Ärger ist ärgerlich oder Mensch ärgere dich nicht

Ärger und Stress ohne Ende

Derzeit kommt es bei uns ziemlich hart. Morgens früh sah ich eine eingeschlagene Autoscheibe meines Wagens. Der Wagen war von meiner Mutter geliehen, die vor 8 Wochen überfallen wurde und daher noch im Krankenhaus lag.

Geklaut wurden bei mir 6 Flaschen Cola. Schon die Tage zuvor war mein Ärgerkonto sehr hoch belastet. Unsere Familienkutsche will nicht anspringen und weder der ADAC noch die Werkstatt kann das Problem finden. Und zu allem Überfluss wurde dann unser Ältester notfallmässig ins Krankenhaus gebracht. Ganz grosser Zirkus mit 2 RTWs, Hubschrauber und Massenalarm im Dorf. Irgendwie konnte es also kaum noch schlimmer kommen.

Zusätzlich noch eine Email-Anfrage einer Frau, die nun unbedingt eine Diagnose speziell von mir erpressen wollte. Weil ich ihr ja schliesslich nicht einen Gefallen versagen könne.
Dabei kenne ich sie noch nicht einmal. Und habe keinerlei private oder sonstige vertragliche Beziehung zu ihr. Beim besten Willen könnte ich ihr nicht helfen, da sie an einem ganz anderen Ende der Republik lebt.
Sie ist verärgert und verbittert, vermutlich wird sie viele negative Vorerfahrungen haben.

Aber ihr Verhalten verursacht wiederum Ärger bei mir bzw. anderen Menschen.

Toxische Mitmenschen verursachen Ärger, weil sie selber ärgerlich und verbittert sind

Solche Menschen erlebe ich als toxisch. Sie machen es nicht absichtlich. Aber sie sind wie Gift. Und man hat instinktiv den Wunsch, sich vor ihnen zu schützen.
Das wiederum verstärkt den Ärger bzw. sie treten eher noch nach.
Für Psychotherapeuten ist dies nun nicht so ganz selten. Und es ist kein Problem, wenn man gerade emotional super ausgeglichen wäre. Ist man aber eben nicht immer. Und ich war es gestern definitiv nicht.

Das Ärgerlichste ist aber, dass ich mich darüber ärgern muss, dass ich mich weiterhin ärgerte. Als Psychotherapeut sollte ich es ja besser wissen.

Ärger führt zu einem inneren Tilt-Zustand

Sehr sehr ärgerlich. Ich merkte aber auch, wie ich innerlich immer aggressiver wurde. Fassungslos, unruhig und ich konnte mich nicht wirklich beruhigen.
Bewegung half nur bedingt. Entspannungsverfahren gar nicht. Drüber reden bzw. das Mitgefühl der Kollegen schon mehr. Meine eigenen Gedanken positiver zu gestalten bzw. auf einen Gedankenstop zu setzen, wie ich es sonst meinen Patienten rate ? Kam gar nicht in Frage. Meine Frau konnte mich dann beruhigen, aber dafür war sie nun besorgt und ärgerlich. Alles nicht so ganz günstig. Und wiederum ärgerlich. Ich kam da so nicht raus. Es war wie ein Tilt-Zustand eines Flippergerätes. Ich war quasi handlungsunfähig.

„Mensch ärgere Dich nicht“, sagte ich mir. Klappte aber nicht. Es ist wie beim Einschnappen bei Konflikten. Man müsste also auch wieder „Ausschnappen“. Sich Ent-Ärgern können.

Mensch entärgere mich

Später am Nachmittag habe ich dann erneut einen Bereitschaftsdienst in unserer Kinder-Klinik gemacht und habe versucht, über Fernsehen mich abzulenken. Dort habe ich eine der unzähligen Zoo-Sendungen gesehen.
Dort war ein Giraffenpfleger zu sehen, dessen Herz vor Glück überfloss. So der Reporter. Und man konnte es in seinen Augen bzw. seinem Tonfall sehen und sogar durch das Fernsehen spüren. Anlass war die Geburt bzw. das erste Aufstehen eines Giraffenjungen . Dieser Glücksmoment war ansteckend. Nicht die Geburt oder das süsse Baby. Der Gesichtsausdruck und die Stimme des Pflegers war einfach umwerfend positiv. Und der Ärger war erstmal weg.

Ich empfehle meinen Patienten, solche Glücksmomente zu sammeln. Sich innerliche Polaroidbilder zu machen bzw. das Glück in ein inneres Bild zu übersetzen. Habe ich selber leider nicht dran gedacht. Aber schön und wirksam war es auch so.

Von der Giraffe kam ich dann auf den Wolf.

Auf der Webseite Zeit zu leben sprach mich ein Beitrag von Nadja Petranovskaja mit einer sehr schöne Metapher zum guten und bösen Wolf nach einer Indianerweisheit an.

Es geht um die Frage, welchen „Wolf“ wir denn so täglich füttern. So hätten wir in unserem Herzen einen guten und einen bösen Wolf.

Die Waffen des bösen Wolfs sind Missgunst, Ärger, Selbstmitleid und so alle möglichen anderen schlechten Dinge

Der gute Wolf schenkt Vertrauen und alle möglichen grossherzigen positiven Eigenschaften und Gefühle.

Im Kern geht es jetzt in der Metapher erstmal darum, dass wir häufig auf Alltagssituationen eine falsche, weil negative Bewertung des bösen Wolfes übernehmen. Aber die andere Seite nicht sehen.

Positives Verhalten und freundliches Auftreten führt zu positiven Erfahrungen und Rückmeldungen

Je mehr wir den bösen Wolf füttern, desto stärker wird er. Und er prägt dann auch unsere Aussenerscheinung gegenüber anderen Menschen. Wir wirken eben verbittert, ärgerlich bzw. springen auf entsprechende andere Menschen schon ärgerlich und wütend bzw. aggressiv an. Natürlich werden wir dann immer häufiger und häufiger entsprechende negative Erfahrungen mit unseren Mitmenschen machen. So dass sich dies als Schemata bzw. Persönlichkeitsstörungen verfestigen kann.
Schön und gut. Ich war auch begeistert von der Metapher bzw. vom Rat, jetzt doch bitte den guten Wolf zu füttern. Und ich finde den Ratschlag auch richtig, sich JEDEN Tag mindestens ein Puzzleteil zu holen, wo wir und grossartig bzw. gut gefühlt haben.

Hört auf den bösen Wolf böse zu nennen

Alles richtig.
Irgendwie kam dann aber wieder Zweifel hoch. Vielleicht der böse Wolf in mir. Der Kritiker, der Besserwisser, der Querulant

Ich habe mir die Frage gestellt, aus welchem Wurf wohl der gute und der böse Wolf so stammen. Und ob im Wurf vielleicht noch weitere Wolf-Welpen dabei gewesen sind. Und warum sich der böse Wolf wohl immer so gereizt oder aggressiv fühlt.

Ich habe ein wenig weiter gesponnen und mich an Wölfe in Deutschland erinnert (z.B. jetzt in meiner relativen Nachbarschaft in der Göhrde). Sie haben schon grundsätzlich ein schlechtes Image. Und sie haben meistens einen Migrationshintergrund, bzw. wir wissen vielleicht zu wenig über die Vergangenheit der Wölfe. Sie werden es nicht leicht gehabt haben. Gerade dann ist auch ein aggressiver Vertreter in der Gruppe vielleicht gar nicht so verkehrt.

Das innere Team als Wolfs-Wurf

Warum denke ich jetzt an den Wurf ? Nun, es hat auch etwas mit dem Inneren Team bzw. Persönlichkeitsanteilen zu tun.

Glauben wir der Weisheit der Indianer sind also mindestens 2 Anteile in uns. Vielleicht sind es mehr, die wir noch gar nicht zu Gesicht bekommen haben. Aber sie gehören zusammen. Sie entstammen aus dem gleichen Ursprung.

Häufiger werden in der frühen Kindheit bzw. Jugend einzelne Anteile ausgegrenzt. Sie bekommen die Rolle des bösen Wolfs, damit es dem Rest besser geht. Sie geschützt sind vor allzu negativen Gefühlen bzw. Erfahren.

Gerade die aggressiven Anteile in uns sind wichtig, zum Abgrenzen. Zum Schutz vor Aggressoren von aussen. Aber auch, um Durchsetzungsvermögen zu zeigen.

Der böse Wolf ist deshalb so böse, weil eben genau diese Aufgaben von der Gesamtpersönlichkeit nicht mehr geleistet werden konnten. Er übernimmt für das „Rudel“ also eine Aufgabe, die die anderen Welpen (innere Kinder) im Wurf nicht ausüben können. Oder dürfen.

Der böse Wolf schützt seine Geschwister, die dann nach aussen so nett, so kompetent oder erwachsen wirken. In der Sprache der dissoziativen Störungen spricht man auch von einer anscheinend normalen Persönlichkeit. Er schützt die emotionale Persönlichkeit(en). Leider häufig um einen hohen Preis.

Der böse Wolf selber ist kalt und emotionslos. Er funktioniert. Er überlebt.

Kein schöner Zustand.

Ist es also fair, wenn wir den bösen Wolf weiter verprellen und ausgrenzen ? Ich finde nicht.

Wer kann sollte sich also mal die Wölfe als inneres Team vorstellen

Ich stellte mir also das gesammte Rudel der Wölfe bzw. den ganzen Wurf vor. Und wandte damit eine Emoflex(R)-Strategie zur Integration der verschiedenen Persönlichkeitsanteile an.

Damit fühlte ich mich versöhnlicher. Mit mir und den Wölfen.

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3 Gedanken zu „Ärger ist ärgerlich oder Mensch ärgere dich nicht

  1. bettyblue02

    Es tut mir leid, dass bei Ihnen so viele unangenehme Dinge gleichzeitig passiert sind. Ich wünsche Ihnen, dass es Ihrem Sohn und Ihrer Mutter bald wieder ganz gut geht.
    Viele Grüße und noch einen schönen Sonntag, bb

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  2. leidenschaftlichwidersynnig

    Der böse Wolf ist auch ein Beschützer. Aber auch er kann in Stress geraten und dann macht er seine Aufgabe nicht mehr gut. Dann schießt er übers Ziel hinaus. Dann können die anderen Welpen nicht mehr süß und nett sein, sondern machen sich klein und unsichtbar.
    Spätestens dann wird es Zeit, dem Bösen Wolf Entlastung anzubieten und die süßen Kleinen etwas mehr zu stärken. Vielleicht den bösen Wolf streicheln und den Guten füttern? Oder so…..

    Ich wünsch dir eine stressärmere Zeit…..weniger Ärger.
    Na ja, suche aber gerade selber nach einer guten Lösung für das zZ harte Leben plus Umgang mit toxischen Personen , die dann noch
    einen oben drauf setzen( wie gerufen 😁)

    LG von LW

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