Archiv für den Monat September 2014

Meine Wochenübersicht aus der Welt der Psychologie Blogs

Ich finde ja, dass es sich für einen Blogger gehört, in den weiten der Blogwelt zu surfen. Irgendwie ist es gar nicht so einfach, die Blogsuche so zu gestalten, dass die Perlen aus der Welt der Psychiatrie und Psychologie auffallen.

Da übe ich noch.

Eben bin ich auf einen Beitrag von Jule Specht mit einen Pladoyer für schnelles Schlafen gestossen.

Beschäftigt sich halt mit meinen Lieblinsgsthemen von Schlaf bzw. REM-Schlaf-Auswirkungen in unserer beschleunigten Gesellschaft.

Tobi Katze hat auf den Stern-Seiten einen populären Blog zum Thema Depressionen. „Niemand bringt sich gerne um“ beschäftigt sich auf erfrischende Art und Weise mit dem Thema Suizidalität. Ehrlich gesagt : Nachdem das Thema irgendwie so in den Medien hochgspült wurde, fand ich es schon schwierig, darüber überhaupt zu schreiben. Umso besser, den Blogbeitrag zu lesen und darüber nachzudenken.

Wawuschel wiederum macht sich die Sache einfacher. Sie lässt schreiben bzw. ruft Gastblogger auf, zu schreiben. Sie weilt dann in Spanien, um auf neue Gedankensprünge gegen die Angst zu kommen. Und schreibt Dir dann zurück. Nette Idee 🙂

Gegen die Stigmatisierung in der Psychiatrie wendet sich der Beitrag meines früheren Mainzer Kollegen (na ja, Oberarztes) Dr. Gründer. Psychisch Kranke – ganz normale Menschen.

Tanja Konnerth empfiehlt Achtsamkeit im Blog bzw. auch ihrem Beitrag „Immer wieder staunen“.

Auch über Kleinigkeiten Staunen zu können ist toll. Und sicher nicht nur auf fernen Reisen möglich.

In Richtung Minimalismus bzw. Entmüllun geht der Beitrag bzw. auch der ganze Blog „Das Zahnradprinzip“. Dabei versucht die Bloggerin ihr Leben ohne Plastik zu gestalten. Und dabei bewussteres Leben in den Alltag zu bringen.

Soviel erstmal . Welche Psychologie -Blogs sind Euch so aufgefallen ?

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Rorschach-Test der genussvollen Art

Der Blog „die-kochpsychiater.de“ hat natürlich viel mehr mit guten Rezepten zum körperlichen Wohlbefinden als mit Rezepten für Psychopharmaka zu tun. Aber gerade deshalb liegt er natürlich ganz auf meiner Linie.

Umso witziger ist das derzeitige Gewinnspiel dort, das sich mit freien Assoziationen zu Rorschach-Test-Bildern (aus Lebensmitteln) beschäftigt.

Ich selber kann zwar beim besten Willen keinen sinnvollen Einsatz von diesen „Tintenklecks-Bildern“ in der Diagnostik von psychischen Störungen erkennen. Als Gewinnspiel bzw. lustiges Assoziieren ist es aber durchaus verwertbar.
Da ich weiss, wie kreativ meine Leserinnen und Leser sind, empfehle ich daher das Spiel. Bitte hinterlasst ggf. auch Eure Ideen zu den Lebensmittelkleckereien hier, damit wir alle was zum Schmunzeln haben…

Ziele erreichen : Von der Ameise und dem Apfelbaum

Heute mal wiedere in Beitrag aus meinem Werkzeugkasten von häufig eingesetzten Metaphern bzw. Coaching-Werkzeugen.

Sehr häufig fällt es meinen Klienten und mir schwer, konkrete Ziele für die Therapie zu setzen. Dies gilt speziell auch für die stationäre Behandlung, wo wir nur sehr wenige Termine zur Verfügung haben. Manchmal sehe ich als Oberarzt die Patienten sogar nur einmal.

Dann sind kurze Interventionen erforderlich.

Egal, ob ich nun einen Menschen zu Beginn, im Verlauf oder am Ende einer Behandlung erlebe. Immer geht es um die Frage, ob man sich auf dem richtigen Weg zur positiven Veränderung bewegt. Ob also der Therapieweg überhaupt klar vor Augen ist und ein Ziel visualiert werden kann.

Sehr viele Patienten kommen mit sehr diffusen Veränderungserwartungen und haben nicht die blasseste Vorstellung davon, wie sie zu einer Veränderung im Sinne von Zielerreichung kommen könnten.

Dann frage ich gerne, wie es sich anfühlen würde, wenn sie das ZIel schon erreicht hätten.

Das begründe ich mit der häufig von Therapeuten gewählten Metapher (Geschichte) von der Ameise und dem Apfelbaum :

Nehmen wir an, es ist Spätherbst und sie sind eine kleine Ameise, die an einem Apfelbaum noch einen Apfel hoch oben im Geäst entdeckt.
Sie wissen, dass dies prima für den Wintervorrat des Baus wäre. Andererseits ist aber der Weg in den Baum zum Apfel so hoch und sie könnten sich an unzähligen Verästelungen des Baums verlaufen und müssten dann immer und immer wieder umkehren, bis sie den Apfel erreicht hätten.

Umgekehrt wäre es doch ganz einfach. Wenn sie als Ameise den Apfel schon erreicht hätten, würden sie einfach eine Duftspur bzw. Markierung hinterlassen und sie als Ameise bzw. die anderen Ameisen des Ameisenbaus würden dann leicht den Weg hoch zum Apfel finden.

Daher biete ich meinen Patienten dann einmal an, dass Gefühl zu beschreiben bzw. sich bildlich vorzustellen, sie hätten den Apfel = das Ziel schon erreicht. Und von da aus den Weg zurück zum Anfang sich vorzustellen.

Dabei nehme ich gerne Situationen, in denen man schon einmal eine Herausforderung gemeistert hat. Mit Vorliebe Situationen aus der eigenen (mehr oder weniger unbeschwerten) Kindheit.

Beispielsweise für solche erreichten Ziele wären :

  • Fahrrad fahren lernen
  • Ein neues Level in einem Computerspiel erreichen
  • Einen Auftritt im Schultheater oder als Musiker erfolgreich meistern

Dieses Gefühl lasse ich wieder in eine abstrakte Form bildlich übersetzen. Also frage ich : Wenn dieses „Ich kann es“-Gefühl eine Farbe, eine Form, ein Gewicht, eine Temperatur hätte, was passt dazu ?

Je mehr Submodalitäten = Eigenschaften man findet, desto besser.

Dann stellt man sich diese Form = Imagination vor und macht 10 Augenbewegungen von rechts nach links oder tipps abwechselnd auf den rechten und linken Oberschenkel.

Damit wird das Bild in aller Regel positiver bzw. „allgemeingültiger“.

Ich rege dann an, dieses Gefühl als eine Art „Kompass“ für eigene Entscheidungen zu nehmen. Sich also diese Form vorzustellen und einmal zu schauen, ob sie sich (synästhetisch) bei Entscheidungen bzw. negativen Belastungen verändert.

Dann kann man das „Apfelbaum-Gefühl“ als eine Art inneren Wegweiser nehmen und erkennen, ob man sich in die richige Richtung bewegt bzw. quasi sein eigenes intuitives Wissen als Visualisierung bzw. Imagination nutzen.

Achtsamkeitsbasierte Online-Intervention wirksam

Bereits sehr kurze und einfache Angebote aus dem Bereich der achtsamkeitsbasierten Therapie bzw. Positiven Psychologie beispielsweise auch über das Internet können nachhaltige Wirkungen auf Erschöpfungsgefühl und negative Gedanken in Hinblick auf die Arbeit und eigene Zukunft haben.

Dies ist u.a. auch für mich eine Motivation, das simple Angebot von #ppp Poste Positive Postingimmer weiter anzubieten, da es sich genau um so ein sehr einfaches Angebot der Selbst-Achtsamkeit handelt.

Ursprünglich wurde eine ähnliche Übung der Positiven Psychologie  von Martin Seligman als „Three Blessings“ bzw. „What-went-well-excerise“ eingeführt. Notiert werden sollten

  • über mindestens 1 Woche
  • jeweils 3 positive Erlebnisse und
  • je 1 Begründung, warum es positiv war

Ein etwas anspruchsvolleres Achtsamkeitsprogramm wurde jetzt Online im Internet angeboten. Es nahm weniger als 2 Stunden Training in der Woche in Anspruch.

Die von der British Psychological Society dann bekannt gemachte Studie von Daqn Querstreet und Prof. Mark Cropley zeigte, dass bereits kurze Interventionen zu einer Reduktion von Erschöpfung bzw. ständiger Müdigkeit , Schlafproblemen und negativen Gedanken in Hinblick auf Arbeitsplatzkonflikten und Sorgen führte.

Dazu wurden 127 Berufstätige über 4 Wochen an einem internetbasierten Achtsamkeits-Kurs (mindfulness baed stress reduction) . Die über eine Kontrollgruppe geführte Untersuchung erfasst dabei an 4 Zeitpunkten das Befinden mit einem Follow-up nach 3 und 6 Monaten.

Wir wissen aus der Forschung, dass gerade Arbeitsplatzprobleme bzw. Arbeitsstress heute zunehmend zu Krankschreibungen bzw. auch vorzeitigen Berentungen beitragen. Je früher man mit einer Bewusstmachung bzw. Selbstachtsamkeit beginnt, desto besser letztlich auch die Prognose.

Die Achtsamkeitsübungen bzw. Positive Psychologie schärft ein Bewusstsein für eigene Gedanken und Gefühle in einer positiven bzw. konstruktiven Art und Weise, so dass man effektivere Handlungsmöglichkeiten und Entscheidungsfreiheiten gewinnt.

Diese Studie war nicht Gegenstand der Diskussionen unserer Arbeitstagung der DGPPR in Lübstorf bei Schwerin. Aber auch dort wurde deutlich gemacht, dass es nicht der Arbeitsstress bzw. die Arbeitsverdichtung primär ist, der zu den psychischen Belastungen und Problemen führt.

Vielmehr ist die individuelle Reaktion auf diese Belastungen bzw. die Anpassungsfähigkeit wichtig.

Ganz offensichtlch lässt sich diese Anpassungsfähiigkeit bzw. die indviduelle Antwort auf Stress-Bealstungen eben durch gezielte Behandlung und Information verändern.

In diesem Sinne werde ich auch weiterhin jeweils um 18 Uhr einen Newsletter mit kurzen Informationen zur Achtsamkeit bzw. Positiven Psychologie anbieten. Das ist dann zwar kein direkter Online-Kurs in achtsamkeitsbasierter Stress-Reduktion. Aber ein kleiner Schritt in die richtige Richtung….

Gerade für Arbeitnehmer wäre es also sehr ratsam, neben Angeboten zur Entspannung, Bewegung und gesunder Ernährung auch derartige psychologische Kurzinterventionen regelmäissg anzubieten bzw. daran zu erinnern.

Hexenkessel : Wenn man den inneren Druck ständig kontrollieren muss

Im Verlauf einer Einzelstunde beschrieb eine meiner Patientinnen ihre derzeitige Lebenssituation mit einem Hexenkessel. Eigentlich mehr oder weniger ein Dampfdrucktopf, der ihr immer mal wieder um die Ohren fliegen könnte. Und auf den sie immer wie eine Kesselhüterin acht geben müsse.

Das Aufpassen auf den inneren Kessel bzw. auf mögliche äussere Störquellen beanspruche fast ihre ganze Energie und bestimme den Tag (und die Nacht). Gerade ihr unbekannte Personen seien für sie daher eher eine Bedrohung. Sie reagiere dann misstrauisch, testend, ja paranoid. Aus Selbstschutz, obwohl sie eigentlich wisse, dass ihr nichts passieren wird oder kann.

So habe sie in der letzen Nordic-Walking Stunde schon gespürt, wie ein innerer Druck angestiegen sei. Sie habe das Tempo des Sporttherapeuten nicht mithalten können, andererseits aber eben auch nicht offen ansprechen können, dass sie überfordert oder schlicht und ergreifend sauer auf ihn war, weil er sich nicht auf das Tempo aller Teilnehmer einstellen konnte oder wollte. Oder es einfach nicht mitbekommen hat. Sie hatte sich jedenfalls auch nicht getraut, ihn zu alarmieren.
Wie auch immer.

Eigentlich eignet sich ja Bewegung bzw. Sport eher zum Druckabbau. Das war aber ganz klar bei ihr nicht der Fall.

Es sei dann wieder so eine Angst aufgestiegen. Wie ein unheimlicher Dampf, der ihr schon bestens bekannt sei. Ihr einziger Gedanke war es dann, wie sie es noch zurück in die Klinik schaffen könne. Wie sie also in die Sicherheit ihres Zimmers kommen könne.

Klar, ihr waren die Zusammenhänge einer Panikattacke bekannt. Sie hat schon viel Therapie hinter sich. Darunter auch Elemente eines Skills-Training zur Emotionsregulation (nach Linehan).

Aber alle Beteuerungen, dass die körperlichen Symptome einer Angstattacke vielleicht sehr unangenehm seien, aber sie „schon nicht umbringen werden“, sind da irgendwie Schall und Rauch. Oder noch nichtmal dies. Sie sind wohl schlicht unpassend, da sie eigentlich eher einen inneren Kontrollverlust fürchtet. Ein Gefühl der frei flottierenden Angst bzw Handlungsunfähigkeit. Und dieser Zustand wird eben gerade nicht nur Angstbewältigung einer kognitiven Verhaltenstherapie oder durch Konfrontationsbehandlungen verändert. Die helfen schlicht nicht, was dann letztlich auch die Therapeuten hilflos bzw in gewisser Weise unfair ihr gegenüber macht. Nur zu gerne wird ihr dann Vermeidung bzw. fehlender Wille zur Veränderung unterstellt.

Das mag ja sein, aber vermutlich trifft es nicht zu. Oder eben nicht wirklich den Kern des Problems. Sie vermeidet nicht das Auftreten der Angst. Sie vermeidet das Auftreten des inneren Drucks bzw der Handlungsunfähigkeit.

Nehmen wir also einmal an, sie verhält sich im Sinne ihrer eigenen Psycho-Logik psycho-logisch. Und nicht gestört.

Überlegen wir ein paar Minuten mal, welche „Optionen“ sie denn so hätte.

– Aushalten
Im Gegensatz zu den sonst psychologischen Erfahrungen der Beschwerdeabnahme (u.a. durch sog. Habituation) führt das Aushalten müssen zu einer enormen Kraftanstrengung und damit zur Erschöpfung.

Ich persönlich sehe es so, dass unter der doch recht unspezifischen Diagnose chronischer Erschöpfungszustände (wie z.B. der Chronic fatigue) häufiger solches „Aushalten müssen“ steht.

Typisch ist, dass das es von Mal zu Mal also nicht besser, sondern schlimmer wird. Die innere Kraft nimmt immer mehr ab, bzw. die Erholungsintervalle werden länger. Bis gar keine Erholung mehr möglich ist

– Entwicklung von Chronischer Schmerzstörung
Das klingt jetzt vielleicht makaber. Aber hinter vielen Schmerzstörungen, speziell der Fibromyalgie steht halt eigentlich eine innere Stressverarbeitungsstörung.

Meine Patientin leidet dementsprechend auch unter verschiedenen chronischen Schmerzen, die bisher symptomatisch mit Schmerzmitteln wie Ibuprofen therapiert wurden.

– Übersetzung in andere körperliche Symptome
Das nennen wir Psychotherapeuten ja auch Konversionsstörung oder mehr oder weniger deckungsgleich Somatisierung. Gemeint ist damit letztlich, dass sich emotionale Konflikte bzw. Stress und Spannungen in Form von körperlichen Beschwerden zeigen.

– Entwicklung einer Essstörung
Vom Typ her wäre diese Patientin eher im Spektrum der Binge Eating Störung mit Essattacken anzusiedeln. Sowohl diese unkontrollierten Essanfälle bzw. auch eine bulimische Symptomatik, wie auch anorektisches = restriktives Essverhalten könnten im Zusammenhang mit dem zuvor beschriebenem inneren Druckproblem stehen

– Druck ablassen
Hier würden Patientinnen aus dem Borderline-Spektrum sicher selbstschädigende Verhaltensmuster wie Ritzen nutzen. Das aber ist bei meiner Patientin bisher offenbar noch nicht passiert. Was ja auch gut ist.

– Druck betäuben
Drogen, Schlafmittel bzw. Benzodiazepine oder Alkohol kommen da spontan in den Sinn.

Wobei man durchaus zugeben muss, dass die pharmakologischen Alternativen aus dem Schrank des Psychiaters in diesen Fällen kaum eine wesentlich bessere Alternative darstellen. Entweder sie sind wirkungslos oder aber sie müssen immer weiter und weiter erhöht werden (beispielsweise das bei diesen Zuständen dann gerne gegebene Seroquel= Quetiapin).

– Dissoziieren
Auch leichter gesagt als getan. Aber das Ausweichen in einen inneren Raum der Dissoziation ist vermutlich noch am ehesten eine psychologische Lösung für ihr Dilemma.

Was dann tun ?

Der gute Rat eines Psychotherapeuten würde ja entweder in die Richtung gehen, dass sie das Vermeiden vermeiden müsste. Also in die Konfrontation mit der Angst in den Situationen gehen solle.

Das hat sie unzählige Male versucht. Ich möchte nicht behaupten, dass es ein falscher Ratschlag wäre. Für viele klassische Angstpatienten ist es ja auch „nur“ eine Befürchtung, dass dann schlimme körperliche Symptome des Teufelskreis der Angst auftreten könnten.

Für diese Patientin – und auch viele mir bekannte Borderline-Patientinnen – ist es aber eben eher eine persönliche Wahrheit, weil Erfahrung, dass sie den Druck eben nicht aushalten könnten.

U.a. weil der Druckregulationsmechanismus (tolles Wort) eben nicht funktioniert. Vermutlich auch nie richtig funktioniert hat. Und zudem durch Hilflosigkeitserfahrungen bzw. Traumatisierungen die Eichung bzw. Justierung des Druckablassventils völlig verpeilt ist.

Zum eigentlichen Kern des Problems kommt man nie

Bei dieser ziemlich grossen Gruppe von Patientinnen und Patienten in psychosomatischen Kliniken, Psychiatrien und sicher auch in den Praxen von Psychiatern und Psychologen dürfte es recht ähnlich ablaufen :

Die Beschwerden sind in vielfältiger Form vorhanden, doch schon der Kontakt zur Therapeutin bzw. zum Arzt sind schwierig. Und zwischen den Terminen sammeln sich so viele neue Cookies bzw. Spannungen und Probleme an, dass man sich fühlt, man kämpfe gegen eine Lawine an.

In meiner Vorklinik (Kompentenzzentrum für Essstörungen) war es beispielsweise so, dass sich ein Grossteil derartiger Patientinnen halt in unserer Medizinischen Zentrale sammelten. Häufig nachdem wir Psychotherapeuten belastende Themen bzw. Trigger „getroffen“ hatten, die nun zu einer Destabilisierung führten.

Im günstigsten Fall traten dann psychosomatische Beschwerden wie Völlegefühl, dicker Bauch, Bauchkrämpfe oder sonstige Beschwerden auf. Die wurden dann symptomatisch mit irgendwelche Magentropfen „therapiert“. Was eigentlich nun mehr oder weniger medizinisch gesehen unsinnig ist. Die Patientinnen sind aber eben krankheitsbedingt auf die Selbstbeobachtung von allen möglichen und unmöglichen Veränderungen am Körper – speziell im Bauchbereich – fixiert. Verständlich.

Die Therapeuten haben also einen „wunden Punkt“ getroffen. Der jetzt aber wie eine Domino-Reihe droht, das  System zu Instabilität zu bringen.

Die Therapeuten sind längst zu Haus, der innere Druck wächst aber bzw. der innere Boden unter den Füssen wird weniger und weniger….

Viele Patientinnen schützen sich dadurch, dass sie dann in den Therapien nicht mehr reden bzw. gute Mine zum bösen Spiel machen. Sie halten dann Klinik aus. Aber gehen nahezu unverändert wieder nach Hause.

Hier müsste Therapie aber gerade da ansetzen, wie man denn über diese Verzweifelung mit den inneren Druckregulationsproblemen überhaupt in Austausch kommen könnte.

Über Worte nur schwer. Über Bilder kinderleicht.

Prokrastination – eine emotionale Kreditkarte ohne Deckung

Neulich habe ich eine schöne These über Aufschieberitis gelesen :

Prokrastination hat demnach ziemlich wenig mit Zeitmanagement und wenig mit Prioritäten zu tun. Vielmehr hat das Aufschieben.

Daher belügen wir uns dann selbst. Wir meinen, dass wir JETZT nicht in der emotionalen Verfassung sind, die lästige Aufgabe zu erledigen.

Das kann ja sein und fühlt sich in diesem Moment auch ganz sicher so an.

Nur nehmen wir fälschlich an, dass dies SPÄTER (heute abends, morgen früh im ausgeschlafenen Zustand oder IRGENDWANN)emotional gesehen uns leichter fallen würde.

Prokrastination ist also ein ungedeckter emotionaler Zeitkredit auf die Zukunft zu verstehen,
Oder vieleicht so was wie eine Mastercard-Kreditkarte für unser Zeitwohlstandskonto.

Wir erkaufen uns Zeit, die wir im jetzigen Moment aber noch nicht einlösen. Und die dicke Rechnung kommt dann garantiert.

Experten in eigener Sache im Bereich Prokrastination sind Menschen mit einer Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADS/ADHS)

Hier lässt sich ziemlich gut belegen, dass es neurobiologische Aspekte im Bereich höherer Handlungsfunktionen sind

So fehlt einerseits eine “objektive” Zeitwahrnehmung. Sie leben im Hier und Jetzt. Speziell ist aber das sog. Prospektive Gedächtnis und der Rückgriff auf Alterfahrungen gestört.

Damit ist gemeint, dass der Blick in die Zukunft zwar optimistisch sein kann. Gute Aufschieber glauben sich selber, dass sie in der Zukunft ganz sicher ALLES in den Griff bekommen.

Im Moment des Handelns vergessen sie aber diese guten Absichten.

Zeitmanagement-Tipps für Prokrastination oft das Geld nicht wert

Ich erinnere mich gut, dass ich schon im Rahmen einer Studie eine Online-Workshop zur Aufschieberits mitgemacht habe. Dort versuchen uns dann Theoretiker Methoden des Zeitmanagement bzw. der Selbstdisziplin zu vermitteln, die schon bei eher zwanghaft veranlagten Menschen mit einem Überschuss an Selbstdisziplin und Selbstbeherrschung fraglich erscheinen.

Leider wird die Anfangsmotivation schon dadurch gedämpft, dass dauernd auf spätere Emails verwiesen wird. Oder Links, die vergessen wurden. Das mögen Anfangsprobleme sein im Rahmen der Studie. Aber sie sind quasi emotional lästige Stolperfallen. Wenn sie in das Konzept mit eingebaut wären, würde man sagen: Belastungsssituationen sind Übungssituationen.

Doch gerade bei Aufschieberitis brauche ich eine emotional positive Voraktivierung.

Und die wurde spätestens mit der Grundeinführung bzw. der Darstellung des Ablaufs bei mir in einen Bereich von Minus-Unendlich gebeamt.

Die Grundeinführung lautetet in etwa:

Die Schwierigkeit besteht darin, dass Prokrastination Stress erzeugt. Wer “nebenwirkungsbewusst” und absichtsvoll Prioritäten setzt, der prokrastiniert nicht.

Dann sollte man sich selber ein Projekt wie beispielsweise die Steuererklärung suchen, das man nicht erledigt. Und dann im Kern selber schauen,, wie man es einteilt und in Angriff nimmt. Man sollte den Zeitbedarf für Teilschritte selber schätzen.

Ah ja… Wenn man das bei Aufschieberitis könnte, hätte man kein Problem mit Prokrastination. Das ist so ähnlich wie bei Verhaltenstherapie-Ratschlägen, man solle sich doch endlich “zusammenreißen”.

“Wenn Sie damit fertig sind, weiter” so stand es dann auf der Webseite…

Im Prinzip müsste allein hier schon ein Abbruch des Workshops erfolgen, weil man nie zur nächsten Seite kommen KANN.

Dann kam ein WARNHINWEIS auf Seite 2: Der Ablauf des Trainings sei langweilig und monoton, da sich der Ablauf immer wiederhole.

Nehmen wir an, der Aufschieber hat aus reiner Neugier auf Seite 2 geklickt, obwohl er ja eigentlich Seite 1 noch nicht abarbeiten KONNTE.

Dann wird doch seine schon nicht mehr objektiv vorhandene Motivation nun endgültig von den Autoren gekillt. “Bleiben Sie am Ball. Das machen Sie doch bei Fittnessgeräten auch”….

Nö. Aufschieber würden gerade eben nicht am Ball bleiben können und sind für Fittness-Studios Gold wert. Sie müssen einen Vertrag buchen, den sie eben gerade nicht …

Motivieren heißt sicher nicht Anschwindeln. Aber es bedeutet doch, dass ich positiv ANFEUERN sollte, oder?

Dann soll man Zufriedenheit tanken. Gut. Schwierig, in dem Kurs. Aber wir sind ja noch motiviert.

und die Aufgaben danach unterteilen, ob sie

– Durststrecken sind, d.h. wenig motivierend sind
– Hürdenaufgaben , die mit noch nicht zu meisternden Schwierigkeiten verbunden sind oder
– Angstaufgaben mit negativen oder angstbesetzten Befürchtungen oder Panik vor dem Durchführen.

Dann wird man dafür gelobt, dass man diszipliniert mitgemacht hat.

Habe ich nicht. Vielleicht lag es wieder einmal an mir, dass ein großartiger Workshop halt nicht so wirkt, wie es die Damen und Herren Psychologen sich in ihren Studierstuben ausgedacht haben.

Ich will jetzt nicht auf alle Details eingehen, aber im Kern soll die kognitive Bewertung der Aufgaben verändert werden. Das ist ja schön und gut, wenn man kein Problem mit Prokrastination hat. Aber sonst eben kaum dauerhaft eine Lösung für das Problem.

Es ist auch nicht ein Mangel an Wissen über Prioritäten oder Zeiteinteilung.

Vielmehr können die meisten Selbstverhinderer eben gerade bei der Aufschieberitis auf dieses Wissen im Moment des Handelns nicht zugreifen. Oder weisen in diesen Bereichen neurobiologisch mitbestimmt Probleme im Bereich der höheren Handlungsfunktionen im Gehirn auf. Diese Exekutivfunktionen werden aber unter Stress bzw. negativer Voraktivierung nun gerade wie ein Bildschirmschoner “abgeschaltet”.

Die meisten Bücher oder Seminare zum Zeitmanagement oder Prokrastination sind ähnlich aufgebaut.

Sie versetzen Prokrastinatoren in eine emotionale Verfassung, die man sich vielleicht am ehesten als anstehenden Vulkanausbruch auf Island vorstellen sollte.

Sie erzeugen viel Rauch und hinterlassen Asche. Danach ist alles so wie vorher. Oder eher dunkler und schlechter.

Da rafft man sich schon auf etwas an seinen Problemen zu verändern und erhält Ratschläge, die wie Schläge wirken.

Weil sie eben missachten bzw. überhaupt nicht verstehen, dass Prokrastination eben nichts mit dem eigenen Willen zu tun hat, sondern mit der eigenen Emotion. Und eben nicht eine Frage des Umgangs mit der Zeit ist, sondern mit der emotionale Wahrnehmung von Zeit bzw. der Zeitblindheit für die Zukunft.

Gut, der Onlinekurs war gratis. Und umsonst.

Zeitmanagement-Seminare für Bummler und Studenten mit Prokrastination

Dennoch schaden solche Workshops und Seminare bzw. Bücher, wie sie zu Haufe auch für bummelnde Studentinnen und Studenten angeboten werden.

Sie bieten zwar kurzfristig das Gefühl, dass man dem eigenen schlechten Gewissen – oder meistens eher dem Druck von Eltern oder Lebensabschnittsbegleiter und Freundeskreis – nachgibt.

Mann oder Frau wird aktiv.

So wie viele GTD (Getting-Things-Done) Projekte eben nur wenige Wochen engagiert gemacht werden, müssen auch die Anti-Prokrastinations-Semininare an den gleichen Klippen scheitern, die bereits zum Besuch bzw. Bezahlen des Kurses geführt haben.

Der Misserfolg die empfohlenen Maßnahmen dann aber in der Praxis anzuwenden verschlimmert aber die eigenen emotionale Verfassung und ist damit quasi ein weiterer Stein auf dem Haufen von Hilflosigkeitserfahrungen bei schlechten “guten” Ratschlägen, die die Welt der Prokrastination nicht mehr braucht.

 

Teil 2…. Wie man es vielleicht später einmal besser machen könnte…. Folgt… Später…