und habe mich entschieden aufzuhören mich deswegen Selbstvorwürfen zu machen nicht „normal“ zu ticken und es entlastet mich schon. Strafen und Belohung als Konsequenzen sind von Termingerecht erledigen oder eben Verspätung haben immerhin auf mich genug Autorität dass es eben so läuft. Dabei üben immer wieder an die Zukunft zu denken, „Wie wird es mich gehen wenn…“ Finde ich sehr hilfreich. Mich reicht es.
    Oft tut mich aufschieben und noch tröddeln gut, weil ich dabei in mein Kopf aufräume, was ehe auch wichtig ist.
    So jetzt, gehe ich dran an eine Aufgabe die ich seit gestern aufschiebe und zwar heute Abend erledigen will, aber keine Lust habe es heute Abend zu erledigen. Daher lieber jetzt…

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  3. leidenschaftlichwidersynnig

    Ich weiß nicht, ob das die selbe Studie war, an der ich teilnehmen wollte und die ich kurzer Hand hingeschmissen habe. Dazu war mir meine Zeit zu schade. Wenn es klappen würde, sich ein Projekt vorzunehmen, es in Teilschritte zu zerlegen und brav die Liste abzuhaken, bräuchte ich das nicht.
    Ich hab dem Herren das auch geschrieben. Daraufhin bekam ich eine mail zurück, dass ich doch trotzdem weitermachen soll und blablabla…..

    Bei Dingen, die ich aufschiebe, fühle ich die Wichtigkeit/Notwendigkeit noch nicht. Da kann es mir rational 1000 Mal klar sein.
    Und was ist schöner, als Listen zu ignorieren ? 😉

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  4. Nicole

    Schöner Artikel! Wer unter prokrastination leidet, weiß das hier und jetzt nicht zu schätzen. Im schlimmsten Fall kann Prokrastnation jedoch zu psychischen Störungen führen. Daher sollte man versuchen das „Problem“ in den Griff zu bekommen. Wir haben auf unserem Blog ebenso sehr umfangreich über dieses Thema berichtet. Vielleicht möchtet ihr mal einen Blick darauf werfen und mir Feedback geben, ich würde mich freuen! https://www.bach-blueten-portal.de/bachblueten-blog/prokrastination-ueberwinden-die-besten-tipps/

    Viele Grüße und weiterhin viel Erfolg mit dem Blog

    Nicole

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