Nichtstun ist anstrengend : Wie finde ich den Ausschalter für mein Gehirn

 

Angeregt durch den Aufruf zu einer Blogparade bzw. Sammlung von Blogbeiträgen zum Thema „Nichtstun“ auf Nichtstun- Fluch oder Segen konnte ich nicht anders als aktiv zu werden. Das demonstriert schon das erste Paradoxon des Nichtstun : Man kann eigentlich auf Aufforderung schlecht inaktiv werden. Nichtstun ist auch kein inaktiver Zustand, eher im Gegenteil. Nichtstun hat auch viel mit dem von mir zuvor diskutiertem Thema der Zeitschuld bzw. Zeitarmut zu tun. Auf den Punkt gebracht :  Burnout und Erschöpfungsdepressionen sind ein ungedeckter Kredit auf unser eigenes Zeitschuldkonto. Genauer dargestellt : Freie Zeit, Leerlauf, Erholung bzw. Entspannung. Zeit zum Träumen, Zeit zum Spielen.

Die Hauptthese in meinem Blogbeitrag zum Nichtstun lautet  also :

Nichtstun kostet mehr Energie als Tun

Daraus abgeleitet werde ich versuchen zu erklären, warum Nichtstun so häufig nicht gelingt bzw. darstellen wie man seinen inneren Ausschalter für das Gehirn findet. Damit man mal wirklich ins Nichtstun kommt.

Nichtstun ist ein Geschäft mit ausbaufähigem Buisiness-Modell

Eine ganze Wellness- und Gesundheitsindustrie samt Therapeuten, Coaches oder sonstigen Heilsversprechern lebt von dem Wunsch einen Ausschalter im Kopf zu finden.  Oder noch besser : Ihn nicht zu verraten, aber Versprechungen zum Erreichen von Achtsamkeit, Entspannung, Schlaf und anderen Erfahrungen in dieser Richtung zu verkaufen. Sollte auch das nicht gelingen oder zu anstregend sein,  versuchen wir es halt mit Selbstmedikation (von Alkohol, Naschen bzw. Essen im Übermass, Kaufen bzw. Ablenkungen der unsinnigen Art bis zum Fernsehen oder dem Fittnessdrang der übertriebenen Art).

 

Nichtstun? Geht das überhaupt, darf man das?

Wir können nicht Nichtstun. Zumindest ist unser Gehirn im sogenannten „Leerlauf“ = Default Mode Network eher aktiver als wenn wir Denken oder Handeln. Dieser Nichtstun-Modus mit Tagträumerei bzw. „Nichts“  ist also möglicherweise der wichtigste Abschnitt im Tag, da dadurch Lernen aus Erfahrungen erfolgt. Gleichzeitig ist es der Abschnitt, wo wir Löschen bzw. Ausmisten im Gehirn machen müssten. Träumende Menschen, sind die besseren Problemlöser. Im Traum entwickeln wir Lösungen bzw. lösen uns von Problemen. Das hat man u.a. bei sog. luciden Träumern untersucht. Also Menschen, die sich im Traum bewusst sind, dass sie Träumen.

Das Problem am Nichtstun ist eher, dass genau dieses Leerlaufproblem gestört ist. Speziell das Löschprogramm läuft häufig nicht so rund , wie wir es für ein sorgenfreies Nichtstun bräuchten. Entweder müsste unsere Festplatte im Gehirn mal ordentlich defragmentiert werden oder aber das Aufräumprogramm bräuchte mal ein Update….

Nichtstun ist also anstrengend bzw. kostet sogar 80 Prozent mehr Energie als Denken bzw. das Ausleben der sog. höheren Handlungsfunktionen = Exekutivfunktionen des Gehirns im Wach- oder Aktivzustand. Höhere Handlungsfunktionen wären das Planen von Aktivitäten, Entscheidungen treffen, Zeitmanagement bzw. Zugriff auf das Arbeitsgedächtnis  und was uns halt den lieben langen Arbeitstag so an „Kulturaufgaben“ des Gehirns so aufgeladen wird.

Nichtstun ist schmerzhafter als Elektroschocks

Und es geht ja noch drastischer  : In psychologischen Experimenten wählen Leute, die zum Nichtstun verdammt sind, lieber Elektroschocks  bzw. Schmerz als das Nichts. Nichtstun ist also eine Qual. Jedenfalls wenn man wirklich ohne Ablenkungsquellen wie Bücher, Musik, Smartphone oder Internet einfach sitzen gelassen wird. Bevor sie nun das stupide Nichtstun aushalten mussten, „quälten“ bzw. aktivierten sie sich dann doch lieber selber mit Elektroschockreizen. Schon krass. Ob nun übliche Kurse zu Entspannungsmethoden wie die Progressive Muskelentspannung bzw. Autogenes Training durch aktive Entspannung den Weg zum Nichtstun zeigen ? Schon möglich, aber auch dort findet man häufig das Phänomen, dass gerade beim Versuch des einsetzenden Nichtstuns die innere Unruhe steigt.

Der Mensch versucht dann auf dem Weg zum Nichtstun bzw. Entspannung die verschiedensten Methoden, die ihnen die gute Bekannte, der Arbeitskollege oder auch mal der Arzt oder Psychologe empfiehlt. Mit mässigem Erfolg.

Oder ist es die reine Zeitverschwendung?

Nichtstun ist also  gesund bzw. sinnig, da dort eine Art Aufräum- und Sortierprogramm für die Tageserlebnisse passiert bzw. wir in einer Art imaginierter Testlaufphase für Aktivitäten und Entscheidungen laufen. Das ist ganz schön anstrengend. Besonders, wenn da noch ziemliche Unordnung bzw. Altlasten aus der Vergangenheit mit rumschwirren. Wie ich mir das so vorstelle, kann man in diesem Beitrag von mir hier sehen.

Wo fängt das Nichtstun also an, wo hört es auf und welche Arten gibt es?

Diese Frage ist verdammt schwierig zu beantworten, bzw. wohl noch nicht endgültig geklärt. Relativ klar ist aber, dass bei vielen Menschen mit dem Umschalten von Aktivität auf „Nichtstun wollen“ sich ein inneres Kopfkino oder Sorgenrad meldet.

Durch den Alltag oder Aufgaben sind wir von diesem Kopfkino erstmal abgelenkt bzw. es wird gebremst. Dieses innere Bremsen wird auch als Inhibition bezeichnet.
Den lieben langen Tag sind wir also überwiegend mit Bremsen, Filtern bzw. Aussortieren von inneren und äußeren Reizen beschäftigt. Irgendwann ist diese Bremse aber wie ein Muskel auch erschöpft.

Diese Form von Erschöpfung der Selbstbeherrschung kann man ganz gut bei übermüdeten Kindern mit ADHS oder eben leider auch bei Streits unter Ehepartnern am Abend erkennen. Die Selbststeuerung bzw. Selbstbeherrschung versagt wie ein Deo.

Wäre ja schön, wenn dann NICHTS da wäre. Ist aber nicht. Sollten wir wirklich dann mal auf der Couch oder dem Bett ruhig liegen, so drehen sich nicht selten die Gedanken bzw. Bilder im Kreis, oder es ist ein ziemliches Durcheinander im Kopf. Zumindest häufig.

 

Emotionale Erlebnisse werden wie Cookies eines Browser behandelt

Blöd ist halt auch, wenn die abgespeicherten Erlebnisse quasi die Markierung (in der Computersprache „Tag“)  ALARM haben. Also wenn es Erlebnisse sind, die wir subjektiv als irritierend, bedrohlich oder als sonstwie traumatisierend erlebt haben. Derartiger Sondermüll ist nicht so einfach zu löschen. Zumindest nicht, wenn man nicht weiss, wie es geht. Und das aus gutem Grund, da es ja für das Gehirn und dem Rest des Körpers überlebenswichtig sein könnte, dass man nicht erneut in Gefahr gerät.

Unser Gehirn speichert aber emotionale Erlebnisse wie Cookies eines Browsers. Man sieht bzw. merkt diese Cookies nicht unbedingt. Und doch werden sie aufgerufen bzw. haben wichtige Informationen.

Je mehr Datenmüll bzw. emotionale Altlastinformationen so mit in unserem Betriebssystem bzw. Browser mitschleppen, desto anfälliger ist das System aber. Oder je leichter wird man erschöpft.

Also schwirrt der Inhalt dieses Speichers quasi im Kopf umher. Mal als Sorgenrad, mal als ein Wirrwarr von Bildern, als Blitze oder vielleicht auch als scheinbar körperliche Symptome wie ein Kloss im Hals oder Spannungskopfschmerzen. Unser Körper ist da rechts einfallsreich, was halt uns Psychosomatiker dann auch gut beschäftigt.

Wenn also Nichtstun misslingt, haben Ärzte und Therapeuten die Auftragsbücher voll und es verkaufen sich halt alle möglichen Nahrungsergänzungsmittelchen oder sonstige Quacksalberei umso besser.

 

Eine sogenannte Untätigkeit ist…

… schwer zu erlernen.
Buddhistische Mönche verbringen ihr ganzes Leben (und wer weiß wie  viele Wiedergeburten) mit Übungen zur Achtsamkeit bzw. Kontemplation. Sie üben das Nichts. Sie erreichen es aber selten.

Das nennt man dann Achtsamkeit oder „mindfulness“ und man kann ganz schön viel Zeit damit verbringen, diesen Zustand des aktiven Nichtstuns zu erlernen. Kindergartenkinder können das noch so. Spätestens in der Schule treiben wir es ihnen aber schon aus.

Wenn wir produktives Nichtstun lernen wollten, müssten wir es also von Kindergartenkindern abschauen. Und würden erkennen, dass Nichtstun häufig auch mit Spiel bzw. eben Träumen zu tun hat.

Wie kommen wir also zu einem erholsamen  Nichtstun ?

Fassen wir nochmal kurz zusammen : In unserem Default Mode sind quasi die unerledigten Dinge des Tages bzw. des Lebens als emotionale Fingerabdrücke oder aber als Sondermüll wie Computer-Cookies gespeichert. Unser Gehirn versucht sie in der gewohnten Art und Weise zu verarbeiten :  Der dafür verwendete Ablauf wäre in etwa

  • Nehme ein Erlebnis oder ein Gefühl
  • Übersetze es in eine möglichst sinnfreies Bild oder aber Video
  • mache Augenbewegungen wie im REM-Schlaf  (= rapid eye movements)
  • Schmeisse den emotionalen Anteil weg, wenn er unwichtig ist bzw. speichere den wichtigen Inhalt in einem Archiv des Wissens

Ganz einfach, wenn es einfach ist. Und wenn man halt Zeit dafür hat.

Wenn es nicht so einfach ist, braucht man schon eine Seelenklempnerei. Dann muss man handwerklich systematisch auf mögliche Fehlersuche der körpereigene Regulationssysteme gehen.

Manchmal ist es aber trivial schlicht Schlafmangel.

Wir haben aber meist zu wenig Zeit für Tagträumerei bzw. auch zu wenig Schlafzeit. Wenn Du (oder Sie) diesen Blogpost nach 22 Uhr lesen, wäre es schon kritisch. Unser Gehirn braucht schlicht und ergreifend eine Aus-Zeit von Bildschirmmedien / Glotze oder zuviel künstlichem Licht.

Der richtige Augenblick?

Ist JETZT. Wann denn sonst ?

Er ist nur schwer einzufangen und noch schwerer zu halten. Wie eine Seifenblase, die zerplatzt.

Interessant ist, dass es bei einigen Krankheiten wie beispielsweise der Epilepsie, der Migräne oder aber auch der Essbrechsucht (Bulimie) jeweils eine Art „Reset-Zustand“ gibt. Das Gehirn wird quasi durch die „Störung“ in einen Zustand des Nichtstuns bzw. des Neustarts gebracht.

Dieser Zustand hält nicht lange an. Und die Symptomatik davor bzw. danach ist auch alles andere als gesund. Es geht mir nur darum, dass es einen ganz kurzen Moment gibt, in dem NICHTS sozusagen als Idealzustand abgespeichert ist. Das Gehirn hat also sowas wie einen inneren Ausschalter einmal gedrückt und das System muss wieder neu starten. Andere Versuchen dies vielleicht über Selbstverletzungen wie Schnippeln, was ich aber überhaupt nicht empfehlen würde…

Aber kennt das Gehirn nicht selber den inneren Ausschalter ?

Vermutlich spielt übrigens auch Gähnen eine Rolle beim Versuch ein Reset unseres Gehirns bzw. eine Aktivierung des Leerlaufmodus zu bekommen.  Es scheint aber manchmal eher wie Schluckauf des Gehirns zu sein, den wir unterdrücken.

Gähnen Sie also mal wieder bzw. übersetzen sie das Gefühl des Gähnens in ein inneres Bild.

Welche Farbe hätte Gähnen ?
Wenn Gähnen eine Form hätte, wäre sie rund oder eckig ?
Eher leicht oder schwer ?
Warm oder erfrischend kühl ?
Bewegt sich Gähnen ?

Betroffene könnten das in vergleichsweise kurzer Zeit (wieder) erlernen. Also sich wieder die natürlichen emotionalen Problemlösemechanismen aneignen, die wir als Kinder noch hatten. Für Profi-Seelenklempner ist das zunächst ein total unbekanntes Terrain, das misstrauisch beäugt wird. Ganz sicher. Aber warum kompliziert, wenn es auch ganz einfach ginge ?

 

Erfahrungen sammeln

Ich finde es spannend, sich an diejenigen Menschen auf der Erfahrungssuche zu wenden, die eben Erfahrungen mit diesem Reset-Modus des Gehirns haben.

Ich habe beispielsweise bei einer Bulimikerin mir genau diesen Zustand als inneres Bild beschreiben lassen. Es war eine Art Seifenblase, die semipermeabel ist. Das bedeutet, dass sie sich in ihrer „Blase“ der Bulimie für einen ganz kurzen Moment wohlig geschützt fühlt. Innen in ihrer Innenwelt ist sie geschützt gegen den emotionalen Lärm der Aussenwelt. Sie kann aber Fühlen und Leben. Zumindest für einen kurzen Moment.

Das Gefühl in der Seifenblase bzw. der Schutz der Seifenblasenmembran versuche ich dann in ein Bild zu übersetzen. Eben die Seifenblase. Und damit arbeiten wir dann über Imagination bzw. Rechts-Links-Stimulation weiter. Wir sammeln weitere innere Bilder von Schutz bzw. Selbstwirksamkeit. Von Reset bzw. Reinigung, von Selbstkontrolle und Selbstwirksamkeit.

Das ist jetzt in einem Blogpost vielleicht nicht so darstellbar, wie es dann als individuelle Lösung von der Patientin bzw. für die Patientin und vor allem mit dem Patienten entwickelt wird.

Manualisierte Psychotherapie ist das sicher nicht.

 

Nichtstun ist eine Herausforderung, aber durchaus machbar.

Übliche Empfehlungen zum Nichtstun wäre, Achtsamkeit zu üben und mal 1 oder 5 Minuten aus dem Fenster zu schauen und den Wolken zu folgen.  Oder 10 Minuten auf einer Rosine zu kauen.  Ohne Bewertung, ohne Handlungsimpuls.

Dann müsste man sich Freiräume im Alltag dafür schaffen, dass man 5 oder 10 Minuten Achtsamkeit für sich und seine Handlungen entwickelt.

Alles richtig.
In dem Blogbeitrag habe ich aber versucht darzustellen, dass unser Gehirn bzw. unser Gehirn eben selber Mechanismen hat, die zur Erholung und Entspannung führen. Die wir aber systematisch ausschalten bzw. übergehen.

Wir müssten also erst einmal genauer Abschauen, was unser Gehirn so macht, wenn es am Nichtstun ist.

Wie stehe ich also zum Thema Nichtstun ?

Ich würde gerne Nichtstun als Schulfach haben. Lehrer wären die angeblichen Tagträumer. Wir müssen von Denjenigen lernen, die schon aus eigener Erfahrung Experten in Tagträumerei bzw. Kontemplation sind.

Und ich träume von einer anderen Art der Psychiatrie und Psychotherapie, die eben Störungen wie Bulimie, Borderline, Migräne oder Epilepsie als das versteht, was es eigentlich auch ist : Der Versuch wieder einen Zustand der inneren Ruhe bzw. Nichtstun erreichen zu können.

Jetzt aber genug mit dem Nichtstun. Wenn es schon spät sein sollte, denke an die Kindersendung Löwenzahn : Öfter mal Abschalten. Das gilt auch für den Rechner.

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9 Gedanken zu „Nichtstun ist anstrengend : Wie finde ich den Ausschalter für mein Gehirn

  1. bettyblue02

    „Und ich träume von einer anderen Art der Psychiatrie und Psychotherapie, die eben Störungen wie Bulimie, Borderline, Migräne oder Epilepsie als das versteht, was es eigentlich auch ist : Der Versuch wieder einen Zustand der inneren Ruhe bzw. Nichtstun erreichen zu können.“… – oh ja, davon träume ich auch! Die Identifikation mit dem, was oder wer wir angeblich zu sein haben, ebnet den Weg für Krankheiten, und es bedarf nicht selten eines jahrelangen, wenn nicht sogar jahrzehntelangen Leidensweges, den destruktiven Denkmustern auf die Spur zu kommen. Noch schwieriger ist es dann, sich von ihnen zu lösen. Unsere Konditionierungen und die Maßgaben der Gesellschaft halten uns von dem ab, was Leben sein kann: Ein Geborgensein im Strom der Zeit. So ist es in unserer Kultur nicht opportun, sich dem Müßiggang hinzugeben, auch die Freizeit will organisiert sein, schließlich gilt es, keine Zeit zu verlieren, im wahrsten Sinn. Jedoch: Wer keine Zeit mehr verliert, verliert irgendwann sich selbst. Dabei sind die daraus entstehenden Krankheiten nur die Spitze des Eisbergs. Subtiler ist die allmähliche Selbstentfremdung. Meditation und Kontemplation versucht, dem entgegen zu wirken und den Kontakt zum Wesenskern wieder herzustellen. Meditative Praxis kann aber nicht wie auf Rezept verordnet werden. Es bedarf der Sehnsucht des Patienten, einen Raum jenseits der Krankheit zu finden, der Geborgenheit gibt. Schauen Sie sich den Buddha an: In sich ruhend, friedlich, still. Die Philosophie des Buddhismus ist Therapie, im besten Sinn. Wenn man halt Zeit dafür hat (smile).

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  2. Herr Einzel

    Hallo Martin,

    vielen Dank für diesen Artikel zur ‚Blogparade Nichtstun – Fluch oder Segen‘. Nach kurzer Akademisierung habe ich Deinen Beitrag aufgesogen und fand die Vergleiche zur PC-Welt sehr treffend.

    Kostet Nichtstun aber wirklich 80% mehr Energie als Wastun? Im Sinne von Runterfahren von einem anstrengendem Alltag in den Ruhemodus am Abend ist das sicherlich zutreffend. Setze ich mich jedoch an einem weniger arbeitsreichen Tag ans Fenster und beobachte die Wolken ohne dies jedoch wahrzunehmen und verbleibe so über meine gewünschte Zeit, die jederzeit variieren kann, so halte ich die 80% für überzogen. Vielleicht ist es messbar und in Graphen darstellbar, aber fühlbar nicht.

    Nichtstun ist auch nach wie vor ein recht negativ behafteter Begriff, der begleitet wird von Trägheit bzw. Faulheit auf Kosten Anderer. Das mag auch der Grund sein, warum viele Menschen gar nicht erst beginnen, begreifen zu wollen, das diese Untätigkeit wirklich inspirierend sein kann, sich mal wieder für sich selbst zu empfehlen.

    Und wenn es nur ein kleiner Augenblick ist, der die eigene Wertschätzung erhellt, dann ist auf jeden Fall etwas gewonnen. Wichtig ist es zu erkennen, das Nichtstun etwas an oder mit einem tut. Das hängt von der Präposition ab.

    Aber tun tut man nicht sagen.

    Beste Grüße

    Einzel

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    1. Dr Martin Winkler Autor

      Die Mehrenergie ist ja sozusagen Mehrarbeit des Gehirns. Das muss man nicht unbedingt körperlich als Erschöpfung spüren. Ich könnte die Quelle irgendwann mal raussuchen.

      Auf jeden Fall ein interessantes Thema. Ich habe u.a. mich danach mit dem Gähnen beschäftigt. Der Beitrag ist aber noch nicht fertig. Irgendwann muss ich ja auch mal Nichtstun.

      Viele Grüsse Martin

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    2. bettyblue02

      Hallo Herr Einzel,

      das genau ist der Kern: „Dass Nichtstun etwas an oder mit einem tut.“ Und das, was das Nichtstun mit einem tut, ist ab einem bestimmten Zeitpunkt für das Gros der Menschen unangenehm. Warum ist das so? Weil Nichtstun ab einem bestimmten Zeitpunkt dazu geeignet ist, den Menschen mit seinen Schattenseiten zu konfrontieren. Wenn die Ablenkung ausbleibt, hat das Aufräum- und Sortierprogramm des Gehirns nämlich gemeinerweise die Eigenschaft, nicht nur die mehr oder weniger trivialen Ereignisse des Alltags zu rekapitulieren, sondern sich den tieferen Schichten des Bewussten und Unbewussten zuzuwenden. Und das muss man erst einmal aushalten lernen. Denn da tauchen Fragen auf wie: „Darf ich mir das Nichtstun leisten?“, „Könnte ich es aushalten, überhaupt nichts mehr zu tun?“ oder auch: „Wer bin ich eigentlich, wenn ich nichts mehr tue?“

      Es ist das Infragestellen der Identität, die den Fragenden irgendwann zum Philosophen werden lässt. Und dass es verdammt anstrengend ist, ein Philosoph zu sein, wissen wir nicht erst seit Nietzsche. Wenn der Mensch sich nicht mehr über sein Tun definieren kann, bleibt ihm nur noch sein Denken. Und wenn er sich auch nicht mehr über sein Denken definieren kann, bleibt ihm nur noch das Sein. Sorgenfreies Nichtstun ist ein Idealzustand des reinen Seins, in dem auch das Denken zum Stillstand kommt. Manchmal glaube ich, dass das letztlich die größte Freiheit des Menschen sein könnte: Die Freiheit vom Denken.

      Herzliche Grüße, bb

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  3. papillonindigo

    Nichts tun ist meine lieblingste Hobby geworden. Ich weiss dass ich es einfach regelmässig brauche. Natürlich hatte ich zuerst auch eine Menge schlechte Gewisse überwinden müssen.
    Nun, heute, mache ich es wirklich so viel ich brauche, wenn es geht… Nicht nur schaffe ich da in mein Kopf aufzuräumen, auch mal ein bisschen alte Mist, aber wenn ich etwas tue, dann tue ich es viel besser.
    Als kind hatte ich es schon gemacht und meine Eltern hatten nichts dagegen. Sie nennten es „sich denken hören“ und machten es auch. Trotztdem hatten mich irgendwie einige anderen Menschen da geschafft mich eine schlechte Gewissen zu machen.
    Die Bedürfnis hatte ich immer gespürt, aber bis ich es einordnen könnte und wirklich ernst nehmen konnte, es sogar durchsetzten konnte, hat noch eine Weile gedauert und einige Krisen.
    Interessant ist auch dass ich so weniger mit meine ADS zu kämpfen habe. Ich vergesse weniger, ich bin zuverlässig und es passiert mich selten eine kleine Katastrophe.
    Ich weiss auch, dass wenn ich wieder vergesslich wird, wieder reizbar und kein Antrieb habe, dass mich meine Zeit Löcher in Luft zu starren, hinliegen und Gedanken nachhängen oder einfach schlafen fällt. Mit der Zeit, wenn ich mich keine Zeit nehme zu nichts tun, werde ich ehe erschöpft.
    Auch am Arbeit bin ich manchmal kurz, immer wieder, am träumen… Naja und? Am liebsten wenn keine Vorgesetzt mich anschaut… Ich weiss dass ich deswegen auch bessere Leistungen bringe und viel zuverlässiger arbeite, daher schäme ich mich nicht mehr dafür…
    Ich fand der vergleich mit der PC sehr sprechend! So erlebe ich auch. Ich, wie meine PC, werde ich langsamer wenn der Harddisk nicht refragmentiert wird.
    Ich habe auch gemerkt, wenn ich etwas schwieriges erlebe, wenn ich in eine Krise stecke, brauche ich noch mehr von diese Nichtstun und lasse noch mehr liegen und bin auch sonst in alles langsamer. Aber ich halte meine seelische Gesundheit ehe als etwas sehr wichtig. Wichtiger als der Haushalt.

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  4. Pingback: Blogge wie ein Pirat | Seelenklempnerei Winkler

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