Von Freud und Widerstand zum Schornsteinfeger

Wieso will ein Mensch nicht essen ? Warum kotzt eine Bulimikerin ? Und warum können so intelligente, so kreative und so vernünftige Mädchen nicht aufhören, die Essstörung zu leben? Viele Fragen.

Du könntest doch, wenn Du nur wolltest. Das sagen sich die Patientinnen selber und glauben womöglich noch lange daran. Aber sie hören es von allen Seiten. Nicht nur von den Eltern oder Angehörigen, auch von Freundinnen oder den Therapeuten. Und es kann doch nicht so schwer sein, eine Gurke oder ein paar Gramm eine Joghurts zu sich zu nehmen. Jedenfalls kein Grund, daraus eine elend lange Grundsatzdiskussion vom Zaun zu brechen.

Wenn man die Presse oder gar Fernsehsendungen verfolgt, so scheint die Antwort ja nicht so schwer : Unsere Schlankheitsideale in Modell-Castings im Fernsehen oder Artikel Bravo oder sonstigen Jugend- und Frauenzeitschriften suggerieren einen Zusammenhang von Schlankheit und Erfolg.

Aber zumindest meine Patientinnen sind selten solche „Modepuppen“ oder an diesen Themen interessiert. Es wäre ja schon fast ein Erfolg, wenn sie sich an Themen wie Teenie-Bands, Mode, Sexualiät oder den letzten Tratsch über irgendwelche Fernseh-Schlammschlachten beteiligen wollten oder könnten.

 

Frau G ist in unserer Klinik zum 3. Mal und hat eine Leidensgeschichte von zig Kliniken hinter sich. Sie verhungert zusehend und teilt in der Gruppe mit, dass sie nicht zur Psychotherapie, nicht zur Kunsttherapie oder sonstigem Gelaber da wäre. Sie sei einzig zur Ernährungstherapie hier.  Sie wolle nicht gesund werden, maximal BMI 14. Sie fände das schön. Eine Lebenseinstellung. Und so weiter… Auch dafür wäre sie Monate in unserer Überwachungseinheit „gefangen“, da sie auch für die Verhältnisse unserer Klinik mit einem BMI von deutlich unter  10 mehr tot als lebendig ist.

Aber sie treibt es auf die Spitze, in eine Psychotherapieklinik zu kommen, um keine Psychotherapie zu machen. Das hat schon was.

Natürlich kann man sich auch fragen, warum wir eine solche Patientin aufnehmen, oder ? Aber wir sehen es eben auch oder gerade als Teil ihrer Störung scheinbar „nicht therapierbar“ zu sein. Und deshalb kann man sie doch nicht aussen vor lassen. Und es gibt auch berechtigte Überlegungen, ob man in diesem niedrigen Gewichtsbereich Therapie machen kann / soll / darf. Nur : Ab einem „höheren“ Gewicht läuft sie ja davon. Es ist teil der Anorexie, dass sie eine Phobie vor dem Normalgewicht hat. Ob es nun eine Phobie ist, sei dahin gestellt. Aber sie hat keinesfalls Angst vor dem Zunehmen. Oder deutlicher : Sie hat Angst vor dem Normalgewicht. Vor dem Normalen. Sie ist anders, sie ist einzigartig. Sie ist speziell. Sie ist nicht normal. Das ist ein Teil ihrer Identität.

Und auch ein Teil ihrer inneren Selbstwahrnehmung.
Wir haben schon so einiges mit ihr erlebt. Beleidigungen und tätliche Angriffe. Manipulationen, Weglaufen und weiss der Teufel was. Und natürlich fragt man sich als Therapeut, warum man sich das antun soll. Wenn sie doch nicht will. Aber es ist keine völlig freie Entscheidung. Sonst wäre sie ja auch nicht in der Gruppe, in die sie ja gar nicht will.

Für die Psychotherapiegruppe ist sie eine Provokation pur. Es verschlägt einigen schlicht den Atem.  Und das will schon was heissen, weil da nun auch einige Klienten dabei sind, die hier ein gutes Beispiel für Widerstand wären. Die aus Kliniken wegen Widerstand in der Therapie vor die Tür gesetzt wurden. Das muss man erstmal hinbekommen. Weil man einen therapeutischen Widerstand als Therapeut wahrnimmt, kann ich doch die Patientin nicht mangels Mitarbeit vor die Tür setzen. Jedenfalls nicht, wenn man psychotherapeutisch denkt. Das auch bei uns Patientinnen sich einer Gewichtszunahme oder einer Therapie gegenüber scheinbar blockieren oder es nicht weiter geht, ist doch Ausdruck der Störung. Und nicht böser Willen.

Und jetzt Frau G. Sie hat schon einige Therapeuten verschlissen und ist gewillt, auch in der Gruppe sofort das Kommando zu übernehmen und damit mir als Therapeuten zu demonstrieren, wie hilflos ich bin. Bevor sie sich öffnen könne, wolle sie erstmal die anderen Mitpatienten kennenlernen. Sie sollen also erstmal die „Hosen runterlassen“. Nun gut. Ich bitte die Teilnehmer jeweils bei der Vorstellung das derzeitige Lebensgefühl von Frau G. zu beschreiben. Wir kommen nicht weit mit der Vorstellung. Aber die Beschreibungen passen bestens : „Gefangen“ und „konfus“.

Später am Nachmittag werde ich von ihr erfahren, dass es (angeblich) eine selbst gewählte Gefangenschaft sei. Da sie in der Gesellschaft nicht frei sein könne und ständig gegängelt werde, sei es das höchste Maß von Selbstbestimmung, wenn man sich selber einsperre in die Krankheit. Hier habe sie Macht über sich und andere. Muss man nicht verstehen, oder ? Dabei war sie als Kind wohl ein sehr lebendiger „Wildfang“. Also unternehmenslustig und schwer zu bändigen. Aber kreativ und lebenshungrig. Was um alles in der Welt muss da vorgefallen sein, dass sie jetzt so ausgesperrt vom Leben und Fühlen ist ? Sie versucht ein „positives Gefühl“ von Autonomie zu schützen. Unter dem Preis der Unfreiheit.

Wenn es also mit dem Willen allein nicht mehr weitergeht, so denkt man an mangelnde Veränderungsmotivation oder aber „Widerstand“. Zugegeben, eine Patientin mit Magersucht kann schon ziemlich heftig gegen Etwas sein. Aber so ganz klar war mir eigentlich nie, was man nun unter Widerstand verstehen müsste. Wissen Sie es ? Steckt da ein böser Vorsatz dahinter ?

Widerstand ist aber mehr als gegen etwas sein oder etwas ablehnen.

Ich hätte das Thema nicht erwähnt, wäre es mir nicht heute beim alten S. Freud begegnet. Klar, in der Theorie der Psychoanalyse muss es eine grosse Rolle spielen. Wir müssen ja nun nicht immer den Theorien oder Glaubenssätzen folgen. Und doch ist es spannend, wie der Freud Widerstand verbildlicht. Er vergleicht es mit der Situation in seinen Vorlesungen. Wenn dort im Auditorium nicht genügend Ruhe sondern ein Störenfried ihn von dem Vortrag abhalten würde, würde dieser Störenfried nach kurzem Kampf vor die Tür gesetzt. Hier ist also eine „Verdrängung“ im bildlichen Sinne gegeben. Er wird raus (aus dem inneren Raum) gedrängt. Nun wird der Störenfried sich damit aber nicht abfinden und alle möglichen und unmöglichen Mittel und Wege finden und etwa an der Tür rütteln. Als „Widerstand“ bezeichnet nun Freud nun, wenn sich die starken Männer, die den Störenfried vor die Tür setzten, nun mit ihren Stühlen gegen die Tür stemmen und sie damit schützen, so dass der Vortrag ungestört zu Ende gebracht werden kann. Sie schützen die Tür vor dem Eindringling.

Aus der Erfahrung würde ich erwarten, dass sich in den Bildern (bzw. den Metamorphosen der Bilder) sich die Entstehung und auch Lösung des dahinter stehenden Konfliktes zeigen. Dazu komme wir  noch.

Gut, der alte Freud hat ein anderes Vorgehen gewählt. Erraten ist auch eine Möglichkeit, aber mal im Ernst : Was soll das denn ?
Freud schreibt : „Wir lassen also den Kranken reden, was er will, und halten an der Voraussetzung fest, daß ihm nichts anderes einfallen kann, als was in indirekter Weise von dem gesuchten Komplex abhängt.
Erscheint ihnen dieser Weg, das Verdrängte aufzufinden, allzu umständlich, so kann ich Ihnen wenigstens die Versicherung geben, dass es der einzig gangbare ist.“ (S. Freud : Über Psychoanalyse)

Freud irrt. Oder nein, er hat Recht. Das erscheint mir wirklich zu umständlich. Aber Psychoanalyse es definitiv nicht der einzig mögliche Weg, den man gehen kann. Im Gegenteil : Noch umständlicher kann man doch kaum vorgehen.

Er meint ernsthaft, dass man aus den freien Assoziationen im Gerede des Patienten auf der Couch irgendwie erraten soll, was dahinter steckt. Das steht da wirklich drin. Zumindest verstehe ich es so. Psychotherapie als Quiz. Kein Wunder, dass das dann 2 bis 5 Jahre dauern kann, bis der Analytiker das Rätsel errät. Oder es nie löst. Oder es ist wie bei der Radio-Commedy „Frühstück bei Stefanie“. Da erscheint auch am Ende immer ein noch fehlendes Kreuzworträtsel. Die Anzahl der Buchstaben passt, die Lösung ist aber jedesmals frei assoziiert erraten . Und völlig falsch.

Zugegeben :  bei mir ist es andersherum. Ich finde, dass der Therapeut sich anstrengen muss, dass das Gehirn gerade Un-Sinn erfährt. Also das bewertende Frontalhirn ausgeschaltet wird. Und so über innere Bilder die assoziativ arbeitenden neuronalen Netze aktiviert werden. Und die Gefühle und meinetwegen auch Widerstände oder Konflikte zum Vorschein kommen. Man kann sie sichtbar machen. Ich erzähle eine ganze Menge und häufig auch Blödsinn. Ich schlage Haken und bin für meine Patientinnen in aller Regel schwer vorhersehbar. Aber ich rege zu inneren Bildern und Metaphern an. Ich möchte auf den Punkt in die Lücke. In die Spaltung. In den Moment, in dem das Drama seinen Anfang nimmt. Und sich ändern lässt. Wenn man weiss, wonach man sucht ist es  einfach.

Freud selbst hat sich lange mit Hypnose, mit Traumdeutung und bewusstseinsverändernden Drogen beschäftigt. Nur, um an innere Bilder zu kommen. Seine Bücher wimmeln nur so von tollen Metaphern seiner Patientinnen. Aber er zerflückt sie mit dieser komischen „Analyse“ als Ratespiel. Obwohl der Therapeut ja in der Analyse die Klappe halten soll.Und ich persönlich finde, dass ich da eigentlich näher an Freud dran bin als S. Freud selber.

Wo steht geschrieben, dass nun Therapeuten etwas erklären müssen. Das sie Theorien oder Analysen machen oder es besser wissen müssen oder können ? Und wieso sollte es helfen, über Probleme zu reden?

Freud hatte eine „Talking cure“ propagiert. Zuvor verwendet er aber das Bild des Kaminkehrers („chimney sweeping“). Das gefällt mir weit besser. Wir müssen eher wie ein Handwerker denken und das Gehirn wieder auf durchgängig und flexibel machen. Von Ablagerungen und Verkrustungen befreien, aber auch dafür sorgen, dass nicht immer und immer weider der alte Staub aufwirbelt und zur Konfusion oder zur Explosion führt.

Ich bin ein wenig ungeduldig und mag aber nicht im psychoanalytischen Sinne warten, bis in einigen Jahren der therapeutische Prozess dies aufzeigt. Patientinnen sind lange bei uns, aber nicht so lange. Soviel Zeit habe ich also nicht. Warum warten, wenn es sich in den inneren Bildern schon abbildet ? Verstehe ich nicht….

 

Das ist vielleicht etwas hart ausgedrückt. Und ich tue ihm und Analytikern sicher unrecht. Aber ich verstehe es derzeit nicht besser.  Warum nicht direkt mit den Bildern arbeiten ? Und statt Traumdeutung eher Traumverarbeitung anleiten ? Die inneren Bilder selber sind schon die Antwort bzw. Darstellung des Widerstandes und des Konfliktes. So einfach ist es.

Hier geht es auch irgendwie um Traum-Therapie. Aber um wache Träume (bzw. Rem-Phasen) . Es geht aber nicht um Traum-Deutung bzw. Analyse. Die Bilder sollen für sich sprechen. Ab und an werden wir uns darin versuchen, sie auch mal zu interpretieren. Das bietet sich an und ist ganz lustig bzw. aufschlussreich. Es müsste aber nicht sein. Es stört eher, als es nützt.

Je weniger ich als Therapeut eingreifen muss, desto besser die Therapie.

Ideal wäre, wenn ich mich überflüssig mache. Denn wer will schon ewig von einem Seelenklempner begleitet werden ?

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5 Gedanken zu „Von Freud und Widerstand zum Schornsteinfeger

  1. blogwesen

    Ein paar Anmerkungen: 1) Die Psychoanalyse ist bei Freud nicht stehen geblieben und heute ein ziemlich heterogenes Gebilde (Objektionstheorie, intersubjektive Psychoanalyse, inter-relationale usw.) bzw. in der Sozialphilosophie in die Anerkennungstheorie (Honneth) eingegangen. Vielleicht sich einfach mal mit ein paar der einschlägigen Autoren befassen…Winnicott und seine transitional-objects (Übergangsobjekte) haben ja auch evtl. viel mit der Entwicklung von Essstörungen zu tun, wenn man bedenkt, dass evtl. Bulimie/Anorexie als Ersatz eines haltenden mütterlichen Objekts fungieren könn(t)en…Mir hat es zu mindestens etwas gebracht diese Dynamik zu verstehen…(Auch wenn es mich nicht geheilt hat)

    Freud hat wie jeder Klassiker natürlich auch viel Mist geschrieben, aber z.B. die Couch haben erst seine Schüler/Jünger zum Dogma gemacht. Er selbst fand es nur zu anstrengend Leuten dauernd ins Gesicht zu sehen und der unbeteiligte klinische Beobachter ist der späte Freud…Nachdem seine ganzen Schüler Affären/Liebesbeziehungen mit Patienten eingingen, hat er quasi seine „Regeln“ dogmatischer gemacht. Patienten des frühen Freuds beschreiben ihn auch als durchaus aktiven Therapeuten, während er später vermutlich auch einiges seines Charisma verlor: Er war Kokain abhängig, Krebskrank… Von den Nazis verfolgt. Also im Alter schlug sich das bestimmt auch auf die therapeutische Praxis nieder…

    2-5 Jahre Therapiedauer halte ich bei schwierigen Familiengeschichten (3 Inzestgeneration etc.) durchaus für angebracht, weil evtl. es allein 1-3 Jahre dauert bis ein Patient sich überhaupt öffnet/Vertrauen findet. Es hat für mich weniger mit Technik zu tun und ich finde es ein defizit, dass Verhaltenstherapeuten nur 50 Stunden bekommen: Egal wie die Vorgeschichte ist. Die meisten Psychoanalytiker arbeiten mit und ohne Couch je nach Indikation des Patienten. Bei den sogenannten „frühen Störungen“ eher ohne Couch, weil angenommen wird, dass die Stabilität nicht da ist und der Therapeut eine aktivere Rolle einnehmen muss. Dennoch gibt es Patientengruppen (Borderline Störung) die immer wieder durch alle Raster fallen und zu wenig spezialisierte Therapeuten…Als Patient muss man sowohl ausprobieren a) welche Technik einem liegt b) Wie man mit dem Therapeut klar kommt. Häufig hat man aber das Problem, das gute Therapeuten Wartelisten von 2 Jahren haben…

    Der Widerstand bezieht sich sowohl auf den Patienten als auch auf den Therapeuten (Gegenübertragungswiderstand)

    Freud unterscheidet zwischen Widerstands-Typen, die sich sowohl auf seine Übertragungstheorie als auch seine (Ich, Es, Über-Ich Struktur beziehen)…Ich habe 5 Typen im Kopf, aber es können mehr sein
    Verdrängungswiderstand/Sekundärer Krankheitsgewinn (als Ich-Widerstände)/Wiederholungszwang (Es-Widerstand) (Übertragungswiderstand – Ichwiderstand und auf Seiten des Therapeuten Gegenübertragungwiderstand/
    Schuldgefühle und Strafbedürfnis (Über-Ich-Widerstand)

    Die Fragestellungen mit Freud wären also: was löst diese Patientin negatives in mir (dem Therapeuten) aus, dass ich sie emotional ablehne, bzw. Widerstände nicht abgebaut werden können und man kein therapeutisches Bündnis eingehen kann? Wie schafft sie es, immer wieder eine bestimmte Rolle in der Gruppe einzunehmen, sodass sie abgelehnt wird (Wiederholungzwang) Was gibt ihr dieser Wiederholungszwang?

    Zum Einen versucht sich die Patientin ja schon zu erklären: Sie empfindet die Umwelt so feindlich und ablehnend bzw. die Gesellschaft als so imperfekt, dass sie den Eindruck hat sich nur in ihr Gefängnis zurück ziehen zu können…Wenn der Therapeut diesen Gedankengang belächelt ist das der Patientin gegenüber degradierend…und wird bei ihr das Gefühl auslösen: Ich werde nicht verstanden. Ihre Perspektive einnehmen, wäre also eher sich anzusehen, warum sie zu der Ansicht gekommen ist. Und vielleicht ist diese Perspektive ja auch gar nicht s falsch, denn wir alle blenden die grässlichen Dinge (Kriegskonflikte, Hunger, Armut, Bettler) täglich aus und sehen das alles nicht, weil es quasi nicht so stark wahrgenommen wird…

    Vielleicht hat Frau G. ein Händchen dafür den Stationsalltag aller Klinika auf den Kopf zu stellen, weil sie den Finger in die Wunde legt und wirklich Missstände sieht, die man ungern als Therapeut zugibt…(Es gibt viel berechtigte Kritik am Zustand des Gesundheitssystems und seinen Implikationen)

    ODER/UND die negative Aufmerksamkeit bringt ihr etwas…Eine Art: Triumph über allem drüber zu stehen, bei gleichzeitigem Gefühl der Wertlosigkeit. Quasi ein „Austesten der Grenzen“. Wenn man nie gehalten wurde und keine Grenzen kennt, dann fordert man diese Grenzziehung von seiner Umwelt ein. Vielleicht möchte ein Teil von ihr raus-geschmissen werden und der andere Teil sehnt sich danach irgendjemanden zu finden, der sie endlich aushält, sie als Person annimmt, weil sie sich selbst als „nicht aushaltbar“ empfindet. Und gerade dieses Gefühl überträgt sie auf den Therapeuten. Prinzipiell macht Frau G. alle Personen um sich herum zu Aggressoren und das macht es schwer Empathie für sie zu empfinden, obwohl sie vermutlich gerade diese benötigen würde…

    Ebenso: Wenn jemand sich zwischen BMI 10 und 14 bewegt, richtet man sich nahe am Tod ein. Ich würde von einer totalen Grenzziehung zum Leben sprechen. Es ist wie am Abgrund zu stehen, mit einem Fuß in der Luft und immer in der Gefahr zu stürzen. Man kann sich nicht entscheiden Leben oder sterben zu wollen. Da ist für mich ein unbewusster oder bewusster Todestrieb dabei…Gleichzeitig zeigt man allen seine offene Lebensverneinung, die vermutlich alle nur noch hilfloser macht und auch wütend…

    Jemanden nicht zu therapieren, weil der BMI zu gering ist, halte ich auch für absurd, dennoch wäre es hier vielleicht notwendig die Gruppe zu schützen und die Patientin eher in Einzeltherapie, Ergo, Physio etc. zu stecken…(Leider in vielen Klinika nicht mal vorhanden)

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    1. Dr Martin Winkler Autor

      Ganz herzlichen Dank für den ausführlichen Kommentar. Mir ging es nicht darum, Analytiker zu kritisieren oder Freud oder seine Jünger in Frage zu stellen. Eher darum, dass Freud eben auch viel über innere Bilder nachgedacht hat. Und man vielleicht dieser Spur folgen könnte. Jedenfalls mache ich das gerne.

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      Antwort
      1. blogwesen

        Mir ging es in meinem Kommentar eher darum zu zeigen, dass es „Freud und seine Jünger“ überhaupt nicht gibt und sich die Psychoanalyse in viele Richtungen -auch von Freud weg- weiter entwickelt hat. Z.B. ist die Triebtheorie von einigen Analytikern völlig fallen gelassen worden (überwiegend angelsächsischer Bereich) und wird von anderen als „kulturelles Konstrukt“ aufgefasst…In Deutschland ist man eher konservativer (Ödipus-komplex etc.) , aber so seit den 70-80ern auch auf dem Weg…

        Z.B. teile ich auch nicht Kernbergs These, dass quasi alles nur von frühen Störungen abhängt und man ohne eine solche auch schlimmste Kriegserlebnisse und das KZ -gut- überleben kann. (Anti-Traumahypothese)…
        Dennoch sind Kernbergs Thesen über die Borderlinestörung und pathologischen Narzißmus eine Lektüre wert.
        Oder Hirschs Festhalten am Ödipuskomplex, wobei er realen Inzest/Traumata nicht verleugnet, aber annimmt, dass es beides gibt…

        Psychoanalyse ist auch keineswegs ein Ratespiel mit Bildern, sondern es geht eigentlich bei Freud um die Theorie, dass es einer tiefen Regression bedarf, um zu gesunden, bzw. in ‚moderneren Versionen‘ fast nur noch um das Konstrukt gestörter Beziehungen und wie diese sich durch Übertragung/Gegenübertragung und Widerstands-Gegenübertragung in der therapeutischen Beziehung ausdrücken. Träume, Bilder etc. (freies Assoziieren) erlaubt einen tieferen Blick auf den Menschen als stringente Befragung…, weil man hier weniger Selbstkontrolle hat…

        Persönlich finde ich die englischen/amerikanischen Klassiker wesentlich weniger umständlich geschrieben: z.B. John Bowlby/Mary Ainsworth (Bindungstheorie) oder eben Winnicott (transitional objects)…

        Jessica Benjamins Buch: Die Fesseln der Liebe fand ich sehr aufschlussreich…, weil es die meisten Theorien ganz gut zusammenfasst…, um dann zu einer eigenen Sichtweise zu kommen

        Über Bulimie und den Körper/die Nahrung als Übergangsobjekte gibt es viele gut zu verstehende Texte…Hier nur 2 Beispiele (Beim zweiten Link kommt der Text erst nach ein paar Seiten…)..Aber evtl. ist dir die Theorie ja eh schon bekannt…:

        http://www.psychoanalysis-and-therapy.com/human_nature/farrell/chap3.html
        http://psydok.sulb.uni-saarland.de/volltexte/2012/3328/pdf/38.19893_2_33280.pdf_new.pdf

        PS: Die Versorgungssituation von Borderline-Patienten (häufig überlappend mit Bulimie/ sehr seltene auch Anorexie) wird ja auch von der Psychotherapeutenkammer als schlecht angesehen, obwohl es wirkungsvolle Verfahren gibt…Aus der Verhaltentherapie hat die DBT gute Erfolgsquoten und aus der tiefenpsychologischen bzw. psychoanalytischen Richtung TFP und MBT…Aber finde mal im ambulanten Bereich Therapeuten :
        http://www.bptk.de/aktuell/einzelseite/artikel/psychotherap-74.html

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  2. bettyblue02

    So hart es klingt: Ich glaube nicht, dass Frau G. die Chance hat, mithilfe der gängigen therapeutischen Möglichkeiten in einer Klinik gesund zu werden. Der Widerstand gegen die Therapie und gegen das Leben als solches ist einfach zu groß. Was könnte diesen Widerstand brechen? Beziehungsweise: Was könnten Sie Frau G. anbieten als Alternative zu ihrer Krankheit? Wenn alle Versuche gescheitert sind, sie zur Kooperation zu bewegen, was soll dann noch helfen? Womöglich eine paradoxe Intervention?
    Woher könnte eine solche Intervention kommen? Durch das Leben selbst?

    Frau G. hat eine Wahl getroffen. Sie will nicht gesund werden. Weil sie gesund mit normal verwechselt. Man kann gesund sein und normal, keine Frage. Man kann aber auch gesund sein und sich gleichzeitig weitab der Normalität Freiräume schaffen, in denen das Individuelle greifbar ist, das Spezielle, das Frau G. von jedem anderen Menschen unterscheidet. Yoga wäre ein Weg, Frau G. in Kontakt zu bringen mit ihrem Körper und diesen in seiner Einzigartigkeit zu spüren.
    Jetzt nochmal zur Intervention. Ich nenne es: Die Wege Gottes.
    Was wäre, wenn Frau G. sich verlieben würde? Was wäre, wenn sie sich in Sie, Herr Dr. Winkler, verlieben würde? Gott bewahre, mögen Sie sagen. Das wäre der Super-GAU, gell? Ich sage: Es wäre eine Chance. Weil die Liebe alles möglich macht.
    Frau G. muss sich verlieben. Und zwar richtig, mit Leib und Herz und allen Sinnen. Dann würde sie wieder Leben spüren. Und Lust auf Leben. Lust auf eben dieses Leben, dem sie sich jetzt noch verweigert. Wann und ob diese Liebe kommt, liegt nicht in Ihren Händen. Aber bis sie kommt, hat Frau G. keine Chance.

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